Mein

Konstanz "Wenn wir in den Trab gehen, fangen so gut wie alle Menschen an zu lachen"

01.04.2011
Zum Thema
Schlagwörter


Frau Gomolla, warum braucht Konstanz ein interdisziplinäres Forschungszentrum für pferdegestützte Therapie?
 
Solch ein Zentrum braucht es im Prinzip weltweit. Es gibt noch keine Stelle, die sich mit der Koordination der Forschungsansätze in diesem speziellen Bereich beschäftigt. Und da ich hier in Konstanz verankert bin, hat es sich angeboten, das Zentrum hier zu gründen. Ich habe eine gute Zusammenarbeit mit Professor Woll von den Sportwissenschaften an der Uni Konstanz. Wir haben aber das letzte Jahr über auch gute Netzwerke in Deutschland und nach Schweden, Frankreich und Slowenien aufgebaut. Konstanz profitiert natürlich davon, weil wir hier einige Forschungsprojekte umsetzen. Das nützt dann auch den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der Region, weil sie kostengünstig oder sogar kostenfrei in die Interventionsprogramme reinkommen. Wir haben viel Unterstützung von regionalen Partnern erfahren. Zum Beispiel gibt es einen Fahrdienst der Malteser, damit Kinder aus dem gesamten Landkreis an den therapeutischen Projekten teilnehmen können.  
 
Was heißt interdisziplinär? Welche Bereiche greifen ineinander?
 
Die Forschung geht von der Psychologie und der Sportwissenschaft aus und weitet sich auf die Biologie und Veterinärmedizin aus. Außerdem haben wir erste Pläne für die Zusammenarbeit mit Forschern aus der Geschichtswissenschaft und aus der Soziologie, um die Mensch-Tier-Beziehung über die Jahrhunderte nochmals im Hinblick auf die Nutzung von Therapie anzuschauen. Auch an der Uni Konstanz gibt es schon Geschichtswissenschafler, die sich für das Thema Mensch und Tier interessieren. Die Problematik der Netzwerkarbeit ist ja immer die Bündelung der Ergebnisse. Das sehe ich als wichtigste Aufgabe für unser Forschungszentrum  Great.
 
Wie arbeiten Sie konkret am Aufbau des Zentrums?
 
Wir haben in der Robert-Gerwig-Straße ein Büro. Letztes Jahr hat eine Biologin, Physiotherapeutin und Reittherapeutin angefangen, mich zu unterstützen. Das Forschungszentrum ist ja nicht meine Haupttätigkeit, sondern nur etwa ein Drittel meiner Zeit fließen in den Aufbau von Great, in die Netzwerkarbeit und das Schreiben von Forschungsanträgen. Da hat meine Mitarbeiterin aber schon sehr viel Vorarbeit geleistet, sie hat drei große Studien entwickelt und Anträge geschrieben, die nach und nach eingereicht werden. Wir hoffen, dass noch eine Diplomandin oder Doktrodanin dazukommt, sobald der erste Forschungsantrag durchgeht. Dann brauchen wir sicherlich auch größere Räume. Wenn irgendjemand im Landkreis uns etwas zur Verfügung stellen möchte, freuen wir uns. Wir suchen schon seit langem einen Hof, wo wir unsere Arbeit abwickeln können.
 
An welchen Themen wird konkret geforscht?
 
