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Konstanz Unter dem scharfen Blick des Malroboters

Patrick Tressets Maschinen zeichnen und malen. SÜDKURIER-Mitarbeiterin lässt sich porträtieren. .

Der Künstler startet nacheinander drei Laptops. „Da läuft etwas nicht gut“, kommentiert Patrick Tresset beim zweiten auf Englisch. Ein Problem mit der Programmierung? „Nein, kein Problem. Aber es kann immer besser sein.“ Die Situation ist skurril: Ich sitze auf einem Stuhl im Bildungsturm im Kulturzentrum und soll gleich porträtiert werden. Mir gegenüber: nein, nicht Tresset, sondern Paul, und zwar gleich dreimal. Drei kleine Holzpulte, auf jedem ein kleines Kameraauge an einem Stativ und ein Roboterarm. Von je einem Computer unter dem Pult werden sie gesteuert. Gleich wird der dreifache Malroboter loslegen und aus drei Perspektiven mein Gesicht nachzeichnen. Dafür haben alle drei Roboterhände einen Kugelschreiber fest im Griff und ein Blatt Papier vor sich. Als Vorlage dienen den Pauls Fotos, die sie von mir machen werden. An ihnen können sie den Algorithmus, quasi das Malrezept, berechnen.

Die drei Kameras haben sich jetzt auf mich gerichtet. Drei starre, mechanische Augen. Der Paul links vor mir fängt plötzlich an zu surren und bewegt seinen Arm, der erste Strich fährt über das Papier. „Er hat dich fotografiert, jetzt kommt der Zweite“, sagt Tresset, der die Roboter genau beobachtet. Gucke ich wohl genauso, wie während des ersten Fotografierens, frage ich mich? Jetzt malt auch der zweite, das dritte Foto wird gleich dran sein. Ich bemühe mich, stoisch aus dem Fenster zu schauen. Dann zuckt auch der dritte Arm. „Jetzt kannst du dich wieder bewegen“, sagt Tresset. Auch aufstehen könnte ich.

Die drei Pauls zeichnen mich jetzt aus ihrer Erinnerung, meine Anwesenheit brauchen sie nicht.

Ich bleibe trotzdem sitzen, aufzustehen würde ich als widernatürlich empfinden. Während die Ärmchen der drei Pauls surrend über die Blätter eilen, schaue ich ihnen zu. Auf dem ersten Bild beginne ich mein Gesicht zu erkennen. Die Augen und Brauen, die Nase und den Mund. Was der zweite Paul macht, verstehe ich nicht. „Er malt dein Halstuch“, stellt Tresset fest, der am zweiten Computer hockt und das Programm einsehen kann. In den Malprozess eingreifen kann er nicht. Paul ist sein Doppelgänger und dennoch ein eigenes Individuum. Tresset, Künstler und Informatiker, hat ihn vor einigen Jahren entwickelt. Seitdem lässt er ihn in Ausstellungen in Museen in seinem Zeichenstil porträtieren. Hier im Bildungsturm ist er in der Ausstellung „Zufallszwänge“ zu sehen, die Studierende von Literatur-Kunst-Medien und von Information Engineering organisierten.

Paul eins malt emsig weiter, Schatten entstehen, die Ähnlichkeit wird deutlicher. Paul zwei arbeitet sich am Muster meines Halstuches ab, die Kugelschreiberstriche verdichten sich. Diese Kulis verwendet Tresset teils aus praktischen, teils aus künstlerischen Gründen: „Die halten lange. Außerdem ist das in Frankreich und in England ein sehr klassischer Stift. Er weckt Assoziationen bei den Leuten.“ Tresset hat Recht: Auch in mir ruft das Stiftmodell Erinnerungen wach. Und irgendwie gibt das diesem technischen Malprozess etwas Menschliches.

Etwas angestrengt betrachte ich die Zeichnungen, die ich nur über Kopf sehe. „Du kannst aufstehen und sie dir ansehen“, ermuntert mich Tresset. Erst zögere ich, aber die Pauls zeichnen unbeirrt weiter, als ich dann doch aufstehe. Tresset betrachtet das Werk des dritten Pauls. „Es wird das Ähnlichste“, sagt er. Erst hatte es am abstraktesten ausgesehen, aber es stimmt: Mit einigen Metern Abstand erkenne ich mich wieder.

Plötzlich hält der erste Paul inne. Er hat signiert und ist fertig, sein kleiner Arm ruht wieder auf dem Pult. Nachdem er noch ein paar Haarsträhnen gemalt hat, stoppt auch Paul 3. Der zweite aber kann von meinem Halstuch nicht genug bekommen. Er zeichnet weiter und weiter, während Tresset und ich amüsiert die Köpfe schütteln. Aber wir lassen ihm seine Zeit. Der Roboter ist ein rätselhafter Künstler, man muss ihn walten lassen. Dann noch ein letztes Surren und nach 40 Minuten rastet auch der Arm des zweiten Paul neben dem Papier ein. Werk vollendet.

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