Fast eineinhalb Jahre nach der Trennung von Gert Müller-Esch als Chefarzt der Inneren Medizin beabsichtigt das Klinikum, die Führung des Zentrums neu zu besetzen. Es will die Möglichkeit zu einer Neuorganisation nutzen. Künftig soll es an dem Spital zwei Abteilungen mit jeweils einem Chefarzt geben. Davon verspricht sich das Klinikum mehr Erlöse.
Diese kann das Haus, aber auch die gesamte, mit dem Singener HBH-Verbund entstehende Holding unter dem Dach des Landkreises gut gebrauchen. Schließlich ist eine künftig wirtschaftlich gesunde Basis erklärtes Ziel, um den Bürgern im Landkreis, und vor allem darüber hinaus eine gute Medizin in kommunaler Trägerschaft bieten zu können. Dabei nimmt die Innere Medizin eine herausragende Position ein. Sie zählt zu den wichtigsten Disziplinen eines Krankenhauses. Je nachdem, welche medizinischen Fertigkeiten es anbietet, kann es über die davon abhängigen Fallpauschalen der Krankenkassen mehr Einnahmen verbuchen.
Nicht ohne Grund verfolgt das Konstanzer Klinikum eine strategische Neuausrichtung und will die notwendige Neubesetzung in der Inneren Medizin für eine Umstrukturierung nutzen. Es geht einer „zunehmenden Spezialisierung“ nach, wie Geschäftsführer Rainer Ott auf Anfrage erklärt. Er blickt auf umliegende Häuser und dabei stellt sich heraus, dass das Konstanzer Spital mit seinem Zentrumskonzept für die Innere Medizin ein Exot ist. Das neue Schwarzwald-Baar-Klinikum in Villingen-Schwenningen hält für diese medizinische Disziplin fünf Fachabteilungen vor, in Friedrichshafen sind es drei mit untergeordneten Schwerpunktstationen und in Überlingen sind es zwei.
Selbst der neue Verbündete Singen hat hierbei drei Chefärzte. Innerhalb des HBH-Klinikverbunds gibt es in Engen noch die Schwerpunkte Geriatrie und in Radolfzell Diabetologie.
Mit dem Plan, am Konstanzer Klinikum zwei Innere-Chefärzte anzustellen, schließt die neue Holding zum großen Konkurrenten Villingen-Schwenningen auf. Einen Chefarzt mit Spezialität Endokrinologie (Hormone) wie Gert Müller-Esch soll es nicht mehr geben. Die Chefarztstellen, die laut Ott im nächsten Ärzteblatt ausgeschrieben werden, sollen mit einem Gastroenterologen (Magen-Darm-Leber-Erkrankungen) und einem Pneumologen (Lungenheilkunde) besetzt werden und das Angebot in Singen ergänzen. Dort sitzen Experten mit den Spezialgebieten Kardiologie (Herz), Nephrologie (Nierenerkrankungen) und ebenfalls Gastroenterologie, wie für Konstanz geplant. Laut dem Konstanzer Klinikum sei diese Disziplin an beiden großen Standorten so wichtig, dass sie vorgehalten werden soll. Ob das auch im Zuge des medizinischen Neukonzepts für die Holding in drei Jahren bleiben wird, ist unklar. Wichtig sei auch, so das Klinikum Konstanz, die Onkologien an beiden großen Häusern fortzuführen.
Einen weiteren Grund für diese Neuausrichtung nennt Rainer Ott: „Die Innere Medizin in Konstanz ist als größte Fachabteilung mit 120 Betten zu groß, als dass ein Chefarzt alle Patienten seiner Abteilung kennen und deren Behandlung koordinieren kann.“ Eine Aufteilung des Innere-Zentrums werde auch dem Wunsch der niedergelassenen Ärzte in Konstanz und der Patienten nach einer stärkeren Präsenz des Chefarztes in der Behandlung nachkommen, ist der Geschäftsführer überzeugt. Aber auch innerhalb der Holding soll ein Ungleichgewicht austariert werden. Dadurch, dass Konstanz lange mit der Wiederbesetzung der Chefarztstelle gewartet hat, fehlte dem Klinikum die Spezialisierung und somit Attraktivität. Aber auch wenn das neue Konzept umgesetzt ist, wird Singen bei der Inneren Medizin aus wirtschaftlicher Sicht die lukrativeren Disziplinen im Portfolio haben. Auf ihre Kardiologie entfallen über 42 Prozent der Erlöse aus den Fallpauschalen. Das geht aus einem internen Papier hervor, das dem SÜDKURIER vorliegt. Ein Standortvorteil, den Konstanz laut dem Dokument akzeptiert. Schließlich gilt es zukünftig, als ein Unternehmen zu denken und zu handeln. Vermutlich wird bei der späteren Verteilung der medizinischen Schwerpunkte innerhalb der neuen Holding nach einem Ausgleich gesucht werden.
