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Konstanz „Wir müssen das Bild nicht grundlegend revidieren“

Die Mainau arbeitet eine schwierige Zeit auf. Gräfin Bettina und Graf Björn Bernadotte sprechen im Interview über die 30er- und 40er-Jahre

Graf Björn Bernadotte und Gräfin Bettina Bernadotte wollen die dunklen Kapitel der Mainau aufarbeiten.
Graf Björn Bernadotte und Gräfin Bettina Bernadotte wollen die dunklen Kapitel der Mainau aufarbeiten. | Bild: dpa

Die Mainau macht die jüngere Geschichte der Insel öffentlich. Gräfin Bettina und Graf Björn Bernadotte haben den historischen Abriss auf der Internetseite des Unternehmens ergänzen lassen. Dargelegt wird, dass die Insel in der NS-Zeit an die Organisation Todt verpachtet war und nach 1945 als Erholungsort für befreite französische Häftlinge aus dem KZ Dachau diente. An sie und die Tatsache, dass 33 von ihnen auf der Insel starben, soll ein Gedenkstein erinnern.

Gräfin Bettina, die Mainau bemüht sich seit einiger Zeit, ihre zeitgeschichtlichen Bezüge präziser aufzuarbeiten und die Rolle der Mainau in den 30er- und 40er-Jahren neu zu beleuchten. Wo stehen Sie in dem Prozess im Moment?

Gräfin Bettina: Das Projekt setzt sich aus drei Dingen zusammen, einmal die Überarbeitung unserer Darstellung auf unserer Internetseite, und diesen Text haben wir jetzt vervollständigt. Des Weiteren geht es uns ja darum, das, was bisher an Erkenntnissen und Quellen da ist, zu sichten und einschätzen zu lassen. Wir haben uns Hilfe von Sachverständigen geholt, und der Rechercheprozess ist voll im Gange. Es werden Quellen und Archivmaterial gesichtet.

Graf Björn, wenn Sie in unbefangener Inselbesucher fragt: Was ist hier gelaufen in den 30er- und 40er-Jahren? Wie würden Sie ihm diese Periode skizzieren?

Graf Björn: Die Erkenntnisse und Wertungen sind größtenteils ja nicht neu.

Also ich würde ihm das sagen, was wir an uns derzeit bekannten Fakten ganz aktuell auch auf unsere Website gestellt haben. Erstens würde ich ihm sagen, dass die Insel damals meinem Großvater Prinz Wilhelm von Schweden gehörte und mein Vater als Generalbevollmächtigter eingesetzt war, mit seiner Familie vor Kriegsbeginn zurück nach Schweden ging und dort als Fotograf und Filmemacher arbeitete. Zweitens würde ich erklären, dass die Insel zunächst von einem ortsansässigen Verwalter bewirtschaftet wurde, ab 1943 an die Organisation Todt verpachtet war und kurz vor Kriegsende vom Auswärtigen Amt französischen Kollaborateuren zugewiesen wurde. Drittens, dass gleich nach Ende des Krieges ehemalige KZ-Häftlinge sozusagen zur Pflege in einer Art Spital auf der Mainau waren und dass 33 von ihnen leider hier auf der Insel verstorben sind. Sie wurden hier auf der Insel vorübergehend bestattet und dann nach Konstanz auf den Friedhof überführt. Schließlich wurden ihre sterblichen Überreste nach Frankreich gebracht, was sicherlich auch im Sinne der Familien war.

Gräfin Bettina: Wenn man zu dieser Zeit nach neuen Quellen sucht, findet man tatsächlich einiges. Mein Vater war ja in der Zeit nicht auf der Insel. Nach Kriegsende haben hier Ferienaktivitäten für junge Menschen stattgefunden haben, die man auch als Aufarbeitung der Kriegsereignisse sehen kann. Insbesondere eine schwedische Organisation scheint da eine Rolle gespielt zu haben.

Wie läuft Forschungsarbeit? Vieles ist ja in den 90er-Jahren schon publiziert worden. Gehen Sie nochmals an die Primärquellen ran? Haben Sie neue Möglichkeiten oder Dokumente, die erst jetzt zugänglich geworden sind?

Gräfin Bettina: Das betrifft in erster Linie die Sachverständigen. Soweit ich weiß, sind die Quellen, die in den 90er-Jahren genutzt wurden, erneut angefragt worden. Unsere Fachberater stehen in Kontakt mit Herrn Dr. Moser. Zugleich geht es uns schon um bisher unbekannte Dokumente. Ich zum Beispiel habe in einem schwedischen Archiv Material gesichtet, und diese Arbeit ist insgesamt noch nicht abgeschlossen. Wir wollen weitere Quellen erschließen.

