Sensationelle Enthüllung auf der Haltnau: Wendelgard, bisher bekannt als unsehnliche, aber begüterte Meersburger Jungfer, war in Wirklichkeit ein Mann namens Wandelgerd. So jedenfalls sieht es die Fraktion der Freien Wähler, die in einer kabarettreifen Vorstellung ihre Version von Victor von Scheffels Legende bei der jährlichen Sitzung der Konstanzer Kommunalpolitiker im zur Spitalstiftung gehörenden Weingut präsentierte. Damit ließ sie, wie die Tradition es will, die Erinnerung an die Dame sowie den Übergang der Haltnau in Konstanzer Hände 1272 hochleben und beweis zugleich, dass Konstanzer Stadträte sehr wohl Humor haben.
Alexander Stiegeler führte als Erzähler mit einem geschliffenen, pointenreichen Text durch die Geschichte, Anselm Venedey und Regina Rebmann gaben die bigotten Meersburger Patrizierinnen, Jürgen Faden und Gabriele Weiner deren geschäftstüchtige und grenzwertig frivole Konstanzer Konterparts – und Ewald Weisschedel in großer Aufmachung die Wendelgard selbst. Viel Beifall, als Weisschedel aus dem gigantischen Kleid (Fundus von Elisabeth Stiegeler) stieg und sich als Mann offenbarte. Auf diese Idee, hieß es von langjährigen Teilnehmern der Haltnausitzung, sei bisher noch niemand gekommen. Den Akteuren selbst war der Spaß am Spiel mit Konventionen und Geschlechterrollen anzumerken.
Für Uli Burchardt war der Abend indessen eine echte Premiere: Der neue OB bekannte anfangs noch ganz freimütig, es sei „sehr gespannt, was mich heute Abend hier erwartet.“ Die Spitalstiftung, erinnerte er zum Beginn der lockeren Sitzung weiter, sei seit fast 800 Jahren ein wichtiges Gut der Stadt, und ein Beweis dafür, „was Bürgersinn und bürgerschaftliches Engagement alles leisten können.“ Stunden später hatte Burchardt einen neuen Blick nicht nur auf die Wendelgard-Geschichte, sondern auch auf seine Parlamentarier. Einmal im Jahr, bekannten viele der Stadträte freimütig, sei ein solcher Abend jenseits von Tagesordnungen hilfreich fürs politische Geschäft.
