Konstanz -
Jeden Monat melden sich in Konstanz zehn bis zwölf Personen, die akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Mit einem neuen Projekt sollen leer stehende Räume für diese Menschen nutzbar gemacht werden.
Richard Wilmer (Name geändert) hat harte Zeiten hinter sich. Nach der Scheidung von seiner Frau geriet sein Leben aus den Fugen. Er begann zu trinken und zu spielen, war erwerbsunfähig und erhielt Leistungen vom Sozialamt. Die Drei-Zimmer-Wohnung, in der Richard Wilmer bislang mit seiner Frau wohnte, wurde für ihn allein zu teuer. Er kürzte die Miete, häufte Mietschulden an und wurde fristlos gekündigt. Dem Konstanzer drohte die Obdachlosigkeit.
Keine Chance auf regulärem Wohnungsmarkt
Der Fall von Richard Wilmer ist durchaus typisch. In Konstanz haben die Zahl der Räumungsklagen, die Hinweise auf Mietschulden und Wohnungsprobleme in den vergangenen Jahren zugenommen. Menschen wie Richard Wilmer haben auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Chance. Die Mieten in Konstanz gehören bundesweit zu den teuersten, der Markt ist leergefegt und die städtische Wohnungsbaugesellschaft (Wobak) kann sich vor Anfragen nicht retten. Zehn bis zwölf Personen melden sich in jedem Monat beim Bürgeramt, weil sie von Obdachlosigkeit bedroht sind oder zu sechst auf 45 Quadratmetern leben.
Hilfe bei drohender Obdachlosigkeit
Zahlen: In Konstanz sind derzeit sieben Familien, sechs Alleinerziehende, eine eheähnliche Lebensgemeinschaft und fünf Einzelpersonen in Notunterkünften untergebracht. Sie haben wegen ihres Einkommens, Migrationshintergrunds oder ihres sozialen Verhaltens keine Chance, eine Wohnung zu finden. Auch die Zahl der Räumungsklagen in Konstanz steigt. Lag sie 2005 noch bei 33, gab es 2011 schon 67 Räumungsklagen. In 48 Fällen haben die Gerichtsvollzieher im Jahr 2011 tatsächlich Wohnungen räumen lassen.
Hilfesystem: Wenn jemand von Obdachlosigkeit bedroht oder betroffen ist, vermittelt die Stadt Konstanz eine Notunterkunft oder eine private Unterbringung. Außerdem bietet ein Fachdienst des Sozial- und Jugendamts den Betroffenen Begleitung bei Behördengängen an. Dieser Fachdienst wurde 2002 eingerichtet. Esther Schlemminger hat die 50-Prozent-Stelle seit 2003 inne. Sie arbeitet eng mit der AGJ (Fachberatung für wohnungslose Menschen), dem Sozialdienst der Caritas, dem Bürgeramt, der Wobak, dem Job Center und dem Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt zusammen. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren verlagert. Während Esther Schlemminger früher vor allem Betroffene in Einfachstwohnungen besucht hat, will das Sozial- und Jugendamt nun verstärkt auf Prävention setzen und erreichen, dass Betroffene ihre Wohnung gar nicht erst verlieren.
Stellenaufstockung: Aus Sicht des Sozial- und Jugendamts ist eine weitere halbe Stelle nötig, um präventive Arbeit richtig zu leisten. Dann könnten alle Betroffenen zu Gerichtsterminen begleitet werden, die Hilfe bei der Wohnungssuche könnte intensiviert werden und das Projekt Wohnraumakquise wäre möglich. Der Sozialausschuss empfiehlt dem Gemeinderat einstimmig, dem Fachdienst eine weitere halbe Stelle zu finanzieren. (kis)
Die Stadt Konstanz möchte daher aktiv werden. Mit dem Projekt Wohnraumakquise sollen leer stehende Wohnungen für Menschen nutzbar gemacht werden, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Landesweit stünden 1,5 Prozent der Wohnungen leer, in Konstanz wohl noch weniger, sagte Klaus Holzer vom Bürgeramt im Sozialausschuss. Dennoch sieht er eine Chance: „Einige Vermieter befürchten Mietrückstände oder vermüllte Wohnungen. Da lassen sie ihre Räume lieber unvermietet."
Andere müssten zu viel Geld in die Sanierung stecken und lassen es daher bleiben. Dieses Potenzial an leeren Räumen will die Stadt nutzen. „Ich kenne das aus Karlsruhe“, sagte Sozial- und Jugendamtsleiterin Ute Seifried. An ihrer früheren Wirkungsstätte seien auf diese Weise schon 300 Wohnungen vermittelt worden.
Stadt will Kooperationsverträge abschließen
Die Idee geht so: Die Stadt sucht Vermieter, deren Wohnungen leer stehen, und schließt mit ihnen einen Kooperationsvertrag ab. Der Vermieter saniert die Räume nach dem Standard des Hochbauamts und bindet sich für zehn Jahre an die Stadt, die das Belegungsrecht zu einem niedrigen Mietzins erhält. Dafür bekommt der Vermieter einen Sanierungszuschuss und eine Mietausfallgarantie. Im ersten Jahr lernen sich Vermieter und Mieter kennen, bei Schwierigkeiten kann der Mieter kurzfristig aus der Wohnung verwiesen werden. Wenn alles gut läuft, schließen Mieter und Vermieter nach einem Jahr einen Vertrag. Klaus Holzer sagte: „Wir haben uns in der Stadt umgehört, Vermieter und Eigentümer finden die Idee gut.“ Ute Seifried will pro Jahr mit der Vermittlung von vier Wohnungen anfangen und das Projekt langsam größer aufziehen. Im Ausschuss fand diese Idee über die Fraktionen hinweg Zustimmung. Wolfgang Müller-Fehrenbach (CDU) hatte aber Bedenken, dass dann Mietnomaden einziehen. Klaus Holzer widersprach: „Wir vermitteln nur Menschen, die dem Sozial- und Jugendamt lange bekannt sind.“
Das Projekt wird auf zwei Jahre angelegt. Benötigt werden 40 000 Euro pro Jahr für Sanierungszuschuss und Mietausfallgarantien, dazu Personal. Der Sozialausschuss empfiehlt dem Gemeinderat einstimmig, das Projekt für die Beratungen zum Doppelhaushalt 2013/14 anzumelden.