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Konstanz Warum der Körper manchmal gegen sich selbst kämpft

Der Konstanzer Biochemiker Marcus Groettrup forscht über das Immunsystem und arbeitet über Rheuma oder Diabetes. Bald könnte es neue Medikamente gegen die Volkskrankheiten geben. Am 12. April berichtet er beim SÜDKURIER-Gespräch über seine Ergebnisse.

Marcus Groettrup, Professor für Immunologie an der Universität Konstanz, gehört zu den Besten seines Fachs.
Marcus Groettrup, Professor für Immunologie an der Universität Konstanz, gehört zu den Besten seines Fachs. | Bild: Bild: Uni Konstanz

Konstanz – Vom großen Durchbruch mag Marcus Groettrup noch nicht reden. Dafür ist er zu bescheiden – und zu wissenschaftlich. Aber bemerkenswert sei schon, was er mit seiner Arbeitsgruppe an der Universität Konstanz herausgefunden hat. Und ganz von ungefähr hat er den von einem Pharmaunternehmen gestifteten Cilag-Janssen-Preis soeben auch nicht bekommen.

Immerhin hat der Immunologe von der Universität Konstanz zusammen mit einem US-Unternehmen den vielleicht entscheidenden Ansatz zur Bekämpfung von zwei schweren und bisher kaum heilbaren Krankheiten gefunden: Multiple Sklerose und Rheuma. Kein Wunder, dass er in der Pharmaindustrie ein gefragter Gesprächspartner ist – von Rheuma, sagt Groettrup, ist ein Prozent der Deutschen betroffen. Das sind 800 Menschen allein in Konstanz, 800 000 in der Bundesrepublik. Es könnte ein Milliardengeschäft werden.

Wenn er erklärt, worum es geht in seiner Arbeit, muss Groettrup tief einsteigen in die Grundlagen der Biochemie, in jene Grundlagen, an denen er seine ganze wissenschaftliche Laufbahn schon forscht. Die Reise geht ins Immunsystem der Menschen, das bei Rheuma die Gelenke angreift, sie umbaut und dort Schmerzen verursacht. Viren zum Beispiel können eine bestimmte Antwort des Immunsystems auslösen, „triggern“ nennt Groettrup das. Aber es gibt auch unwillkommene Helfer im Körper, die T-Zellen. Manche fördern die Erkrankungen, andere greifen „regulatorisch“ ein, wie es der Biochemiker nennt.

Groettrup ist bescheiden genug, um zu sagen, man sei „per Zufall“ auf ein Wirkprinzip gestoßen, wie man die entzündungsfördenden Botenstoffe im Immunsystem gezielt unterdrücken kann. In Nature Medicine, einem der renommiertesten Fachjournale der Disziplin, hat er seine Erkenntnisse veröffentlicht. Denn Mäuse mit Rheuma konnte er nachweislich heilen – „ohne dass sie eine erhöhte Anfälligkeit für andere Bakterien und Viren gezeigt hätten.“ Der Wirkstoff setzte also gezielt an.

Der Enzymkomplex, den er gefunden hatte, war der richtige Arm im weit verzweigten Immunsystem, das zeigten die Forschungen. Das Immunproteasom, das für Rheuma oder Multiple Sklerose verantwortlich ist, kann nach seinen Worten mit dem Wirkstoff PR-957 passgenau gehemmt werden. Und die Geschichte ist für die Pharma-Grundlagenforschung typisch. Denn PR-957, entwickelt vom US-Biotechnologieunternehmen Proteolix, war eigentlich als Leukämie-Arznei geplant. Da es hier nicht wirklich half, wandten sich die US-Forscher an Groettrup, der auch das Biotechnologie-Institut Thurgau in Kreuzlingen leitet.

Jetzt beginnt die nächste Phase in der Entwicklung eines Medikaments, das Medizingeschichte schreiben könnte: In klinischen Studien an echten Patienten wird es erprobt. Groettrup ist voller Hoffnung: „Wir möchten unbedingt, dass unsere Forschung einen praktischen Nutzen hat“, sagt er in seinem Büro im 11. Stock des Uni-Gebäudes P.

Dazu steht der Biochemie-Professor selbst freilich nur selten im Labor. Viel mehr Zeit verbringt er damit, Forschungsgelder einzuwerben und den Nutzen seiner Arbeit unter Beweis zu stellen. Und Marcus Groettrup schreibt. Wissenschaftliche Publikationen, die es ihm wiederum leichter machen, die Forschungsmaschinerie am Laufen zu halten: Der übliche Kreislauf in einem Umfeld mit härtestem Wettbewerb.

Die Ideen gehen ihm und seinen Mitarbeitern in den Labors direkt nebenan nicht aus. An einer Therapie gegen Prostatakrebs arbeiten sie bereits: es geht darum, die Antigene in biologisch abbaubare Mikropartikel einzuschließen und dem Körper immunaktivierende Substanzen zur Verfügung zu stellen. Wer die aufwendigen weiteren Forschungen finanzieren könnte, ist noch offen. Immerhin haben Risikofonds bereits Interesse bekundet.

Faszinierend und gefährlich: So sieht eine invasive Prostatakrebs-Zelle unter dem Rasterelektronenmikroskop aus. Das Bild von Martin Oeggerli wurde beim Wettbewerb Bilder der Forschung 2010 mit einem Hauptpreis ausgezeichnet. An der Uni Konstanz arbeiten Immunologen an einem Medikament gegen die gefährliche Krankheit.
Faszinierend und gefährlich: So sieht eine invasive Prostatakrebs-Zelle unter dem Rasterelektronenmikroskop aus. Das Bild von Martin Oeggerli wurde beim Wettbewerb Bilder der Forschung 2010 mit einem Hauptpreis ausgezeichnet. An der Uni Konstanz arbeiten Immunologen an einem Medikament gegen die gefährliche Krankheit. | Bild: Bild: dpa

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