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Konstanz Tod bin Ladens: Nicht nur glückliche Amerikaner

Nach der Tötung des Terroristenführers Osama bin Laden durch eine US-Spezialeinheit sind Amerikaner, die zur Zeit in Konstanz leben, auch nachdenklich gestimmt. Die Konstanzer Amerikanistik-Professorin Reingard Nischik nimmt gegenüber SÜDKURIER Online Stellung zur amerikanischen Mentalität.

Symbolbild
Symbolbild | Bild: dpa
Andrew Brenner (Name von der Redaktion geändert) ist Doktorand an der Universität Konstanz und war selbst im Einsatz in Afghanistan. Seinen richtigen Namen möchte er angesichts des immer noch brisanten Konflikts nicht in der Öffentlichkeit sehen. Angesichts der amerikanischen Freudentänze, die im Fernsehen zu sehen waren, hat er gemischte Gefühle: „Wenn ich die Bilder hauptsächlich jüngerer und über die Maßen feiernder Amerikaner sehe, wirkt der Tod Osama bin Ladens auf mich skurril und irgendwie auch reaktionär“, erzählt er. Das ist seine Sicht der Dinge. Brenner hat keinerlei Sympathien für Osama bin Laden, der so viel Terror und Gefahr in die Welt gebracht habe. Feststeht für ihn dennoch: „Ich würde nicht die Worte Glück oder Freude verwenden, aber es fällt schon eine Last von mir.“

Professor Reingard Nischik, Lehrstuhl Amerikanistik an der Universität Konstanz
Professor Reingard Nischik, Lehrstuhl Amerikanistik an der Universität Konstanz | Bild: Universität Konstanz
Konstanzer Amerikanistik-Professorin zum amerikanischen Freudentaumel

Die Amerikanistik-Professorin Reingard Nischik erklärt dazu: „Feiernde Amerikaner im Fernsehen, die ‚U-S-A, U-S-A’ skandieren, die die amerikanische Flagge schwingen und auch noch die Nationalhymne singen aufgrund der Ermordung bin Ladens sind für uns Deutsche mit einem historisch getrübten Bezug zum zelebrierten Patriotismus erst einmal irritierend.“

Fernsehbilder nicht überbewerten

Sie plädiert jedoch dafür, diese Bilder nicht überzubewerten: „Diese spontanen Feiern fanden wohl vornehmlich am Ground Zero in New York und am Weißen Haus in Washington, zwei symbolträchtigen Orten Amerikas, statt.“ Nischik verweist auf Stellungnahmen aus den USA, „die das Begrüßen, erst recht ein euphorisches Feiern, der gezielten Ermordung eines Menschen moralisch in Frage stellen – egal wie grausam er war." Auch in den USA denke man darüber nach, inwieweit das “Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn“-Prinzip moralisch zu rechtfertigen ist.

Ein heilendes Gefühl gerechter Bestrafung

Man dürfe aber nicht außer Acht lassen, dass sich bin Laden speziell die Tötung von Amerikanern, auch Zivilisten, auf die Fahne geschrieben hatte. „Die Ereignisse des 11. September 2001 in den USA sind ein nationales Trauma.Indem der Kopf solcher brutalen Massenmorde unschädlich gemacht wurde, kann sich auch ein teilweise heilen des Gefühl der gerechten Bestrafung einstellen“, sagt Nischik. Gerade für die Hinterbliebenen der zahlreichen Opfer bin Ladens sei sein Tod eine späte Genugtuung. Amerikanische Zeitungen titelten: „Wir haben ihn!“ oder gar: „Verrotte in der Hölle!“. Dazu stellt die Professorin fest: „Das ist wahrlich nicht nur republikanische Schadenfreude. Die amerikanische Kultur ist nachhaltig vom Puritanismus geprägt, der die Welt,vermeintlich eindeutig, in gut und böse aufteilt.“

Zur Person:

Professor Reingard Nischik hat den Lehrstuhl für Nordamerikanische Literatur an der Universität Konstanz seit 1994. Sie arbeitet außerdem am Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration".

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