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Konstanz Warum Jung und Alt nicht automatisch gut zusammenarbeiten

Ein Konstanzer Uni-Professor hat herausgefunden: Vielfalt der Lebensalter bringt Teams in Wirtschaft und Verwaltung erst einmal gar nichts. Florian Kunze folgert daraus, dass sich in vielen Organisationen der Führungsstil stark verändern müsste. Am Dienstag, 11. November, kommt er zu „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ins Voglhaus – nicht nur für Personalchefs und Führungskräfte ein spannender Termin.

Die Idee klingt gut: Ältere, langjährig erfahrene Mitarbeiter bilden mit jüngeren, frisch ausgebildeten ein Team. Davon, so die Theorie, profitieren alle, nicht zuletzt das Unternehmen oder die Behörde, in der auf das geachtet wird, was Experten als Altersdiversität bezeichnen. In zahlreichen Personalabteilungen ist es längst zum Trendwort geworden – nicht zuletzt, weil ältere Arbeitskräfte im Zuge des demografischen Wandels immer wichtiger werden. Auch an vielen Arbeitsplätzen ist das Thema bereits angekommen, sagt Florian Kunze. Gerade ist er auf eine Professur an der Universität Konstanz berufen worden. Für „Organisational Studies“, doch hinter dem schwer vorstellbaren Begriff steckt unter anderem eine ganz praktische Forschung mit konkreten Auswirkungen auf die Arbeitswelt.

„Kurz gefasst, geht es darum, aus einer Arbeitsgruppe ein echtes Team zu machen“, sagt der Forscher. Er ist an der Schnittstelle zwischen der Konstanzer Politik- und Verwaltungswissenschaft, wo sein Lehrstuhl angesiedelt ist, und der Betriebswirtschaft, wo man sich sonst eher mit dem Thema Personal und Mitarbeiterführung auseinandersetzt. Kunzes großes Thema dabei ist die Gerechtigkeit: Wie lässt es sich verhindern, dass sich unsichtbare Trennlinien durch eine Gruppe herausbilden, zwischen Jung und Alt zum Beispiel oder zwischen Männern und Frauen? Kunzes Antwort: durch klare Führung, durch eine nachvollziehbare Aufgabenverteilung, durch Rücksichtnahme, auch durch offene Kommunikation.

Darin berät er auch Führungskräfte und kann dabei auf einen wahren Datenschatz zurückgreifen. An seiner vorherigen Stelle an der Universität St. Gallen hat er an einer weltweit einzigartigen Erhebung mitgearbeitet. Top Job heißt sie und untersucht vor allem mittelständische Unternehmen auf ihre Attraktivität hin. Auf 25 000 Antworten, die meisten von ganz normalen Mitarbeitern, kann er zurückgreifen. Auch über Top Job hinaus forscht er in Firmen und Verwaltungen – mit dem Angebot, die Ergebnisse dann vorzustellen und gemeinsam mit den Führungskräften zu überlegen, was sich besser machen ließe. So wäscht eine Hand die andere: Die Wissenschaft bekommt Daten aus dem echten Leben, die Unternehmen Hinweise auf ihre innere Verfasstheit.

Ein wichtige Erkenntnis hat Kunze dabei schon gewonnen: „Wenn wir über Altersdiversität sprechen, müssen wir untersuchen, wer sich wie alt fühlt.“ Das bedeute: Wer eine langweilige Arbeit machen muss und weit weg ist von den Innovationen, fühlt sich oft älter in Lebensjahren gerechnet. Wer dagegen eine spannende Aufgabe hat und vorn mit dabei ist bei Neuerungen, fühlt sich jünger und leistungsfähiger. Auf der anderen Seite verändern sich die Menschen beim Älterwerden: „Die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, lässt schon ab 27 nach“, zitiert er aus einer Forschung, die insgesamt eher noch in den Kinderschuhen steckt.

