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Vorzeige-Projekt in Konstanz: Wie die Philharmonie das Publikum von morgen gewinnt

Das Klassik-Publikum wird immer älter, junge Menschen interessieren sich kaum für die alten Meister. Denkt man. Ein ungewöhnliches Projekt von Philharmonie und HTWG in Konstanz zeigt, dass es auch anders geht

Die Totengesänge sind nicht neu. Sie ertönen immer mal wieder und pochen darauf, dass es jetzt nun wirklich bald vorbei sei mit dem Publikum für klassische Musik. Prominent nachzulesen war das unter anderem 2008 in einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums. Darin hieß es wörtlich: „Scheiden die geburtsstarken Jahrgänge dann aber ab Ende der 2020er Jahre sukzessive aus dem Konzertbesuchalter aus, wird es zu einem raschen Einbruch der Besucherzahlen kommen, zumal sich der Musikgeschmack der nachrückenden MTV- und internetsozialisierten Jahrgänge noch weiter von einer Klassikaffinität entfernt haben wird. Spätestens ab 2030 ist daher mit einem tief greifenden Strukturwandel zu rechnen.“ Hans Neuhoff, Musikwissenschaftler und Leiter der damaligen Untersuchung, befürchtet, dass der klassischen Musik das Publikum schlicht wegstirbt.

Bei der Südwestdeutschen Philharmonie hat man dazu eine ganz eigene Haltung: "Wir müssen immer wieder neue Wege gehen, das heißt auch die Menschen unserer Stadt immer wieder und immer wieder anders an die Musik heranführen“, sagt Beat Fehlmann, Intendant des Orchesters. Was genau er damit meint, kann man in diesen Tagen an einem außergewöhnlichen Projekt beobachten, das die Philharmonie gemeinsam mit Felix Strasser, dem Leiter des Studententheaters der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) auf die Beine gestellt hat. Unter dem Schlagwort "Lauschangriff" haben sie im Rahmen des Studium generale an der HTWG ein Seminar entwickelt, das jungen Menschen, klassische Musik nahebringen will. "Wir setzen dabei auf einen absolut sinnlichen Zugang und weniger auf einen verkopften – wie ihn der eine oder andere vermutlich noch aus Schulmusikunterricht kennt", erklärt Strasser.

Nicht Fakten, Namen und Tonleitern stehen im Mittelpunkt, sondern das Hören an sich. Mit diesem niederschwelligen Angebot versuchen die Macher, das Publikum von morgen zu überzeugen.

Und das mit erstaunlichem Erfolg: 41 Studenten haben sich für das Seminar eingeschrieben. Darunter sind Informatiker, Maschinenbauer, Verfahrens- und Umwelttechniker, Betriebswirte und Kommunikationsdesigner. Eine ganz bunte Truppe von Menschen, die mal mehr, mal weniger Berührung mit klassischer Musik bisher hatten. "Uns geht es darum, den Studenten den gesamten Betrieb eines solchen Orchesters zu zeigen. Von den Konzerten über die Proben bis hin zu all den Dingen, die hinter den Kulissen ablaufen", sagt Gesine Meyer-Herrbold. Die Musikpädagogin hat für die Philharmonie an dem Konzept des Projektes mitgearbeitet.

Wer das Seminar besucht, bekommt relativ schnell eine Ahnung, warum das Konzept so gut funktioniert. Die Studenten erleben die Musiker als Menschen. Nicht als perfekte Instrumentalisten im dunklen Tuch auf der Bühne, sondern als jemanden, der ein besonderes Talent hat, aber mit dem man vielleicht auch gerne mal ein Bier trinken gehen mag. "Die persönliche Begegnung ist tatsächlich oft der Schlüssel", hat Felix Strasser festgestellt. So ist das auch bei dem Gespräch der Studenten mit dem Horn-Quartett German Horn Sound. Das Quartett spielte bei einem Abokonzert des Orchesters. Am Rande einer Probe nahmen sich die Musiker Zeit und erklärten den HTWG-Studenten ihre Musik. Am Ende profitieren davon alle, die Studenten, weil sie etwas dazu lernen und die Musiker, weil sie ein Interesse und eine Wertschätzung von jungen Menschen erfahren, wie es sonst eher nicht so üblich ist. Auch Michael Küttenbaum, Oboist des Orchesters, findet den Austausch fruchtbar: "Uns macht das total Spaß, es ist schön, das Interesse der Studenten zu spüren", sagt der Musiker.

Und die Studenten? Sehen das ganz ähnlich. Phil Kirchhofer, Clara Henrich und Bendeikt Sienz zum Beispiel. Alle drei hatten vor dem Seminar wenig bis gar nichts mit klassischer Musik am Hut. "Ich kannte Felix Strasser von seiner Arbeit mit dem Theater, deshalb dachte ich, dass das Seminar ganz spannend werden könnte", sagt etwa Kirchhofer, der eigentlich Verfahrens- und Umwelttechnik studiert. Er nehme Musik jetzt auch viel bewusster wahr, gibt Kirchhofer zu. Clara Henrich ist ebenfalls begeistert, das Seminar habe ihr eine ganz neue Welt eröffnet: "Ich verstehe jetzt viel besser, wie man klassische Musik hören muss. Man muss sich komplett darauf einlassen, das ist nichts, was man nebenher hören kann", sagt die Unternehmensführungs-Studentin. Benedikt Sienz hat besonders der Grenzbereich interessiert, den das Seminar zwischen klassischer und populärer Musik ausgelotet hat. Als besonderen Anreiz durften die Studenten nicht nur bei den Proben der Philharmonie zuschauen, sie waren auch in die Bodensee-Arena eingeladen und durften Stars wie Peter Fox, Joy Denalane und Max Herre bei ihren Proben für das gemeinsame Konzert mit dem Konstanzer Orchester zuschauen. Der Promifaktor habe bei allen aber nur eine geringe Rolle gespielt, sich für das Seminar einzuschreiben, sagen die Studenten. Trotzdem war es für alle ein besonderes Erlebnis nach den Proben auch noch mit Lutz Häfner, dem Echo-Preisträger, Jazz-Saxophonisten und kreativen Kopf hinter dem Großprojekt sprechen zu können. Der erste Schritt ist also gemacht. Ob sie sich auch ohne Seminar jetzt mal ein Konzert der Philharmonie anhören werden? "Auf jeden Fall", sagen die Studenten einstimmig.

Neue Ideen

Wenn es nach Felix Strasser und Beat Fehlmann geht, dann sollen weitere Formate wie der Lauschangriff auch in den nächsten Jahren folgen. "Es gibt bereits Ideen und Wünsche, aber noch nichts, was greifbar wäre", sagt Beat Fehlmann. Dass es allerdings erneut ein großes Crossover-Konzert geben könnte, ist wahrscheinlich. Arno Schwarz, Initiator der ersten beiden Auflagen, hatte bereits vor Wochen angekündigt, dass er die Reihe gerne dauerhaft etablieren möchte. Demnach könnte es jährlich ein Konzert mit Orchester und prominenten Sängern aus der Popbranche geben. Vorbild für Schwarz sind die Nokia Night of the Proms. In fünf Jahren will er den Status dieser Show erreichen. (lün)

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