Graf Björn, bringen Sie sich persönlich auch in diese Arbeit ein?

Graf Björn: Mein Teil betrifft vor allem das Erinnerungszeichen, das wir auf der Mainau ins Leben rufen und das wir hoffentlich im Herbst der Öffentlichkeit übergeben können. Und da war ein Gedanke ein Stein mit den Namen der hier Verstorbenen und ergänzenden Erläuterungen auf einer Tafel im Park. Meine Aufgabe ist es, den Kontakt zu Frankreich herzustellen. Mit der französischen Botschaft stehen wir in Kontakt und haben den Botschafter neulich auf der Mainau gefragt, ob er uns unterstützt, denn wir stellen uns einen Stein aus Frankreich vor. Außerdem versuchen wir auch, über ihn an Quellen zu kommen, die uns noch ein bisschen mehr Aufschluss geben.

Das Thema hat ja eine große Medienresonanz gefunden. Hat Sie das überrascht? „Die dunkle Seite der Mainau“ scheint zu ziehen.

Gräfin Bettina: Es ist doch gut, dass die Menschen daran Interesse haben. Wir sind es gewöhnt, dass Mainau-Themen auf Resonanz stoßen. Das ist jetzt wieder der Fall – weder war ich davon besonders überrascht noch haben wir uns darauf besonders vorbereitet. Ich würde jetzt nicht sagen, dass das ungewöhnlich ist.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit den Sachverständigen vorstellen? Treffen sie sich regelmäßig, arbeiten die relativ autonom, haben die Vorgaben, einen klar definierten Auftrag?

Graf Björn: Es gibt natürlich keine Vorgaben nur den Wunsch, Quellen der Zeit zu suchen und zu befragen. Denn wir haben es mit unabhängigen Historikern zu tun und wir haben ein Interesse daran, wissenschaftlich fundierte Aussagen zu erhalten. Die Sachverständigen arbeiten sehr autonom, wir bekommen Rückmeldung.

Wir hatten und haben in Konstanz drei markante Debatten, die sich um die gleiche Periode drehen; Wilhelm von Scholz, Bruno Helmle und eben die Mainau. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Graf Björn: E ist der zeitliche Kontext, der die Themen verbindet. Und das noch immer große Interesse in Deutschland an der Aufarbeitung. Die geschichtliche Relevanz verbindet diese drei Themen miteinander.

Gräfin Bettina: Alles, was mit dem Dritten Reich, den 30er-, 40-Jahren und dem Nationalsozialismus zu tun hat, interessieret die Menschen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass noch weitere Themen mit Bezug zu Konstanz hochkommen, wenn entsprechende Kontexte gefunden werden. Und das ist ja auch sehr gut.

Bei Wilhelm von Scholz und Bruno Helmle geht es um eine Verstrickung mit dem Regime. Was wissen Sie über Ihren Vater, Graf Lennart?

Gräfin Bettina: Die Fakten zu den 30er-, 40er-Jahre sind bekannt, unser Vater war während der Vorkriegs- und Kriegszeit nicht in Deutschland, sondern in Schweden und hat sich dort vor allem mit den Themen Fotografie und Film beschäftigt. Das war sein Leben damals. Die Insel war wie gesagt verpachtet. Später gab es die erwähnten Jugend-Aktivitäten des YMCA. Da gibt es Teilnehmer von damals, die uns heute noch schreiben. Was mein Vater uns erzählt hat und was jetzt öffentlich diskutiert wird, widerspricht sich eigentlich nicht.

Hat sich Ihr Bild von der Mainau und das Ihres Vaters durch die aktuelle Debatte verändert?

Graf Björn: Was jetzt erforscht und diskutiert wird, war uns im Wesentlichen bekannt. Für mich hat sich nicht großartig etwas im Bild verändert.

Gräfin Bettina: Wir und die Sachverständigen sind ja noch mitten in der Recherchearbeit. Wir sind gespannt, was sich an zusätzlichen Erkenntnissen ergibt, es wird sicherlich ein Bild vervollständigen. Was die Forschungsarbeit anlangt, so kann ich heute schon sagen, dass die Fachberater und wir auf Quellen aus der Kriegszeit gestoßen sind, die manche späteren Angaben unseres Vaters bestätigen. Insofern müssen wir das Bild von unserem Vater nach derzeitigem Kenntnisstand nicht grundlegend revidieren.

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