Mein
Ratgeber weiterführende Schule

Konstanz Wohnungen für Flüchtlinge: Suche auf einem leergefegtem Markt

Serie Integration (5): Eine Wohnung zu finden, gestaltet sich in Konstanz extrem schwierig. Doch einfach wegziehen dürfen auch anerkannte Flüchtlinge nicht.

Verzweifelt. Wenn es um Wohnungssuche und Flüchtlinge in Konstanz geht, dann kommen alle immer wieder auf dieses Wort zurück. Es scheint aussichtslos. Der Wohnungsmarkt ist leergefegt, die Anschluss-Unterkünfte der Stadt sind zwar im Bau, aber noch nicht fertig. Und dann erschweren bürokratische Hürden die Suche zusätzlich, das hat beispielsweise Anita Hoffmann erfahren, Organisationschefin der Konstanzer Tafel, die sich für Teia Noufal und Louai Alassaf einsetzt, beide orthodoxe Christen aus Syrien. Wie kompliziert es im Einzelfall mit der Wohnungssuche sein kann, zeigt sich an den beiden. Sie arbeiten gemeinnützig im Tafelladen. Anita Hoffmann versucht, ihnen zu helfen. Dank persönlicher Kontakte gelang es ihr, eine Ein-Zimmer-Wohnung für Teia Noufal zu finden. Doch der Einzug wäre beinahe gescheitert, weil eine überregional ausgestellte Aufenthaltsgenehmigung die Frau aus Syrien aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nicht erreicht hat. Ohne die Genehmigung aber konnte sie keinen Mietvertrag abschließen. Die Suche nach dem verlorenen Bescheid zog sich, irgendwo zwischen Nürnberg, Freiburg und Meßstetten hatte es wohl gehakt, dies geht aus dem Schriftverkehr dazu hervor. Statt wie im Juli, konnte sie jedenfalls erst im September einziehen. Dass zu diesem Zeitpunkt die Wohnung noch zu haben war, ist dem persönlichen und finanziellen Einsatz von Helfern zu verdanken.

Für Louai Alassaf dauert die Suche nach einer Bleibe an. Er hat Sorge, dass er in eine Anschluss-Unterkunft am Rande des Landkreises geschickt wird und seine mühsam aufgebauten ersten Kontakte wieder kappen muss. Solange Konstanz keine Anschluss-Unterbringung anbieten kann, könne es sein, dass Flüchtlinge aus den Gemeinschaftsunterkünften anderen Gemeinden zugewiesen werden, die Plätze für Flüchtlinge anbieten können, dies bestätigt Benedikt Graf, Sprecher des Landratsamts. Nach Möglichkeit werde aber versucht, integrationsrelevante Aspekte, wie Arbeit oder der Besuch einer Schule, zu berücksichtigen. Louai Alassaf sagt, die Arbeit bei der Tafel und die sozialen Kontakte dort seien für ihn enorm wichtig. Er brennt darauf, beruflich wieder gefordert zu werden. Wie Teia Noufal habe er eine kaufmännische Ausbildung, zudem langjährige Erfahrungen in einem Unternehmen für Kopiergeräte. In seiner Unterkunft im Transco-Gebäude versuche er so gut wie möglich Deutsch zu lernen. Einfach sei das aber nicht bei zwei Mitbewohnern auf engstem Raum. Er hätte gern eine Chance, sich zu beweisen. Teia Noufal geht es genauso: „Wir wollen nützlich sein, wir wollen doch lernen.“

Endlich zur Ruhe zu kommen, das ist der größte Wunsch von Lorin Muhammad aus dem syrischen Afrin im Bezirk Aleppo. Seit sechs Jahren, so berichtet die 26-Jährige, seien sie und ihr Mann Hawal Samo auf der Flucht. Erst innerhalb Syriens. „Wir sind mit Tüten in der Hand immer weiter zu den nächsten Freunden.“ Dann in der Türkei. Vor zwei Jahren sei ihr Mann nach Deutschland gekommen, vor einem Jahr sie und das heute vier Jahre alte Kind. Zusammen leben sie in einem winzigen Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft Atrium. Sie sind als Flüchtlinge anerkannt, sollen nun ausziehen und finden keine Wohnung.

Vor einiger Zeit hätten sie schon einmal über private Kontakte eine gehabt, doch damals, so sagt SPD-Stadträtin Zahide Sarikas, die sich um die Familie kümmert und für sie aus dem Kurdischen übersetzt, habe diese noch keinen Aufenthaltsgenehmigung gehabt und musste deshalb in der Gemeinschaftsunterkunft bleiben. Vor wenigen Wochen hoffte die Familie, eine Wohnung gefunden zu haben, doch sie war größer und teurer als die, die das Jobcenter bezahlt. Auf eine Zuzahlungsvereinbarung habe sich keiner einlassen wollen, weder das Amt, noch der Vermieter. Zu Verwandten in anderen Bundesländern darf die Familie ohne eine sozialversicherungspflichtige Arbeit nicht ziehen. Wobei sich Lorin Muhammad einen Neustart in einer wieder neuen Stadt kaum vorstellen kann. Es klingt sehr erschöpft, wenn sie sagt: „Wir wollen endlich ankommen.“


Vorschriften fürs Wohnen

Aus der Gemeinschaftsunterkunft, in die ein noch nicht anerkannter Asylbewerber gewiesen wurde, darf der Flüchtling erst einmal nicht ausziehen. Dies soll er dann aber spätestens nach 24 Monaten oder mit der Anerkennung als Flüchtling. Wer dann keine sozialversicherungspflichtige Arbeit oder Ausbildung hat, der unterliegt der im vergangenen Jahr neu eingeführten Wohnsitzauflage. Bis zu drei Jahre kann dem Flüchtling vorgeschrieben werden, wo er wohnen soll, in der Regel in der Region seiner bisherigen Gemeinschaftsunterkunft. So will der Staat verhindern, dass alle Flüchtlinge in dieselben bekannten Großstädte ziehen und sich dort die Neuankömmlinge ballen. 

Erleben Sie den Komfort von SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2 ab 19,90 € monatlich.
Mehr zum Thema
Integrationsserie Konstanz: Hier finden Sie alle Teile der Integrationsserie aus Konstanz.
Frühling bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Kreuzlingen
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017