Konstanz Warum das Fremde so wichtig ist

Özkan Ezli forscht an der Konstanzer Universität über Integration. Bücher und Filme sind für ihn wertvolle Quellen, doch die gesellschaftliche Relevanz verliert er nicht aus dem Blick. Am Dienstag, 12. Juli, ist er im Wissenschafts-Gespräch des SÜDKURIER im Café Voglhaus.

Bekannt: Der deutsch-türkische Film „Gegen die Wand” von Fatih Akin geht der Frage von gesellschaftlichen Moralvorstellungen und individueller Freiheit nach.
Bekannt: Der deutsch-türkische Film „Gegen die Wand” von Fatih Akin geht der Frage von gesellschaftlichen Moralvorstellungen und individueller Freiheit nach. | Bild: Bild: imago

Konstanz – Als Sibel von einem kurzfristigen Liebhaber bedrängt wird, der mehr will als eine heiße Liebesnacht, reagiert sie kühl. Sie wisse jetzt, wie er im Bett ist, und im Übrigen sei es wohl besser, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Der Mann wird zudringlich, da sagt Sibel: Wenn du mich nicht in Ruhe lässt, gehe ich zu meinem Mann, und der bringt dich um. Für Özkan Ezli ist es eine Schlüsselszene in dem Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Und Ezli, Wissenschaftler an der Universität Konstanz, kennt den Film besser als fast alle anderen: Seit Jahren beschäftigt er sich mit deutsch-türkischer Kulturproduktion, hat über den Film aus dem Jahr 2004 intensiv geforscht. Jüngst nutzte er ihn erst, als Schüler aus der Region einen Wissenschaftstag an der Uni hatten. Und Ezli kommt zu dem Schluss: Die beiden Episoden stehen nicht von ungefähr nebeneinander. Das Moderne und das Traditionelle, es ist für ihn irgendwie gleichzeitig geworden.

Welches Bild haben die Deutschen von den Türken und warum? Das ist eine der Leitfragen in Ezlis Arbeit. Mit Filmen und Literatur arbeitet er dabei, denn „sie reagieren stets auf gesellschaftliche Umstände“. Doch was er herausfindet, ist stets auch politisch. Integration ist zu einem Mega-Thema geworden, doch trägt das Konzept überhaupt noch? Ezli weiß die Antwort selbst noch nicht und sagt einen bemerkenswerten Satz: „Integration setzt immer voraus, dass es so etwas gibt wie eine Mitte der Gesellschaft.“ Und gibt es die im Deutschland des 21. Jahrhunderts, in Baden-Württemberg, in Konstanz noch? Und wenn ja, wie sieht sie aus?

Die literarischen Texte wie auch die Sachbücher – Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ist nur eines von vielen –, die er politisch liest und analysiert, haben Özkan Ezli zu einem Schluss kommen lassen: „Konflikte werden ins Prekariat verlagert und werden dort verhandelt.“ Eine sperrige Formulierung, aber im Kern mit einer explosiven Botschaft: Das Auseinanderbrechen der Gesellschaft wird nur am unteren Rand betrachtet. Doch auch in der Abschottung von Eliten liegen Gefahren, ist sich Ezli sicher. Und er spart nicht mit Kritik an der Tagespolitik und Grundströmungen. Die Gleichsetzung von türkischen Migranten und Islam sei ein Mittel, um einer in Wirklichkeit sehr heterogenen Gruppe Herr zu werden, meint der Uni-Forscher: „Bei der Islam-Konferenz der Bundesregierung geht es auch darum, einen regierbaren Islam herzustellen.“ Das sei in Wirklichkeit Sicherheits- und nicht Gesellschaftspolitik.

So klar er ist in der Sache, so ruhig bleibt Ezli im Ton. Er, der selbst als Kind türkischer Einwanderer in Südbaden aufgewachsen ist, will bewusst in die Gesellschaft hineinwirken und im Dialog bleiben. Darum arbeitete er auch bei der Bertelsmann-Stiftung, die längst als einer der wichtigsten Ideengeber für die Politik gilt und deren Macht vielen Kritikern unheimlich ist. In vielen Gesprächen versucht er ein Islam-Bild zu vermitteln, das nicht bedrohlich, sondern zuerst einmal interessant ist. Er spricht dann über die erste Generation von Einwanderern, für die die Moschee mehr gesellschaftliches als religiöses Zentrum war. Und über die Kinder dieser Eltern, die in der Schule über ihre Religion ausgefragt werden, sich zu informieren beginnen und so Strukturen des Islam in sich aufnehmen. Er erzählt von Familien, die einfach anders funktionieren, in denen sich die Söhne früher von den Vätern lösen. Und in denen doch Menschen leben, deren Bedürfnisse vielleicht gar nicht so anders sind als die im Umfeld.

Seine Methode beschreibt Ezli als „mikrosoziologisch“. Er schaut auf die gesellschaftlichen Fragen, die in Kunstwerken beschrieben, verhandelt und am Ende auch durch diese Werke neu geprägt werden. Da spielen konventionelle Analysen von Sprache, Bildern, Querverweisen und einflussgebenden anderen Büchern oder Filmen eine Rolle. Eine andere nehmen Überlegungen zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte ein. Dabei geht Ezli auf Reisen, wie auch die Helden der Bücher und Filme, mit denen er arbeitet. Das Unterwegs-Sein in fremde Welten lenkt Ezlis Blick auf das, was er eine „ethnographische Poetik“ nennt: Eine besondere Erzählweise, bedingt durch Ideen von Abgrenzung, Ferne, Unverständnis, aber auch von Neugier, Reiz, Vergleich. Ein bisschen scheint es manchmal, als habe Ezli das so in sich aufgesogen, dass er selbst zum Poeten wird: Wer mit ihm spricht, wird in einen Fachdiskurs mitgenommen, der immer wieder von starken Begriffen durchsetzt ist. Nicht überraschend, dass Özkan Ezli das Kino mit seinen Bildern so interessiert.

Provokant: Thilo Sarrazin. Auch mit seinem Buch beschäftigt sich Özkan Ezli.
Provokant: Thilo Sarrazin. Auch mit seinem Buch beschäftigt sich Özkan Ezli. | Bild: Bild: dpa
Anerkannt: Özkan Ezli gilt als wichtiger Forscher zur Integration.
Anerkannt: Özkan Ezli gilt als wichtiger Forscher zur Integration. | Bild: Bild: Hanser

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