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Ratgeber weiterführende Schule

Konstanz „Wir sind es den Opfern schuldig“

Katrin Brüggemann ist die Sprecherin der Initiative Stolpersteine. Bei einem Latte Macchiato auf Eis spricht sie über das Thema Erinnerung.

„Wir sind es den Opfern schuldig“: Katrin Brüggemann im Gespräch mit Redakteur Philipp Zieger über das Thema Erinnerung.
„Wir sind es den Opfern schuldig“: Katrin Brüggemann im Gespräch mit Redakteur Philipp Zieger über das Thema Erinnerung. | Bild: Bild: Hanser

Auf einen Kaffee mit Katrin Brüggemann. Bei einem geeisten Latte Macchiato spricht sie über die Initiative Stolpersteine und das Erinnern an die Unmenschlichkeit im Dritten Reich

Frau Brüggemann, angesichts der zahlreichen Projekte: Wie viel Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis brauchen wir?

Es kann nicht genug Erinnerung geben. Oft reichen aber reine Zahlen und Fakten nicht aus, da die Gräueltaten des Nationalsozialismus so unvorstellbar sind. Nachvollziehbarer und greifbarer wird es dann, wenn Namen und Schicksale mit diesem Teil der Geschichte verknüpft sind. Deshalb finde ich das Projekt Stolpersteine so wichtig, weil wirklich der einzelnen Person gedacht wird, dass diese unter uns gewohnt hat und es jeder hätte mitbekommen müssen, was mit ihr geschieht. So wird das Schicksal für Menschen aller Generationen greifbarer. Ich denke auch, dass es sehr wichtig ist, durch Erinnern in seinen vielfältigen Formen den Opfern Respekt zurückzugeben.

Sehen Sie eine zeitliche Begrenzung des Erinnerns?

Erinnerung hat kein Ablaufdatum. Gerne zitiere ich Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen. Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ So denke ich, ist es unsere Aufgabe, durch die Erinnerung zu verhindern versuchen, dass es wieder geschieht. Auch sind wir es den Opfern schuldig, dass wir uns an sie erinnern. Da es immer weniger Zeitzeugen gibt, liegt es an den nachfolgenden Generationen, die Erinnerung an diese unfassbare Zeit aufrecht zu erhalten.

Transportieren Sie diese Verknüpfung mit Namen in die Jugend, in Schulklassen hinein?

Anfangs war es schwierig, mit Schulen zusammenzuarbeiten, weil die Lehrpläne dafür wenig Zeit lassen. Auch wenn von Anfang an Interesse vorhanden war. Zwischenzeitlich halten wir in Schulklassen immer wieder Vorträge über die Schicksale von Konstanzer Opfern. Manche Jugendliche recherchieren dann von sich aus an Biografien weiter. Dieses Jahr wird ein Stein verlegt für Ruth Schwarzhaupt, die auch selber zur Verlegung kommen wird. Mit ihr sind Schüler in Kontakt getreten, haben über ihr Schicksal Fakten gesammelt. Eine Schulklasse des Marianums in Hegne übernimmt auch die Patenschaft für ihren Stolperstein. Durch den Zug der Erinnerung, mit dem wir sehr eng zusammengearbeitet haben, sind einige Schüler nach Auschwitz gefahren. Sie planen auf Grund ihrer dort gesammelten Eindrücke einen Gedenktag am 22. Oktober in Konstanz, dem Tag der Deportation Juden im Jahr 1940.

Das Engagement der Jugend ist demnach groß.

Zwei Schüler haben zum Beispiel Projektarbeiten über die Stolpersteine geschrieben: ganz aktuell Fabian Kitzmann. Er recherchierte auch zur Biografie für Hermann Venedey. Für ihn wollen wir im kommenden Jahr einen Stolperstein verlegen. Aber auch darüber hinaus gibt es viele Jugendliche, die sich für die Erinnerungsarbeit interessieren, gerade, wenn diese mit konkreten Schicksalen verknüpft ist.

Können Sie die Einwände vor allem mancher junger Menschen nachvollziehen, die des Erinnerns überdrüssig sind und sagen: Wir sind nicht Schuld an dem, was im Dritten Reich passiert ist?

Es liegen mindestens zwei Generationen dazwischen. Daher ist es für die junge Generation tatsächlich zum Teil schwer greifbar. Aber genau deswegen ist die Erinnerung daran wichtig, damit diese Mahnung bleibt. Je konkreter, desto besser. Es geht dabei ja keinesfalls um Schuld.

Wie sehr wird Ihre Initiative in der Stadt unterstützt, wie wird sie akzeptiert?

Die Unterstützung von Seiten der Stadt war von Anfang an sehr groß. Erst war es auf ideeller und praktischer Basis, seit zwei Jahren erhalten wir auch einen Geldbetrag. Damit bezuschussen wir die Reisekosten und Unterkunft, wenn Angehörige und Überlebende zur Stolpersteinverlegung kommen.

Dennoch scheint es derzeit nicht ganz zu reichen. Sie sind händeringend auf Sponsorensuche.

Mit unserem Etat können wir die Reisekosten nur bezuschussen. Und für eine Familie ist es nicht möglich die restlichen Kosten zu tragen. Sie kommt aus den USA und jeder Flug kostet um die 1300 Dollar. Dafür suchen wir derzeit noch Spender.

Kommt die Familie nun nicht am 14. Juli?

Doch. Wir haben zwar noch nicht das gesamte Geld gesammelt, das wir zuschießen wollen. Es fehlen uns noch etwa 1500 Euro. Wir sind aber guter Hoffnung, diese Summe zusammenzubekommen. Wir wollen unbedingt, dass diese Familie dabei ist. Es ist ja auch eine Überlebende des Holocausts und ich denke, es ist sehr wichtig, dass sie bei der Verlegung ihres eigenen Steins und den Steinen für ihre Familie dabei ist.

Am Mittwoch werden 24 Steine verlegt. Wie viele Namen haben sie noch auf der Liste von Konstanzer Opfern sind Ihnen noch bekannt?

Die Liste ist ständig im Wachsen. Sie wird auch nie vollständig und verändert sich permanent durch die aktuelle Arbeit. Mit der Recherche tauchen immer wieder neue Namen auf.

Fragen: Philipp Zieger

Alle Folgen des Kaffeegesprächs:

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