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Konstanz Tourismus-Forschung: Damit auch künftig Gäste kommen

Tatjana Thimm forscht und lehrt an der Konstanzer Hochschule HTWG zum Thema Tourismus. Im Fokus steht dabei auch der Bodensee

Das ist schonender Tourismus: Wanderer genießen am Fünfländerblick die Aussicht über den Bodensee.
Das ist schonender Tourismus: Wanderer genießen am Fünfländerblick die Aussicht über den Bodensee. | Bild: archiv

Wenn sie forschen will, muss sie nur ein paar Minuten zu Fuß gehen. Vom Büro an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) den Seerhein aufwärts ans Ufer des Bodensees. Unterwegs kommt sie an Ferienwohnungen, Hotels, Restaurants vorbei und ist mittendrin in ihrem Thema. Tatjana Thimm, Professorin an der Hochschule, beschäftigt sich mit dem Thema Tourismus. Und auch wenn der Titel ihres Instituts, „Institut für Dienstleistungsmanagement“, es vielleicht nicht vermuten lässt, mit einem ganz besonderen Aspekt des Fremdenverkehrs: dem nachhaltigen Tourismus.

Das Massengeschäft hat sich die 44-Jährige damit fürwahr nicht ausgesucht. Auf nicht einmal ein Prozent Marktanteil kommen die 150 unter dem Dach des Verbandes „Forum anders Reisen“ zusammengeschlossenen Veranstalter derzeit. Sie versprechen: Wer mit uns ein fremdes Land besucht, kann sich sicher sein, dass in Sachen Ökologie, Ökonomie und Soziales im Gastland nur so viel entnommen wird, dass auch künftige Generationen noch leben können. Das klingt gut, doch die allermeisten Touristen fragen sich eben nicht, wo das Wasser für den Pool in einem trockenen Mittelmeer-Staat herkommt. Oder ob die Mitarbeiter in Ferienanlagen von ihren Gehältern leben können. Oder ob für die Touristen nicht genau jene Natur kaputtgemacht wird, die sie doch anlocken soll.

Natürlich kennt Tatjana Thimm die Extrembeispiele. Bettenburgen am Mittelmeer, Sex-Tourismus in Thailand, der Golfplatz mitten in der Wüste, Retorten-Skiressorts in den Alpen. Doch allzu lange will sie sich damit nicht aufhalten. Und sie will auch gar nicht sagen, welche touristischen Angebote denn nun zu hundert Prozent nachhaltig sind. Auf die Frage nach der „Enkelgerechtigkeit“, das Wort benutzt Thimm gerne anstelle der strapazierten Nachhaltigkeit, gibt es nicht schwarz oder weiß. Nachhaltigkeit ist ein Ziel, das sich bewegt. Es hängt viel von den Umständen ab: Wie viele Touristen auf einen Einwohner kommen, wie groß das kulturelle Gefälle zwischen Besuchern und Besuchten ist, wie der ökologische Fußabdruck ausfällt. Und davon, wie das gemessen wird.

Ein Tourismus, der nachfragt, statt nur zu konsumieren, ist für Tatjana Thimm aber mehr als ein Wunschbild. Auch die großen Konzerne haben längst erkannt, dass die Öffentlichkeit kritischer wird. Ein ressourcenbewusstes Leben ist chic geworden, die Verfechter von „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability, Lebensstil auf Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit) sollen inzwischen einen Anteil von 30 Prozent an der Bevölkerung haben. Und nicht nur für sie gilt: Bewusste Reisen sollen keine Kasteiung sein, sondern ein Gewinn. „Nachhaltigkeit“, sagt Tatjana Thimm dann auch, „hat insbesondere dann eine Chance, wenn es Spaß macht.“

Freilich geht es Thimm dabei um mehr als den Spaßfaktor. Nachhaltigkeit, ist sie überzeugt, hat auch viel mit Werten zu tun. Mit der Frage, wie die Menschen mit ihrer Lebensgrundlage umgehen und wie viel sie davon nachfolgenden Generationen überlassen. Und ob Tourismusziele – nach ihren Erkenntnissen von Haus aus träge und lange funktionierend, wenn sie einmal etabliert sind – auch vermeintlich unbequemen Ansätzen eine Chance lassen. Dass das oft schwierig ist, zeigt sich zum Beispiel in manchen Skigebieten der Alpen, die sich nur langsam mit dem Klimawandel auseinandersetzen und wo im Zweifelsfall mächtige Akteure vor Ort lieber in noch mehr Schneekanonen investieren, statt eine dringend nötige Debatte zuzulassen und Konzepte für die Sommersaison zu entwickeln. Wo, und auch dafür gibt es Beispiele, engagierter an der Zukunft gearbeitet wird, sind die Aussichten deutlich besser.

Thimm arbeitet daran, dass solche Ansätze auch vor Ort mehr Gewicht erhalten. Zusammen mit Kollegen aus Zürich und aus der HTWG-Informatik arbeitet sie gerade in einem Projekt zur nachhaltigen Mobilität für Feriengäste am Bodensee namens „Mobility Lake“. Gute Verbindungen und ein einfaches Tarifsystem hat sie schon als wichtige Elemente ausgemacht – neu ist das nicht, aber umgesetzt ist eben auch noch nicht viel. Auch das, was Thimm als „attitude-behaviour-gap“ bezeichnet, kennt man schon lange als „Wasser predigen, Wein trinken“. An ihrem Thema verzweifelt Tatjana Thimm dennoch nicht. Beim Bodensee-Tourismus sieht sie etliche Akteure, die in Sachen Nachhaltigkeit gut dabei sind. Zwei liegen nicht direkt vor der Tür ihres Instituts, aber doch in Konstanz. Es sind, sagt Thimm, der Ecocamping-Zeltplatz in Dingelsdorf und die Insel Mainau.

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