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Konstanz Was den Täter erwartet

Wenn Täter wegen mangelnder Schuldfähigkeit eine Maßregelstrafe erhalten, ist die Forensik der Platz, an dem sie sicher untergebracht werden können. Das Psychiatrische Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch bei Heidelberg ist mit 1500 Mitarbeitern, 75 Gebäuden und 45 Stationen die größte Fachklinik in Baden-Württemberg.

250 Patienten – sie werden dort nicht Insassen genannt – sind hier untergebracht. Männer wie der Attentäter von Wolfgang Schäuble ebenso wie der Jurastudent, der zwei Menschen erschossen hat.

Es sind Straftäter, bei denen man davon ausgeht, dass sie ohne therapeutische Behandlung rückfällig würden. Manchmal entscheidet nur ein Glas Wein über Schuldfähigkeit oder -unfähigkeit. Manchmal aber sind die Täter schwer psychisch krank. Die Forensische Psychiatrie in Wiesloch ist eine Klinik und doch ein Gefängnis. 5,50 Meter hoch sind die Stahlbetonmauern, die Gitter und Zellen mit Essensklappen, hinter denen die Patienten leben. 20 Hektar groß ist der Hochsicherheitstrakt, in den man nur über eine Schleuse gelangt.

In den Stationen 13 und 7 sind besonders gefährliche Täter untergebracht. Gerade wird im Areal „hinter der Mauer“ ein neues Haus mit 50 Plätzen für den Maßregelvollzug gebaut – eines mit „modernen“ Räumen für den Wohngruppenvollzug, wo das Leben in Gemeinschaft geübt wird. 15,4 Millionen Euro investiert das Land. Reit-, Kunst- oder Ergotherapie steht im Angebot.

Den Vorwurf der „bequemen“ Haft lässt der ärztliche Direktor Rolf-Dieter Splitthoff nicht gelten. Es sei „viel härter“ als im normalen Vollzug, weil diese Straftäter ihre „Störungsproblematik“ erst einmal wahrnehmen und Einsicht in ihr begangenes Unrecht entwickeln müssten. Für Patienten, die sich mit Einblicken in ihre Seele schwertäten, sei Musiktherapie „Gefühlsäußerung“. Dissoziale Persönlichkeitsstörungen, wie sie beim Taxi-Mörder vom Bodensee vom Gutachter festgestellt wurden, seien langwierig aufzulösen. Manchmal schaffen es die Therapeuten nicht, wie bei dem 85-Jährigen mit Psychosebefund, der seit 40 Jahren in Wiesloch lebt und bei dem noch immer nicht sicher ist, ob er wieder zum Messer greift.

Splitthoff und seine Mitarbeiter versuchen Verständnis für das sensible Thema zu wecken. Das öffentliche Interesse an grausamen Sexualstraftaten, zumal wenn Kinder betroffen sind, habe sich „zu 1000 Prozent gesteigert“, die Zahl der Sexualstraftaten sei tatsächlich aber um 37 Prozent gesunken, sagt der Chefarzt. Nicht alle Verurteilten wollen in die Forensik. Weil es keinen Fernseher auf dem Zimmer gibt, weil die Unterbringung unbefristet ist. Und weil sie wüssten, dass sie dort mit Schwerstgestörten zusammen sein müssen. Bis die Einsicht kommt, dass sie selbst „gestört“ sind, dauert es.

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Taxi-Mörder vom Bodensee: In Singen wurde eine Taxifahrerin entführt, brutal vergewaltigt und anschließend mit einem Messer schwer verletzt. Nur kurze Zeit später wurde in Hagnau eine Taxifahrerin tot aufgefunden. Der mutmaßliche Täter Andrej W. wurde wenige Tage später festgenommen.
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