Konstanz Wenn das Rathaus zur Bühne wird

Schiller reloaded: Konstanzer Studenten und Jugendliche stellen die Machtfrage. Am politischsten Ort der Stadt

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es in der Filmbranche einen Trend. Schon lange nicht mehr gezeigte Streifen flimmerten plötzlich wieder über die Leinwand. Weil das alleine nur wenige Zuschauer in die Kinosäle treibt, nannte man das Ganze dann den „Director's cut“, also so etwas wie die Ur-Filmfassung des Regisseurs. Die Geschichte blieb in der Regel die gleiche, sie wurde aber um bislang ungezeigte Szenen erweitert. Diesem Prinzip folgend hat jetzt auch Felix Strasser, Leiter der Eventproduktion, der Theatergruppe der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG), das Stück „Die Freiheit der Andersdenkenden“, das eigentlich schon Ende Mai seine Premiere hatte, am vergangenen Wochenende erneut auf die Bühne gebracht. Das an sich wäre jetzt noch nicht groß der Rede wert.

Interessant wird die Geschichte, zwei Monate nach der eigentlichen Premiere, aus zwei Gründen. Erstens: Strasser hat das Stück zu einem szenischen Rundgang umgebaut – und die eigens für die Neuinszenierung verfassten Gedichte von Konstanzer Jugendlichen und Studenten bekommen großen Raum in der Arbeit. Zweitens: Der Ort. An zwei Tagen bespielte das Ensemble das Konstanzer Rathaus. Auf den Fluren, im Trauzimmer, im Ratssaal und auch im Büro von Kulturbürgermeister Andreas Osner. So wurde das Rathaus zur Theaterbühne. Ausgerechnet am vielleicht politischsten Ort der Stadt wurden Fragen von Macht und Ohnmacht, Stolz und Schmach verhandelt.

Auf den ersten Blick wirkt die Inszenierung wie eine einfache Wiederaufnahme. Es beginnt erneut mit Protestreden gegen die Konstanzer Wohnungsnot, verschwindende Bäume im Stadtbild und Kindersoldaten. Texte von Friedrich Schiller treffen auf Schriften von Stéphane Hessel, dazwischen Popmusik von Helene Fischer, John Lennon, Cat Stevens und anderen. Inhaltlich geht es um Fragen, die damals bei Schiller aktuell waren – und es heute noch sind. Wie verhalte ich mich zur Macht? Ab wann muss ich mich gegen Unrecht wehren? Und wie verändert sich das gesellschaftliche Klima unter einem Tyrannen? Der Kern der Geschichte bleibt also gleich.

Neu ist dann tatsächlich der szenische Rundgang durch das Rathaus, der sich dem Vorspiel anschließt. Die Zuschauer werden in zwei Gruppen aufgeteilt – Tyrannen und Volksvertreter – und machen sich auf ihren je ganz eigenen Weg durch die Geschichte. Für die Schauspieler ist das eine besondere Herausforderung: Sie müssen von einem Spielort zum anderen hetzen und jede Szene bei den beiden, übrigens mit je 50 Zuschauern ausverkauften, Vorstellungen zwei Mal spielen. Sie machen das überwiegend sehr gut. Mit großer Kraft, überwältigendem Enthusiasmus und der puren Spiellust bestreiten sie den Abend überzeugend. Wie sie beispielsweise das Büro von Kulturbürgermeister Andreas Osner in einer atemberaubenden Star-Wars-Szene auseinandernehmen oder in den stillen Momenten fast schon kammerspielartig den Zuschauern den Text ins Ohr hauchen, das ist schauspielerisch so stark, dass sich die jungen Leute nicht hinter vielen Profibühnen verstecken müssten.

Für die Inszenierung gilt das allerdings nur teilweise. Die Arbeit lässt den Betrachter etwas hin- und hergerissen zurück. Es gibt da viele sehr schöne Momente. Berührende und fast schon intime Momente. Aber es gibt eben auch die anderen Szenen, in denen oft eine Spur zu dick aufgetragen wird. Zum Beispiel als Strasser versucht, die Floskeln heutiger Politiker als Wahnsinn zu entlarven. Hierzu werden die üblichen Sätze von offensichtlich Verrückten und Irren gesprochen. Gekennzeichnet sind sie durch wirren Blick, sabbernde Münder und Zwangsjacken. Man kann den Ansatz verstehen, aber das kommt alles zu laut und holzschnittartig daher. Statt des fetten Leuchtstifts wäre an dieser Stelle der feine Bleistift besser gewesen. Ähnliches gilt auch für eine Videosequenz, die den Alltag eines Tyrannen zeigt. Das ist alles witzig gemeint und soll das Geschehen ironisch brechen. Allein, es funktioniert nicht. Hier kann sich die Inszenierung zwischen Ernsthaftigkeit und Klamauk nicht entscheiden. Das gibt zwar Lacher aus dem Publikum, ist aber ein theatraler Fehlgriff.

Trotzdem bleibt es ein unterhaltsamer Theaterabend. Die gute Nachricht daraus lautet deshalb so: Felix Strasser scheint mit der Eventproduktion da weiterzumachen, wo sein Vorgänger Gerhard Dressel aufgehört hatte – bei der Schaffung von ungewöhnlichen Theatermomenten. Mit allen Stärken und Schwächen, die ein Studententheater haben kann.


Der Literatursommer

Die Baden-Württemberg Stiftung veranstaltet von Mai bis Oktober 2014 den nunmehr siebten Literatursommer Baden-Württemberg. Das Konstanzer Projekt „Weiter, weiter. Die Freiheit der Andersdenkenden“ ist Teil dieses Literatursommers. Unter dem Motto „Worte sind Taten – Zivilgesellschaftliches Engagement in der Literatur“ soll in diesem Jahr gezeigt werden, welchen Einfluss literarische Werke auf politische oder gesellschaftliche Veränderungen haben. Ziel ist es, so die Stiftung, die Menschen aller gesellschaftlichen Milieus und Altersklassen für Literatur zu begeistern und ihnen Zugänge zur Literatur zu ermöglichen.

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