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Konstanz Warum es sich bis heute lohnt, Fontane zu lesen

Gerhart von Graevenitz, früherer Rektor der Universität Konstanz, ist zurück auf dem weiten Feld der Literaturwissenschaft. Und hat ein 800-Seiten-Buch geschrieben, eine Biographie Theodor Fontanes. Warum er Autor und Werk bis heute so spannend findet, erklärt er am Dienstag, 9. Dezember, um 20 Uhr bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ im Konstanzer Café Voglhaus.

Diese Figur ist ganz großes Kino. Eine junge Frau, schön und lebenshungrig, hin- und hergerissen zwischen Konvention und Freiheit, zwischen Ehemann und Liebhaber, zwischen der alt-feudalen und der modern-kapitalistischen Welt. Effi Briest heißt sie, verewigt im Roman von Theodor Fontane (1819-1898), und sie hat tatsächlich gleich mehrere Filmregisseure gereizt, unter ihnen Gustav Gründgens (1939), Rainer Werner Fassbinder (1974, stilbildend mit Hanna Schygulla in der Hauptrolle) und Hermine Huntgeburth. Sie deutet die Geschichte der Frau aus brandenburgischem Adel um, ersetzt das tragische Ende dieser Effi Briest durch die Version der autonomen Frau, die gestärkt aus der traurigen Geschichte hervorgeht.

Selbst wer das Buch als Schullektüre nicht mochte, wird sich dieser Bildermacht kaum entziehen können. Und das, sagt der Literaturwissenschaftler und frühere Universitäts-Rektor Gerhart von Graevenitz, ist kein Zufall. Gerade Effi Briest zeige, wie Fontane gearbeitet hat: Er veröffentlichte seine Romane zuerst in Zeitschriften, als Fortsetzungsgeschichte. Da brauchte es fürs damalige Publikum packende Stoffe und eine Erzähltechnik, die die Neugier wach hielt, erklärt der Literaturwissenschaftler: „Effi ist nach Bildern geschrieben, die damals kursierten.“ Der Roman knüpfte an die Abbildungen in vielen der gerade in Mode gekommenen Illustrierten an, die damals jeder verstand – und die bis heute wirken. Warum sonst hätte noch im Jahr 2009 Regisseurin Hermine Huntgeburth den Stoff bearbeiten und die damals schon hoch gehandelte Julia Jentsch die Rolle dieser Effi annehmen sollen?

Fontane ist freilich viel mehr als „Effi Briest“, sagt Gerhart von Graevenitz. Soeben hat er eine große Biographie über den Schriftsteller vorgelegt und ist damit nach seiner Amtszeit als Rektor wieder in die Welt der Forschung eingestiegen. Im 800-Seiten-Buch ergründet er zum einen, wie sehr Fontanes Werk Spiegelbild seiner Zeit ist und beschreibt „Fontanes eigentümliche Kunst der Oberfläche“, die die „Durchschnittshelden der vielfältigen, der imaginären und der ängstlichen Moderne vor sein Publikum treten lässt“. Zum anderen gibt es Bezüge ins Jetzt: „Bei Fontane ist es die Gesellschaft, die nichts vergisst. Heute ist es das Netz, das nichts vergisst.“ Vielleicht auch deshalb sei Fontane, neben seiner großen Bedeutung für jüngere Autoren von Thomas Mann bis Günter Grass der einzige seiner Generation, „der heute noch ein großes Lesepublikum hat“.

Auf dem weiten Feld, das von Graevenitz in der Fontane-Forschung durchschreitet, hat er rote Fäden gefunden, die sich durch dieses Leben ziehen. Fontanes Wandlungsfähigkeit etwa, vom Revoluzzer zum Konservativen, vom Journalisten zum Schriftsteller; Fontanes sicherer Blick, wo er seine Talente zu einer Zeit jeweils einsetzen konnte; das Auseinanderklaffen zwischen privater – stramm judenfeindlicher, und öffentlicher – gemäßigt auftretender Person. Gerhart von Graevenitz bringt Fontane auf die Formel „Konservativer Nonkonformismus“. Gut möglich, dass genau diese Spannung seine Bücher und ihre Helden bis heute so spannend machen.

 

Gerhart von Graevenitz und „Ausgesprochen: Wissenschaft“

Als 43. Gast kommt der Literaturwissenschaftler Gerhart von Graevenitz zu „Ausgesprochen: Wissenschaft“.

Der Gast: Gerhart von Graevenitz, geboren 1944 in Lahr, ist seit 1988 Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Bekannt ist er vor allem durch seine Jahre als Rektor: Von 2000 bis 2009 formte er als moderner Wissenschaftsmanager eine erfolgreiche, international vernetzte und mit höchsten Exzellenz weihen geadelte Hochschule. Er berät bis heute Hochschulen, ist aber auch wieder tief in die Literaturwissenschaft eingestiegen, die er einst in Tübingen studierte. Gerhart von Graevenitz ist vielfach ausgezeichnet und geehrt worden. Zuletzt ist von ihm die Biographie „Theodor Fontane: ängstliche Moderne. Über das Imaginäre“ (Konstanz University Press, etwa 800 Seiten, 29,90 Euro) erscheinen. Der Titel spielt auf Fontanes wendungs- und wandlungsreichen Lebensweg an, aber auch auf Fontanes Arbeit mit und seinen Beitrag zu einem universellen Bilder- und Vorstellungsschatz.

Der Abend: Bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ stellt Gerhart von Graevenitz am Dienstag, 9. Dezember, seine Fontane-Forschungsergebnisse im Gespräch mit SÜDKURIER-Redaktionsleiter Jörg-Peter Rau vor. Die Türen des Café Voglhaus, Wessenbergstraße 8, werden um 20 Uhr geöffnet, der Eintritt ist wie immer in der gemeinsamen Reihe von HTWG, Universität und SÜDKURIER frei.

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