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Konstanz „An Schulen dominiert Langeweile“

Der Konstanzer Professor Thomas Götz forscht zur Langeweile in der Schule. Seine These lautet: Diese Emotion lässt sich nur schwer aus dem Unterricht verbannen. Dazu müsste sich der Unterricht grundlegend ändern.

Der Konstanzer Bildungsforscher Thomas Götz untersucht Langeweile in der Schule. Sein Fazit: Lehrer werden es kaum schaffen, alle Schüler gleichermaßen zu begeistern.
Der Konstanzer Bildungsforscher Thomas Götz untersucht Langeweile in der Schule. Sein Fazit: Lehrer werden es kaum schaffen, alle Schüler gleichermaßen zu begeistern. | Bild: Bild: Hanser

Samstagsgespräch: Professor Thomas Götz forscht zur Langeweile in der Schule. Seine These: Diese Emotion lässt sich nur schwer aus dem Unterricht verbannen

Herr Götz, was ist Langeweile?

Der Kern von Langeweile ist, dass die Zeit subjektiv langsam vergeht. Das sagt aber eigentlich das Wort schon: lange Weile. Es gibt verschiedene Langeweile-Formen. Eine Form ähnelt Entspannungszuständen, die sogar als relativ angenehm empfunden werden. Aber es gibt auch fast aggressive Formen von Langeweile. Die Zeit vergeht langsam und man wird aufgewühlt, weil man sich denkt, ich möchte jetzt eigentlich etwas anderes tun und muss hier rumsitzen. Je unangenehmer Langeweile erlebt wird, desto eher unternimmt man etwas, um sie loszuwerden. An Schulen erlebt man eher wenig stark unangenehme Langeweile. Diese Langeweileform wird in erster Linie einfach ertragen, eben weil sie nur schwach negativ erlebt wird.

Haben Sie sich in der Schule selbst gelangweilt?

Ja, ziemlich viel, und zwar in Unterrichtsstunden, in denen man nicht die Bedeutung dessen erkannte, was unterrichtet wird. Als wir in Geschichte die ganzen Jahreszahlen auswendig lernen mussten, habe ich mich sehr gelangweilt. Ich habe damals schon meinen Lehrer gefragt, wozu man denn das alles lernen muss und die Antwort war: Das weißt du jetzt noch nicht, das wirst du später schon mal erfahren. Das ist aus meiner Perspektive der zentrale Grund für Langeweile, wenn die Wichtigkeit dessen, was man lernen sollte, nicht erkannt wird.

Heißt das, die Lehrer sollen keine Jahreszahlen mehr unterrichten?

Sie sollen den Schülern einfach klarmachen, warum die Zahlen eine Bedeutung haben, auch für ihre Lebenswirklichkeit. Noch vor Jahren war beispielsweise Mathematik eher etwas sehr Abstraktes an Schulen. Und jetzt versucht man immer mehr, den Schülern zu vermitteln, warum Mathematik für ihr Leben wichtig ist. Das vermindert Langeweile.

Sie sagen, Langeweile sei das dominierende Gefühl an unseren Schulen. Ist der deutsche Unterricht so schlimm?

Das Problem ist, dass wir in unseren Schulen sehr heterogene Klassen haben. Die Leistungsspannbreite in den Klassen ist sehr groß, auch an unseren Gymnasien. Das heißt, einem Lehrer wird es, auch wenn er sich noch so bemüht, kaum gelingen, dass er immer alle individuellen Interessen trifft und auf unterschiedliche Begabungen adäquat eingeht. Und deswegen werden sich Schüler immer zu einem gewissen Grad langweilen, außer man findet Unterrichtsformen, in denen man sehr stark individualisiert unterrichtet, was sicherlich erstrebenswert ist.

Welches Fach wird als besonders langweilig empfunden?

Wir haben Schüler befragt und herausgefunden, dass es keine typisch langweiligen Fächer gibt. Die Schüler sagen ganz klar: Wenn sie sich langweilen, dann liegt es primär an der Unterrichtsmethode und am Stoff. Wir haben auch Schüler der achten und elften Jahrgangsstufe mit kleinen Taschencomputern ausgestattet. Die Geräte haben in spezifischen Fächern gepiepst und die Schüler mussten angeben, ob sie sich gerade langweilen und wenn ja, wie stark. Dabei kam heraus, dass sich die Schüler in 54 Prozent der Unterrichtszeit zumindest leicht langweilen und in 24 Prozent der Zeit sehr stark. Die Werte für Freude, Angst, Hoffnung, Stolz und auch für Ärger waren wesentlich geringer. Langeweile war die mit Abstand dominierende Emotion.

War das erschreckend?

Ja, es ist insofern erschreckend, weil viele Lehrkräfte nicht merken, dass sich Schüler langweilen. Wir haben Schüler gefragt, was sie machen, wenn sie sich langweilen und die meisten sagen: Wir tun so, als würden wir uns nicht langweilen, damit wir keinen Ärger kriegen. Das ist natürlich aus Sicht der Schüler eine kluge Strategie.

Muss sich was in der Lehrerausbildung ändern, damit Langeweile vermieden wird?

Ja, absolut. Der Umgang mit der Heterogenität in den Klassen muss noch viel mehr in die Ausbildung integriert werden. Wir machen das ja an der Uni Konstanz, aber es dauert ewig lange, wenn wir das hier vermitteln, bis die Lehrer an die Schule kommen. Darum sind auch Lehrerfortbildungen so wichtig, damit wir schnell auf Probleme in unserem Bildungssystem reagieren können.

Ist das auch ein Plädoyer für die Gesamtschule?

Nein, gar nicht. Da sind sich die meisten Bildungsforscher einig, dass man diese Strukturdiskussion leid ist. Brauchen wir Ganztagsschulen, brauchen wir ein dreigliederiges Schulsystem – das sind an sich natürlich wichtige Fragen. Aber viel wichtiger ist, was im Unterricht konkret passiert. Und die ganze Diskussion über Strukturen lenkt vom Eigentlichen ab. Viel zentraler ist es zu sagen, wir brauchen einen guten Unterricht. Das ist natürlich schwieriger zu definieren, darum stürzen sich viele in diese Strukturdebatte.

Sie lehren ja auch selbst. Langweilen Sie Ihre Studenten?

(lacht) Ich hoffe nicht. Ich versuche immer mit Enthusiasmus zu unterrichten. Aber es ist eigentlich paradox, dass ich den Studenten predige, wir sollen individualisiert unterrichten. Und dann mache ich genau das nicht. In meiner letzten Vorlesung waren 165 Studenten, da ist keine individualisierte Lehre möglich.

Was machen Sie persönlich, wenn Ihnen langweilig ist?

Manchmal ist es wirklich eine gute Strategie zu gehen. Man kann potenziell langweilige Phasen auch antizipieren und sich zum Beispiel irgendwas Spannendes zum Lesen zum Arzt mitnehmen, weil im Wartezimmer meistens ganz schlechte Zeitschriften liegen. Ich persönlich empfinde Langeweile als eine eher unangenehme Emotion. Ich langweile mich sehr ungern und ich langweile mich relativ selten.

Fragen: Kirsten Schlüter

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