Und dann gibt es da noch die Vorteile und all die Nachrichten, die sich mit dem Miteinander von Alt und Jung in Organisationen – Betriebe oder Verwaltungen etwa – befassen. Eben hat das Bundesarbeitsgericht geurteilt, dass in bestimmten Fällen Mitarbeitern nur deswegen mehr Urlaub gewährt werden darf, weil sie älter sind. Geklagt hatten – natürlich – jüngere Kollegen. Kunze, selbst Anfang dreißig, will das konkrete Urteil nicht kommentieren, sagt aber allgemein: „Es gibt auch eine Altersdiskriminierung von Jungen“, so wie älteren Mitarbeitern bis heute gelegentlich vermittelt werde, sie gehörten zum alten Eisen. Dass der Staat die Trennung von erfahrenen Kräften jahrzehntelang auch noch gefördert hat und viele Tarifwerke bis heute Gehaltserhöhungen nach Lebensalter vorsehen, habe ein Übriges getan: „Da liegt einiges im Argen.“

Auch wenn er gesetzgeberische Eingriffe für sinnvoll hält und etwa die Frauenquote in Aufsichtsräten großer Unternehmen „per se eine gute Sache nennt“ – es liegt vor allem an den Vorgesetzten, sagt Florian Kunze. In den Kontrollgremien von Konzernen sollten Frauen die Chance haben, auch die zentralen Ressorts wie Forschung oder Finanzen zu besetzen. In den Büros dagegen müsse die Entstehung von Subgruppen verhindert, genügend Stabilität ins System gebracht und zugleich Beweglichkeit ermöglicht werden. Was das konkret heißt, kann er in seinem eigenen Uni-Umfeld beobachten. Auch die so oft geforderte interdisziplinäre Forschung muss Verschiedenheit organisieren und in fruchtbare Bahnen lenken. Warum das oft nicht funktioniert? „Nur die besten Führungskräfte“, sagt Florian Kunze, „können ein diverses Team leiten und voranbringen.“


Florian Kunze, seine Forschung und Ausgesprochen: Wissenschaft

Als 42. Gast kommt am Dienstag, 11. November, Universitätsprofessor Florian Kunze zum Gesprächsabend „Ausgesprochen: Wissenschaft“. Nicht nur für Führungskräfte und Personaler wird es ein spannender Abend.

Der Gast: Florian Kunze, geboren 1981, gehört zu den jüngsten Professoren an der Universität Konstanz und ist ganz neu dabei: Erst seit Juli 2014 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Organisational Studies am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft. Für ihn ist es eine Rückkehr: Von 2001 bis 2006 studierte er Diplom-Verwaltungswissenschaft auf dem Konstanzer Gießberg und erarbeitete sich von 2006 bis 2010 einen Doktortitel am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen, wo er anschließend weiterforschte. Er verbrachte einen durch den Schweizer Nationalfonds finanzierten Gastaufenthalt an der Anderson Business School der University of California Los Angeles und arbeitete als Assistenzprofessor für Leadership an der Uni St. Gallen.

Die Forschung: Kunze nennt auf der Internetseite der Universität: Management des demographischen Wandels in öffentlichen und privaten Organisationen; Gestaltung von effektivem Führungsverhalten für Individuen, Teams und Organisationen; evidenzbasierte Personalmanagementstrategien. Bei letzteren geht es um wissenschaftliche Überprüfbarkeit unter anderem von Einstellungspolitik, Führungsstil und Anreizsystem. Er hat über Personalforschung und -führung umfassend veröffentlicht, mehrere Preise für Forschung und Lehre gewonnen sowie praktisch Führungskräfte weitergebildet.

Der Abend: Am Dienstag, 11. November, ist Florian Kunze Gast bei „Ausgesprochen: Wissenschaft.“ Die gemeinsame Veranstaltungsreihe der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung HTWG, der Universität Konstanz und des SÜDKURIER hat das Ziel, anhand nachvollziehbarer Beispiele aktuelle Forschungsergebnisse allgemein verständlich zu erklären und aufzuzeigen, warum sie wichtig sind. Das Gespräch mit Florian Kunze führt Jörg-Peter Rau, der Leiter der Konstanzer SÜDKURIER-Redaktion, anschließend können die Zuhörer noch Fragen stellen. Das Café Voglhaus ist bewirtet: die Türen werden um 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist wie immer in der Reihe frei.

Alles über die Veranstaltungsreihe mit Ausblick auch auf die kommenden Gäste:

www.ausgesprochen-wissenschaft.de

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