In Konstanz werden wir ab Mai mit starken Interventionsprogrammen für Flüchtlingskinder starten. Sie heißen Lucky Times und werden wissenschaftlich begleitet. Die Kinder kommen drei Monate lang einmal wöchentlich in Kontakt mit Pferden, um das Getragenwerden zu genießen und Freude beim Zusammensein mit den Tieren zu verspüren. Die Kinder sind durch Migration und Flucht oft mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert worden. Am Ende des Projekts wird untersucht, ob ihre Lebensqualität sich durch die Zusammenarbeit mit den Pferden verbessert hat und ob sie traumatische Erlebnisse besser verarbeiten können. Das andere Projekt ist eine Forschungsstudie zu Kindern mit Übergewicht und Adipositas. Der Antrag dazu wird im Mai bei einer Stiftung in Amerika eingereicht. Wir hoffen,  dass ab dem kommenden Jahr die Untersuchungen losgehen können. Wir möchten herausfinden, ob sich durch die pferdegestützte Therapie etwas an der Bewegungsfreunde der Kinder, an ihrem Selbstkonzept und ihrer Ich-Stärke ändert. Dann ist die Chance größer, dass die Kinder beim Abnehmen stabiler bleiben und sagen, ich bleibe dabei und versuche, mich gesund zu ernähren. Die Pferde als Pflanzenfresser sind da ja das beste Vorbild.
 
Wie wirksam ist die pferdegestützte Therapie?
 
Sie ist ein ergänzendes Therapieverfahren, das muss man ganz klar sagen. Sie ersetzt keine Psycho- oder Ergotherapie oder andere Hauptverfahren, aber sie ist als Ergänzung sehr wirksam, das sehen wir in der Praxis. Wir möchten zeigen, dass wir bei unterschiedlichen Störungsbilder oder auch Behinderungen tolle Ergebnisse haben, die nicht nur kurzfristig Verbesserungen ergeben. Die wissenschaftliche Untermauerung ist ein bisschen rar, und deshalb fangen wir jetzt damit an.
 
Warum sind gerade Pferde so geeignet für Therapien?
 
Pferde sind Lebewesen, das heißt, dass sie bei Kindern, Jugendlichen aber auch erwachsenen Behinderten eine Eisbrecher-Funktion haben. Wir kommen über das Tier einfacher an sie heran. Speziell das Pferd hat noch zusätzlich die Funktion, dass es ein Reittier ist. Pferde haben körperlich wie psychisch eine ganz bestimmte, sehr positive Bewegungsübertragung. Wenn wir im Schritt auf dem Pferd reiten, hat das einen lockernden, entspannenden Aspekt. Wenn wir in den Trab gehen, fangen so gut wie alle Menschen an zu lachen, das ist ganz spannend zu sehen. Das funktioniert auch bei Behinderten. Bei autistischen Menschen, bei denen man eigentlich denkt, dass sie schwer zu erreichen sind, bekommen wir über diese Schwingungsimpulse einen Rücklauf an Emotionalität. Der Galopp ist eine sehr schnelle, springende Gangart. Das probieren wir natürlich nur bei Geübteren, aber der Galopp hat eine ganz eigene Funktion des Getragen- und Geschaukeltwerdens, kombiniert mit Schnelligkeit. Dieses Erlebnis mit dem Pferd – in der Natur sein, etwas gemeinsam mit einem starken, schönen Tier machen – verankert sich sehr stark im Gedächtnis. Die Eltern erzählen, dass ihre Kinder zu Hause nur noch Pferdchen spielen oder nur noch Pferde malen. Selbst Jungen sprechen ganz toll darauf an. Das ist fast einmalig. Ich arbeite traumatherapeutisch auch mit anderen Therapieverfahren, die alle ihre Berechtigung haben. Aber immer wieder denke ich, dass ich am Pferd Effekte habe, die ich in dem reinen Gespräch oder auch im Spiel gar nicht so stark entwickeln kann. Die Tiere müssen natürlich speziell dafür geschult sein, aber die sind ja auch sehr individuell. Sie fangen an, die Kinder zu beschnuppern oder zu stupsen, manche sind ganz ruhig und lassen sich knuddeln, andere gehen einen Schritt zurück und gucken sich die Kinder erst an. Mein Wallach muss immer erst begrüßt werden, bevor jemand aufsteigt, sonst geht er immer einen Schritt zurück. Wenn die Kinder anfangen zu lachen, bauen sie eine Beziehung zum Pferd auf. Wir wissen aus der Psychotherapie-Forschung, dass die Beziehung zum Therapeuten fast 50 Prozent oder teilweise sogar mehr des Therapieerfolgs ausmacht. Wenn ich neben dem Therapeuten noch das Pferd als Beziehungspartner habe, bringt das viele positive Emotionen. Das Pferd bringt einen Mehrwert in den Therapieprozess ein.
 
