Auch in Konstanz leben viele Menschen, die gerade mal Geld für das Nötigste haben. Damit sie wenigstens nicht hungern müssen, gibt die Caritas günstiges Mittagessen aus. Henning Studer (Name von der Redaktion geändert) ist einer der Gäste und erzählt von seinem Leben.
Konstanz – Die ersten Gäste sind zu früh da. Sie gehen vor der Tür auf und ab, schauen auf die Uhr. Der Hunger treibt einige Konstanzer Bürger von Montag bis Freitag um zwölf Uhr zum Mittagstisch der Caritas. Hier erhalten sie eine warme Mahlzeit ab 1,30 Euro und die Gewissheit, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Schicksal. Zum Mittagstisch kommen vor allem ältere Menschen mit geringer Rente, allein erziehende Mütter und Arbeitslose.
Einer von ihnen ist Henning Studer. Er sitzt mit ein paar anderen an einem großen runden Tisch der Gemeinde St. Suso. Auf seinem Teller duften Nudeln, ein Klacks Spinat und eine Frikadelle mit Paprika. Studer redet nicht viel, er konzentriert sich aufs Essen. Auch die anderen pieken die Nudeln ohne viele Worte auf die Gabel. Nur ein Herr macht ab und zu einen Witz. „Man muss doch Spaß machen“, sagt er immer wieder. „Das Leben ist schon ernst genug.“ Henning Studer hat fertig gegessen, holt sich ein Schälchen Obst und packt dann eine Tupperdose aus. „Wenn noch was übrig bleibt, dürfen wir Essen mitnehmen“, sagt er. Wie auf Kommando fragt Mittagstisch-Leiter Peter Distler: „Wer will noch was?“ Eine Frau füllt alte Joghurt-Eimer mit Salat. Wer hierher kommt, freut sich über jedes Geschenk.
Der Mittagstisch ist vor kurzem aus den Räumen der Gemeinde St. Gallus ausgezogen, weil der Gallus-Kindergarten umgebaut wird und die Kinder so lange die Gemeinderäume benötigen. „Wir sind sehr dankbar, dass wir bis September 2010 von St. Suso aufgenommen werden“, sagt Peter Distler. Für Henning Studer ist der Ort nicht wichtig – Hauptsache, er kann günstig essen. Seit eineinhalb Jahren kommt er zur Tafel. Studer ist aus gesundheitlichen Gründen erwerbsunfähig – was genau der Grund ist, möchte der 57-Jährige nicht sagen. Aber er erzählt, dass er gelernter Heilpraktiker ist und bis vor zwei Jahren in der Schweiz als Busfahrer gearbeitet hat. Er lebt von seiner Frau und den erwachsenen Kindern getrennt in einem 16-Quadratmeter-Zimmer, bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente von Deutschland und eine Invalidenrente aus der Schweiz. So kommt er auf etwa 800 Euro netto im Monat. „Eine neue Brille oder eine Zahnarztrechnung kann ich mir nicht leisten“, sagt Studer. Er zählt sich zu den Ärmsten der Armen. Ihm ist es nicht schwer gefallen, zum Mittagstisch zu gehen. „Ich habe früher selbst im sozialen Bereich gearbeitet und somit keine Berührungsängste“, sagt der 57-Jährige. Die tägliche warme Mahlzeit ist fest in seinen Alltag integriert. Dazu gehört auch die immer ähnliche Themenwahl. Viele Gäste sprechen über ihren letzten Arztbesuch, ihre Beschwerden und den Frust. „Das geht aber nicht in die Tiefe“, sagt Studer. „Wir reden nicht über die menschlichen Schicksale, die sich dahinter verbergen.“
Henning Studer dagegen macht ziemlich deutlich, wie es ihm geht: „Die Frau ist davongelaufen, der kranke Hund bleibt“, sagt er. Trotzdem gibt er nicht auf: Seit zwei Jahren tüftelt der 57-Jährige an einer Idee, mit der er sich ein paar Euro dazuverdienen kann. „Ich habe mir das alles nicht so vorgestellt, aber ich bin froh, dass ich doch was anpacke“, sagt er.
Peter Distler und seine acht ehrenamtlichen Helfer packen auch gerne an, um Menschen wie Henning Studer über schwierige Zeiten zu helfen. Ohne die vielen Spender könnten aber auch sie nichts ausrichten. „Konstanz denkt sehr viel an uns“, sagt Peter Distler. „Das ist ganz fantastisch.“