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Konstanz Von der Suche nach Querverbindungen

Jürgen Osterhammel ist unter den deutschen Historikern ein Star: Mit seiner von Vergleichen und Beziehungen geprägten Arbeit hat er einen bundesweiten Spitzenplatz in seiner Zukunft errungen. Der Professor an der Universität Konstanz spricht am 9. Februar im Voglhaus.

Ein ungestümes Zeitalter: Im 19. Jahrhundert veränderte auch der Bau der Eisenbahn (hier im Schwarzwald zwischen Triberg und Offenburg) die Welt. Jürgen Osterhammel hat zu dieser Epoche ein aufsehenerregendes Buch geschrieben.
Ein ungestümes Zeitalter: Im 19. Jahrhundert veränderte auch der Bau der Eisenbahn (hier im Schwarzwald zwischen Triberg und Offenburg) die Welt. Jürgen Osterhammel hat zu dieser Epoche ein aufsehenerregendes Buch geschrieben. | Bild: Bilder: Archiv, Rau

Konstanz – Was verbindet China mit dem britischen Empire? Und was hat die Schildkröte Harriet mit dem 19. Jahrhundert zu tun? In beiden Fällen gibt es Querverbindungen. Der Aufstieg der britischen Weltmacht hatte entscheidenden Einfluss für den – wie wir heute wissen, vorübergehenden – Abstieg Chinas. Und Harriet war das Tier von Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, die die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts in ihren Grundfesten erschüttern sollte. Die Verbindungslinien hat Jürgen Osterhammel gezogen, der Inhaber des Lehrstuhls für neuere und neuste Geschichte an der Universität Konstanz. Spätestens seit der Verleihung des renommierten Leibniz-Preises im Jahr 2010 gilt er als Star seiner Zunft.

Eitles Gehabe ist ihm gleichwohl fremd. So sagt Jürgen Osterhammel über den Leibniz-Preis dann auch vor allem, dass dieser ein Vertrauensvorschuss ist. Geld, Anerkennung und vor allem ein Freiraum, den er für eine weitere Buchveröffentlichung gut brauchen könnte. Der Blick aufs große Ganze, die Lust am Zusammenführen, Vergleichen und Unterscheiden, die so entstehenden kleinteiligen Mosaike und der Mut zu einer Hypothese, die einem letztgültigen, mit Zahlen belegten, Vergleich vielleicht nie zugänglich sein wird: Das macht Osterhammels Arbeit aus, das hat seinen Büchern einen so enormen Erfolg auch außerhalb der Fachwelt beschert.

Überhaupt, die Öffentlichkeit: In diese will der Historiker vor allem durch seine Bücher und Aufsätze wirken. Ein halbes Jahr ohne Konferenzen ist für ihn nicht verlorene, sondern eher gewonnene Zeit. Und die unter Geschichtswissenschaftlern gelegentlich betriebene Abschottung nach außen ist seine Sache eigentlich auch nicht. Zutiefst sei er überzeugt: „Themen von Historikern müssen auch für die Gegenwart interessant sein.“

Dafür wählt Jürgen Osterhammel lieber das Weitwinkelobjektiv als das Mikroskop, obwohl aus seinen Büchern eine große Liebe zum Detail spricht. Globalgeschichte nennt er das, mit den berühmten Querverbindungen. Zum Beispiel der zwischen China und England des 18. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund hat er sich sehr gewundert, als ein Tagesschau-Sprecher vor einiger Zeit zu einem US-chinesischen Gipfeltreffen erklärte, hier treffe altes Selbstbewusstsein auf Neues: Das alte, das vertritt für ihn nicht der Emporkömmling USA, sondern China.

Ein weiteres Prinzip seiner Arbeit ist es, die Ränder von Systemen, ihre Anknüpfungspunkte und Einflussgeber zu untersuchen. Das unterscheidet ihn von vielen Kollegen, die in der Vergangenheit Kulturen als monolithische Blöcke sahen wie etwa Samuel Huntington. Beliebig darf es für Jürgen Osterhammel dennoch nicht werden, denn der von ihm so oft bemühte Vergleich soll ja die charakteristischen Eigenschaften seines Untersuchungsgegenstands herausarbeiten helfen.

Kein Wunder, dass Begegnungen für die Arbeit von Jürgen Osterhammel so wichtig sind. Die Jesuiten, die westliches Wissen nach China trugen und Informationen vom anderen Ende der Welt zurückbrachten. Die Küsten, an denen Aufbruch, Rückkehr und Begegnung ihren Ort haben. Und auch sein großes Buch „Die Verwandlung der Welt“ erlaubt letztlich vor allem Begegnungen mit Dingen, die im 19. Jahrhundert passiert sind: Eine „konsekutive Umkreisung“ nennt der Autor es. Gleichwohl haben die Kreise doch eher die Form einer Spirale, die enger wird, ohne sich im Inneren ganz zu schließen: Geschichte ist niemals auserzählt, auch dessen ist sich der methodenbewusste Jürgen Osterhammel bewusst.

Dabei sind die Erkenntnismittel so vielfältig wie die Themen. Wissenschaftliche Beschreibungen, Landkarten, Bilder, Romane, Musikstücke – all das ist das Material des Historikers, und die Regale in seinem Universitätsbüro sprechen eine deutliche Sprache. Der Zugriff ist dabei von einem weiten Horizont geprägt: Dem Vorwurf einer zu starken Zentrierung auf Europa will Osterhammel stets entgehen. Darum China und das britische Empire. Und Harriet, die Schildkröte, starb im Jahr 2006 in Queensland, Australien.

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