Was ist der Unterschied zur Delfin-Therapie?
 
Delfine können wir nicht auf jedem Bauernhof halten (lacht). Nein, im Ernst: Die Effekte sind deshalb nicht ähnlich, weil der Delfin kein Reittier ist. Und andere Tiere, die reitbar sind, seien es Esel oder Kamele, haben andere Bewegungsübertragungen, die sicherlich auch toll sind. Das Pferd hat aber sehr einzigartige Bewegungen, gerade im Schritt, weil es unsere Art zu gehen nachahmt und dann noch eine Rotation ins Becken reinbringt, die körperlich sehr hilfreich ist. Der Delfin ist vor allem deshalb spannend, weil er sehr gut dressiert werden kann, viel besser als ein Pferd. Delfine können Bälle in 30-facher Variation zurückwerfen. Deshalb kommt man mit Delfinen bei Behinderten gut in die Kommunikationsanbahnung. So können wir mit dem Pferd gar nicht arbeiten. Der Delfin ist auch spannend, weil er im Wasser ist und einzigartig nett aussieht. Es gibt aber eine längere Forschungsstudie, die im Nürnberger Zoo gemeinsam mit der Uni Würzburg erstellt wurde. Die besagt, dass Delfine keine schlechten Ergebnisse erzielen, aber sie sind nicht so herausragend, dass man sagen könnte, wir brauchen die Delfine unbedingt in der tiergestützten Therapie.
 
Woher kommt Ihre persönliche Vorliebe für Pferde?
 
Die kommt aus der Kindergartenzeit. Ich saß mit knapp vier Jahren das erste Mal auf einem Pferd, weil uns eine Erzieherin mit zu den Pferden genommen hat. Seitdem bin ich auch dem Pferde-Virus verfallen. Die Erzieherin hat mir die grundlegenden therapeutischen Erlebnisse geliefert, ohne dass sie das wahrscheinlich damals so beabsichtigt hat. Als vierjähriges Kind auf so einem großen Pferd zu sitzen, mit dem Schutz dieser vertrauten Person dabei und ganz weit blicken zu können – dieses Bild habe ich wirklich immer noch innerlich vor mir. Es prägt mich auch in der therapeutischen Arbeit sehr stark, weil ich an mir selbst so früh erfahren habe, was es für tolle Möglichkeiten gibt.
 
Und dann haben Sie auch Wendy-Poster aufgehängt?
 
Nein. Ich habe auch Pferdezeitschriften gehabt, aber das war nicht so extrem. Meine Eltern haben mir das Reiten dann zum Glück gewisse Jahre über ermöglicht, was im Ballungsraum Düsseldorf nicht so schön möglich ist wie auf dem Land hier. Ich hatte nur den Reitschulkontext, aber in Ferienfreizeiten habe ich es genossen, mit dem Pferd einfach mal auszureiten und ohne Sattel draufzusitzen. Ein schönes Gefühl.
 
Fragen: Kirsten Schlüter

Zur Person

Annette Gomolla ist 33 Jahre alt. Geboren wurde sie in Düsseldorf und kam 1997 zum Studium der Psychologie nach Konstanz. Nach Forschungsaufenthalten in Stanford und Oxford hat Annette Gomolla ihre Promotion im Bereich der klinischen Kinderpsychologie in Bremen angefangen und in Konstanz abgeschlossen. Es folgten ein Lehrauftrag an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen und die Selbstständigkeit als Psychologin. Die 33-Jährige hat in Konstanz das Institut für pferdegestützte Therapie gegründet und baut nun ein Forschungszentrum für pferdegestützte Therapie auf (Great: German Research Center for Equine Assisted Therapy). Das Zentrum wurde als gemeinnützig anerkannt. (kis)
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln