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Konstanz Wie gefährlich sind Unterwasser-Wellen für Taucher im Bodensee?

Der Überlinger See ist ein Dorado für Taucher, hier passieren aber auch die meisten Tauchunfälle. Wissenschaftliche Erkenntnisse über Wasserbewegungen zeigen potenzielles Gefahrenmoment auf. Badischer Tauchsportverband spricht von hoch spannender Hypothese.

Martina Preusse, Mathematikerin, Limnologisches Institut, Uni Konstanz: "Mit dem Phänomen müssen Taucher zurecht kommen."
Martina Preusse, Mathematikerin, Limnologisches Institut, Uni Konstanz: "Mit dem Phänomen müssen Taucher zurecht kommen." |

Der Bodensee übt eine geradezu magische Anziehungskraft auf Taucher aus. Nach Angaben der Wasserschutzpolizei, die sich auf Schätzungen der Tauchsportverbände bezieht, soll es im Jahr 2010 allein am Überlinger See weit über 40 000 Tauchgänge gegeben haben. Diese Zahl veranlasste die Polizeidirektion Friedrichshafen zu dem Schluss: Der Tauchboom am Bodensee ist ungebrochen. Die Taucher reisen aus ganz Baden-Württemberg an. Hubert Trenkle, Leiter der Wasserschutzpolizei Konstanz, hat eine einfache Erklärung dafür, warum insbesondere das Überlinger Ufer so beliebt ist als Ausgangspunkt für Ausflüge unter Wasser. Hier sei das Ufer an einigen Stellen noch gut mit dem Auto zu erreichen. „Taucher laufen nicht gerne weit mit ihrer schweren Ausrüstung“, sagt Trenkle, der selbst seit 28 Jahren als Polizeitaucher im Einsatz ist. Etwa 25 Einsätze und Übungen kommen bei ihm im Jahr zusammen.

Angesichts der großen Zahl der Tauchgänge mutet das Unfallrisiko überschaubar an. In den Jahren 2010 und 2011 wurden der baden-württembergischen Wasserschutzpolizei nur je drei Tauchunfälle gemeldet. Allerdings waren es Vorkommnisse mit gravierenden Folgen: In beiden Jahren kam je ein Mensch bei der Ausübung des Sports ums Leben, je drei Taucher wurden verletzt und mussten stationär behandelt werden. Ende April 2011 verunglückte ein Mann tödlich, der als erfahrener Taucher galt. Ein Roboter fand die Leiche des 49-Jährigen in 61 Meter Tiefe unweit des Teufelstischs bei Wallhausen. Zehn Tage hatte die Suche nach dem Vermissten gedauert. Im Polizeibericht war später bei der Benennung der Unfallursache von „allgemeinen Gefahren in dieser Tauchtiefe“ die Rede.

Zu vermuten seien Tiefenrausch, Atemnot, Panikreaktionen. Auch bei anderen Tauchunfällen, die die Betroffenen nicht ins Grab, sondern nur in die Druckkammer der Überlinger Klinik führt, bleibt mitunter eine Rest unsicherheit bei der Benennung der Unfallursache. Warum geht dem Taucher die in Druckflaschen mitgeführte Luft aus? Warum steigt er in Not so schnell auf, dass es für den Körper in Folge der sich rasch verändernden Druckverhältnisse gefährlich wird?

