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Konstanz So machen Bücher und Autoren Spaß

Michael Kobr und Volker Klüpfel lasen im Konstanzer Konzil. Sie erklärten auch, wie ihre Kluftinger-Krimis zu Kultbüchern wurden. 700 Gäste der Lesung eilten von Lacher zu Lacher.

Es geht alles los mit einem Missverständnis. Zwei Männer Mitte 40 stehen auf der Bühne, kennen sich offenbar gut und reden doch aneinander vorbei. Es geht um einen besonderen Flecken Erde und seine Menschen, um Fremdes und Vertrautes und um ein Buch. Der eine in grünen niedrigen Stiefeln und schwarzem Hemd, der andere in blauen Sneakers und bedrucktem T-Shirt. Irgendwann wird klar: Der eine redet vom Allgäu, der andere von der Adria. Von der ersten Minute an haben Michael Kobr und Volker Klüpfel ihr Publikum im Konzil im Griff, und von der ersten Minute an ist klar, dass dieser Abend sich von Kempten bis an den Teutonengrill spannen wird.

Das ist alles perfekt inszeniert und ermöglicht den Kunstgriff, innerhalb von zwei Stunden aus zwei Büchern zu lesen, die unterschiedlich und doch in manchem ähnlich sind. "Himmelhorn" ist der neunte Krimi rund um den Allgäuer Lederhosen-Ermittler Kluftinger; "In der ersten Reihe sieht man Meer" ist ein 80er-Jahre-Erinnerungsbuch über Urlaube inmitten von Landsleuten an den in jeder Hinsicht flachen Stränden der Adria. Je zwei Passagen aus den Büchern lesen die Bestseller-Autoren im Wechsel.

Wobei: Lesen wird der Tätigkeit nicht gerecht. Sie spielen die Beziehung zweier alter Freunde mit ihren Nickeligkeiten, die um ihre Macken wissen und darauf genüsslich herumreiten. Wenn dieser Abend so etwas wie eine Botschaft hat, ist es die: Das Skurrile, das aus den Krimis rund um den unkonventionellen Kommissar, seinen eitlen Nachbarn Doktor Langhammer und seine japanische Schwiegertochter ebenso spricht wie aus den Episoden der deutschen Durchschnittsfamilie im Italienurlaub, hat seine Wurzeln: in der Beobachtungsgabe und der (Selbst-)Ironiefähigkeit der Erschaffer dieser Personen. Und in ihrem gewitzten Umgang mit der Sprache.

Vor 700 Zuhörern im fast vollbesetzten oberen Konzilsaal – selten spricht eine Autorenlesung ein derart großes Publikum an – funktioniert das Rezept blendend. Michael Kobr und Volker Klüpfel spielen sich selbst und schrecken vor Blödeleien und Selbstentblößung kaum zurück. Sie zeigen schmerzfrei Fotos von sich, die den schlechten Geschmack der 80er-Jahre eindrucksvoll unter Beweis stellen. Sie rennen in eine irre Dialekt-Parodie hinein und setzen ihre Pointen präzise. Das ist mehr Kabarett als Literaturdarbietung.

Wer noch nicht wusste, warum Michael Kobr und Volker Klüpfel das Genre der Regionalkrimis zu seinem derzeitigen Erfolg geführt hat, lernt es an diesem Donnerstagabend im Konzil. Die Autoren treiben ihren Schabernack mit ihrer Heimat und geben sie und ihre Menschen doch nie der Lächerlichkeit preis. Sie bekennen sich mit aller Macht zum Prinzip Provinz und zum Prinzip Unterhaltung. Sie arbeiten Szenen und Texte bis ins Detail aus. Und sie wissen, für wen sie das alles machen. Hier und da mal ein Witz über die Universitätsstadt, in der sie zu Gast sind, und über die nahe Schweiz – das alles schafft das, woran sich so viele Autoren so redlich und doch oft so erfolglos abmühen: Anschlussfähigkeit, die ein Buch über einen eng begrenzten Expertenkreis hinaus zu einer Kult-Lektüre machen.

Im Saal eilt ein ungewöhnlich durchmischtes Publikum von Lachsalve zu Lachsalve. Das liegt daran, dass die beiden die mit verteilten Rollen gelesenen Passagen aus ihren Büchern sorgfältig ausgewählt haben und Abschnitte vortragen, die zur Blödelei um die Texte herum förmlich einladen. Die bei Bücher-Abenden stets gut vertretenen Frauen und die vielen Männer, Zuhörer in Dirndl und Krachlederner, Jüngere und Ältere, sie alle können es kaum fassen, dass nach zwei Stunden wirklich Schluss ist.

Zu gerne hätte das Publikum die beiden Autoren sich nochmals an die Biertischgarnitur mit rot-weiß karierter Tischdecke (Schauplatz Allgäu, nur keine Angst vor Klischees) oder auf die beiden himmelblauen Liegestühle mit Sonnenschirm und Kühlbox (Schauplatz Adria) setzen sehen. Zu gern hätten sie noch einmal eine dieser Schleckmuscheln gefangen, mit denen Klüpfel sein Publikum ironisch für sich zu gewinnen sucht und dies ganz ersthaft schafft. Es ist eine Reise in eine Vergangenheit, die fast alle im Saal selbst erlebt haben und ein zugleich Ausflug in eine schrofig-schrullige Bergwelt, die am Bodensee zur erweiterten Heimat gehört. Das ist gemütlich; so machen Bücher und Autoren einfach nur Spaß.

 

Zu den Personen

Volker Klüpfel, geboren 1973 im Kempten und aufgewachsen im Allgäu, ist studierter Realschullehrer und hat den Schuldienst gegen die Schriftstellerei eingetauscht. Er lebt inzwischen in Memmingen und gibt im Autoren-Duo eher den Gemütlichen; mit seinem Krimi-Helden (oder Antihelden) Kommissar Kluftinger scheint er eine Art Alter Ego entwickelt zu haben.

Michael Kobr, geboren 1971 ebenfalls in Kempten, studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Kommunikationswissenschaft und Journalistik. Er war Kulturredakteur der "Memminger Zeitung", wechselte dann zur "Ausburger Allgemeinen" und ist seit 2012 hauptberuflich Autor. Aufgewachsen ist Klüpfel in Altusried im Oberallgäu, dem Wohnsitz der Krimi-Hauptfigur Kluftinger.

Als Autoren-Duo haben sie neun Krimis veröffentlicht, die im Allgäu spielen, um den Kemptener Kommissar Kluftinger (zum Kult gehört, dass sein Vorname ein gut gehütetes Geheimnis ist): "Milchgeld" (2003), "Erntedank" (2004), "Seegrund" (2006), "Laienspiel", (2008), "Rauhnacht" (2009), "Schutzpatron" (2011), "Herzblut" (2013), "Grimmbart" (2014) und "Himmelhorn" (2016). Mit über fünf Millionen verkauften Büchern, mehreren Verfilmungen und deutschlandweiten Lese-Tourneen durch große Säle gehören die beiden zu den kommerziell erfolgreichsten Schriftstellern Deutschlands. Einen Ausflug in die Welt außerhalb des Krimi-Grenres unternahmen sie mit dem Band "In der ersten Reihe sieht man Meer" (2016).

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