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10.07.2007  .

Symbolreiches Welttheater

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Feininger.jpg
Eine Arbeit von Lyonel Feininger.
Galerie Walz

Treffend schrieb 1980 der Literaturwissenschaftler Richard Brinkmann: "Der Begriff des Expressionismus, seine Bedeutung und sein Geltungsbereich ist immer noch eine Plage". Mittlerweile einig ist sich die kunsthistorische Forschung jedoch darüber, dass es eine einzig "wahre" Definition für den Expressionismus nicht gibt, dafür ist diese Geistesbewegung zu vielfältig und widersprüchlich. Vor- und Nachkriegsexpressionismus, sozialkritischer und politisch-agitatorischer Expressionismus, lyrisch-emotionaler und veristischer Expressionismus, Großstadtexpressionismus, Landschaftsexpressionismus, das Spektrum ist breit gefächert. Ebenso ist die Themenvielfalt groß, die handschriftliche Individualität noch viel größer. Eine Grenze zu ziehen ist nicht leicht. Doch im Medium der Graphik haben sich viele Expressionisten zusammengefunden und es ist sicherlich auch ihr Verdienst, dass zum Beispiel der Holzschnitt als mittelalterliche Technik sich am Anfang des 20. Jahrhunderts wieder etablieren konnte.

Die Galerie Walz in Überlingen stellt jetzt diese ganze Bandbreite der expressionistischen Graphik in einer qualitätsmäßig auf sehr hohen Niveau dargebotenen Präsentation aus. Mit fast 90 Arbeiten von 12 Künstlern zeigt sie die große Unterschiedlichkeit der expressionistischen Bewegung auf. Neben dem inneren Kern, welcher Werke der Brücke-Maler umfasst, hier sind insbesondere Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff zu nennen, liegt der Schwerpunkt der Ausstellung aber auf den nicht im "Mainstream" der expressionistischen Bewegung anzusiedelnden Künstlern, wie Max Beckmann, Lyonel Feininger oder Otto Pankok. Beckmann, dessen Arbeiten in Öl immer wieder ein mit symbolischen Finnessen bestücktes Welttheater inszenieren, ist in seinen graphischen Arbeiten eindeutiger und geradliniger. Seine meisterliche Zeichenkunst und seine pointierte Treffsicherheit in der Darstellung des menschlichen Antlitz kommen dabei besonders gut zur Geltung. Sein Hang zur Karikatur und sein bissiger Humor werden unter anderem sichtbar in einer Kaltnadelradierung mit dem Titel "Die Gähnenden", auf der mehrere skurril überzeichnete Typen sich gegenseitig angähnen. Sehr viel lyrischer und poetischer geht es dagegen in den Blättern des deutsch-amerikanischen Künstlers Lyonel Feininger zu. Ursprünglich aus der Karikatur kommend, entwickelte Feininger mit der Zeit einen sehr feinen und klaren Stil, der in seinen Tuschzeichnungen vereinzelt ins Konstruktivistische fällt. Diese Mischung aus Poetik und subtil gestochener Schärfe macht seine Graphiken von Schiffen und Kuttern zu jeweils kleinen Meisterwerken. Das Licht, das auf dem Blatt "Swinemünder Fischkutter" von hinten das dunkle Segel des Schiffes fast mystisch umhüllt, rückt ihn in die Nähe des Romantikers Caspar David Friedrich. Dagegen geht es in den graphischen Blättern von Otto Pankok mehr um die menschlichen Randerscheinungen der Gesellschaft. Ähnlich wie bei Käthe Kollwitz bemerkt man an den Arbeiten Pankoks eine große, zutiefst christlich geprägte Anteilnahme und Sorge. Die Kohlezeichnung einer alten Bäuerin, auf die man von oben blickt, ist in ihrer liebe- und würdevollen Darstellung ein beispielhaftes und wunderschönes Zeugnis für den sozialen und christlichen Charakter der expressionistischen Kunst, als dessen Vertreter Otto Pankok im höchsten Maße gelten muss. George Grosz und Otto Dix bedienen mit ihrer Graphik zu guter Letzt noch den Aspekt des sozialkritischen, veristischen Expressionismus. Mit sehr pointiertem Strich werden das Rotlichtmilieu und die Schattenseiten der Großstadt kurz nach dem Ersten Weltkrieg aufgezeigt. Wer sich mit diesen ganz unterschiedlichen Geisteshaltungen der expressionistischen Kunst auseinandersetzen möchte und dabei noch hohe Qualität und eine großartige Präsentation erleben will, darf sich diese Ausstellung, in der alle Exponate zum Verkauf angeboten werden, nicht entgehen lassen.

Ulrike Niederhofer

"Sturm der Zeit". Meistergraphik des Expressionismus. walz kunsthandel in Überlingen, noch bis zum 9. September, Öffnungszeiten: Mo bis Fr 9-11 Uhr und 15-18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter 07551-937792. Ein hervorragendes Onlineverzeichnis aller Bilder und weiterer Informationen finden sie unter www.walz-kunsthandel.de

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