An dieser Stelle nun könnte eine wissenschaftliche Hypothese eine Erklärung dafür liefern, warum die Gefahr von Tauchunfällen im Überlinger See größer ist als in einigen anderen Gewässern. So vermutet Frank Peeters, Professor für Umweltphysik am Limnologischen Institut der Universität Konstanz, dass Taucher in durch Wellen verursachten vertikalen Strömungen leichter die Orientierung verlieren können. Die Wellen sind Folge einer Schwappbewegung, einer internen Schwingung im Bodensee. Wenn sich unter dem Einfluss von Wind das warme Oberflächenwasser vom Obersee in den Überlinger See und das kalte Tiefenwasser in die entgegen gesetzte Richtung bewegen, kommt es an der Mainauschwelle zu einem Engpass. Denn zwischen der Mainau und Uhldingen beträgt die maximale Wassertiefe nur 80 Meter, im Überlinger See aber sind es 140 und im Obersee sogar 250. An dieser Schwelle wird die in den Überlinger See einlaufende warme Wasserfront aufgestellt. Laut Peeters entstehen dann sogenannte kurzperiodische interne Wellen, die sich über die ganze Breite des Überlinger Sees erstrecken. Die hier beschriebenen Wellen sind Solitone, sie haben nur eine Auslenkung nach unten. Die Vertikalauslenkung kann bis zu 30 Meter betragen. „Mit dem Phänomen müssen Taucher zurecht kommen“, sagt die Mathematikerin Martina Preusse, die sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Thema befasst.

Wenn nun eine dieser kurzperiodischen internen Wellen den Taucher erfasst, befördert ihn die Strömung rascher in die Tiefe, so die Hypothese der Wissenschaftler. Der Mensch unter Wasser sinkt in der Welle in etwa fünf Minuten bis zu 30 Meter ab, was einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von zirka 10 Zentimeter pro Sekunde entspricht. Befindet sich der Taucher in 20 Meter Tiefe, dann kann ihn die Welle innerhalb von fünf Minuten in 50 Meter Tiefe ziehen. „Kehrt sich die Bewegung des Wassers in der kurzperiodischen internen Welle um, dann entsteht eine starke Aufwärtsströmung. Die erfasst den Taucher und bewegt ihn nach oben“, wie Peeters beschreibt. Ihm ist bewusst, dass das Austarieren an das Umgebungswasser für den Taucher eine Routineangelegenheit ist. „Die kurzperiodischen Wellen erfordern aber erhöhte Aufmerksamkeit des Tauchers, da das Auftreten der Wellen nicht im vorhinein erkennbar ist und das rasche Absinken oder Aufsteigen für den Taucher deshalb plötzlich eintritt“, stellt der Umweltphysiker fest. Durchschnittlich acht Mal pro Monat bewegt sich ein solcher Wellenzug durch den See. Peeters weist auch darauf hin, dass es in anderen Seen im Normalfall keine vergleichbar großen vertikalen Strömungen gibt und daher bei Tauchgängen auch nicht erwartet werden. Für zusätzliche Verunsicherung könne die Tatsache sorgen, dass die beschriebenen Wellen häufig als Gruppen in einem Wellenzug auftreten, „bei dem typischerweise drei bis vier große kurz-periodische interne Wellen in kurzem Abstand aufeinander folgen“, erläutert Peeters.

Da seien für den Taucher immer wieder Austarierungen notwendig.

Die Konstanzer Hypothese zu Tauchunfällen ist wohl bisher in Taucherkreisen kaum diskutiert worden. Hannelore Brandt, Präsidentin des Badischen Tauchsportverbands (BTSV), spricht aber von einer hoch spannenden Annahme. BTSV-Pressesprecher Thomas Wüst berichtet, dass einzelne Taucher erzählt haben, diese vertikalen Strömungen schon erlebt zu haben. Laut Wüst finden im Überlinger See so gut wie keine Tauchgänge im Freigewässer (also in der Seemitte) statt, sondern fast ausschließlich entlang der Steilwände in Ufernähe. Da die Strömungsgeschwindigkeit am Rand geringer sei als in der Mitte, spüre der Taucher das Phänomen an der Steilwand wohl nicht.

Wasserschutzpolizist Hubert Trenkle äußert sich zurückhaltend zu den Wirkungen der vertikalen Strömungen. Bei der Unfall-Auswertung lasse sich von der, per Tauchcomputer aufgezeichneten Bewegung des Sportlers, nicht auf Wellenbewegungen schließen, sagt er. Seine Bewertung: „Wenn jemand aufmerksam taucht, ist es nicht vorstellbar, dass er über größere Distanzen unbemerkt rauf und runter geht.“ Die Annahme der Wissenschaft ist damit indes nicht widerlegt.

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