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Konstanz Warum Heimat nicht gleich Heimat ist

Fluchtpunkt 45/46 (1): Das Leben in der Fremde fiel vielen Ostflüchtlingen nicht leicht. So erging es auch den Deutschböhmen in Konstanz

In ihre Heimat werden sie nie wieder zurückkehren können, aber wenigstens ein kleines Stück davon möchten sie in den Händen halten. Deshalb schreiben die Mitglieder der Sudetendeutschen Landsmannschaft des Landkreises Konstanz am 25. März 1954 einen Brief an das Kulturdezernat der Stadt Konstanz. Ihre dringliche Bitte: Unterstützung bei der Anschaffung ihrer Egerländer Heimattracht, je eine männliche und eine weibliche. Denn „unsere 60 zahlenden Mitglieder“, schreiben sie, „sind finanziell sehr schlecht gestellt“.

Dieser Brief im Stadtarchiv Konstanz zeigt den schwierigen Neustart, den nicht nur Vertriebene aus der Tschechoslowakei, sondern auch alle anderen Ostflüchtlinge nach 1945 hatten. Mehr als 4000 Flüchtlinge und Vertriebene kamen nach Kriegsende in Konstanz unter. Wie überall litten sie hier unter einer tiefen Ablehnung durch Einheimische und einer prekären Wohnsituation. „Die ersten Sudetendeutschen, die nach Konstanz kamen, waren bei Einheimischen untergebracht“, sagt Ronald Stöhr, bislang zuständig für die Landsmannschaft im Landkreis Konstanz. „Ich weiß von einer Familie, die zunächst im Stadtteil Paradies wohnte.“ Erst mehrere Jahre nach Kriegsende sei dies gewesen. Konstanz lag in der französischen Besatzungszone und hier erfolgte die Aufnahme von Flüchtlingen erst ab 1949 und damit später als in britisch oder amerikanisch besetzten Gebieten. Der Wille sich hochzuarbeiten, war bei vielen stark, das Heimweh dennoch groß.

Als freundliche Geste dürften die Mitglieder der Landsmannschaft es daher empfunden haben, als sie das Geld für ihre Tracht tatsächlich bekamen: Ein Brief dokumentiert eine Anschaffungshilfe von 500 DM aus der Stadtkasse, was dem vollen Betrag entsprach. Milderungsversuche dieser Art durch die Stadt beschreibt auch Lothar Burchardt in seiner „Geschichte der Stadt Konstanz“. Sie hätten freilich nur Symptome, nicht aber Ursachen kuriert, so der Historiker.

Wie rege die Deutschböhmen in den folgenden Jahren ihre Kultur pflegten, dokumentieren Zeitungsartikel aus dem SÜDKURIER und der Südwestdeutschen Rundschau von 1954 bis 1961. Monatlich trafen sie sich in der Gastwirtschaft Bauhof in der Schottenstraße, pflegten dort Weihnachtsbräuche oder feierten Böhmischen Fasching. Sie waren nicht die Einzigen: Auch von Pommern, Schlesiern und Wartländern, die gemeinsam Weihnachten feierten, berichtet der SÜDKURIER im Dezember 1956.

Heimatverbundenheit und Integration schlossen sich für viele in den kommenden Jahrzehnten nicht aus. So beschreibt es auch Ronald Stöhr, der in seinem bürgerlichen Wohnzimmer in Konstanz-Wollmatingen noch viel an früher denkt. Als Neunjähriger sah er einen Mann mit Maschinengewehr vor sich und musste sein Elternhaus verlassen. Tschechische Soldaten trieben ihn und seine Familie mit anderen Deutschböhmen auf dem Marktplatz der Kreisstadt Dauba in der Tschechoslowakischen Republik zusammen. Von dort aus ging der Weg weiter bis zum Bahnhof und mit dem Zug hinaus aus dem Land. In Füssen im Allgäu angelangt, erzählt Stöhr, „hat mein Vater sich mühsam eine neue Existenz als Uhrmacher aufgebaut. Als Kind war es oft schlimm“, erinnert er sich, „wie wir als Flüchtlinge und Vertriebene gehänselt wurden.“ Seinen Platz in der Gesellschaft habe er sich durch Hartnäckigkeit erobert: Nach einem Studium in Furtwangen arbeitete er in Konstanz ab 1958 bei der Telekom, engagierte sich im Vorstand des Post-Telekom Sportvereins und zog mit seiner Frau Kinder groß. Aber ob Konstanz nun seine Heimat ist, kann er nicht so leicht beantworten. „Hier ist mein Zuhause“, sagt er nach einem Zögern. Aber der Begriff Heimat sei für ihn weiter gefasst. „Man fühlt sich mit der Gegend verbunden, in der man geboren ist und in der ersten Lebensphase gelebt hat.“

Er kehrte besuchsweise dorthin zurück. Durch den Kontakt zu einer katholischen Gemeinde organisierte er eine Reise nach Dauba für sich und seine Landsleute. Der Kontakt zu den Tschechen, die dort heute leben, blieb distanziert. „In Kenntnis der vergangenen Ereignisse“, sagt er heute, „war von vornherein keineswegs zu erwarten gewesen, dass Kontakte damaliger und heutiger Bewohner zu freundschaftlichen Beziehungen führen könnten.“

Im zweiten Teil geht es um die langsame Annäherung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen


Die Sudetendeutschen

Der Name: Sudetendeutsche ist ein Oberbegriff für die deutschsprachige Bevölkerung, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Tschechoslowakischen Republik lebte. Der Name stammt von einem Gebirgszug an der Grenze zu Polen. Für viele Tschechen klingt das Wort negativ.

Sudetendeutsche in Baden-Württemberg:Der größte Teil der sudetendeutschen Vertriebenen fasste in Bayern Fuß, viele aber auch in Baden-Württemberg. Der Vorsitzende der Landesgruppe der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Klaus Hoffmann, geht von etwa 20 000 Mitgliedern inklusive anderer Verbände aus. Die meisten Nachkommen sind nicht organisiert und viele stehen der Landsmannschaft kritisch gegenüber.

Die Landsmannschaft in Konstanz: Spätestens ab 1954 gab es eine Sudetendeutsche Landsmannschaft für den Landkreis Konstanz. Ronald Stöhr (80) war bislang deren Zuständiger, hat aber keinen Nachfolger. (jru)

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