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Konstanz Rudolf Schlögl: Von Staaten und Christen, von Gott und der Welt

Rudolf Schlögl ist einer der angesehensten Historiker an der Uni Konstanz. Der Geschichtswissenschaftler hat erforscht, was von 1750 bis 1850 in Glaubensdingen passiert ist. Seine Diagnose ist vielfältig und voller Überraschungen.

Nach 100 Jahren war nichts mehr, wie es einmal war. Die großen Fürstbistümer zerschlagen, die Diözese Konstanz ganz aufgelöst, die Protestanten als eigenständige Kirche fest etabliert. Religion ist zum Teil der weltlichen Ordnung geworden. 1850 war die Welt eine andere also noch 1750. Und das nicht nur, weil sich Industrialisierung und Eisenbahnbau Bahn brachen, weil ganz Europa die Folgen der französischen Revolution erlebte oder weil die feudalistische Agrargesellschaft durch eine neue Organisation des Gemeinwesens abgelöst wurde. Auch zwischen Gott und der Welt veränderte sich etwas, und das ist das Thema von Rudolf Schlögl. Der Historiker an der Universität Konstanz will „Religion als einen elementaren Teil der Gesellschaft beschreiben“ und hat dazu eben ein bemerkenswertes Buch vorgelegt. Es heißt „Alter Glaube und moderne Welt. Europäisches Christentum im Umbruch 1750-1850.“

Was Schlögl darin beschreibt, hört sich zunächst kompliziert an, belegt aber doch vor allem den großen Zugriff auf das Thema. An den Fragen von Religion und Religiosität, davon ist Schlögl überzeugt, lassen sich viele der Umwälzungen in rund 100 bewegten Jahren spiegeln. Zum Beispiel die Rollen von Frau und Mann, von Familie und Verein, Staat und Individuum.

Die Kirchen, so seine Überzeugung, müssen in der untersuchten Zeit nicht nur die territoriale Macht abgeben, sondern haben auch ihre Beruhungskraft verloren – Schlögl drückt es etwas feiner aus, wenn er ausführt, Religion werde „aus der Funktion entlassen, gesellschaftliche Ordnung und die Befolgung der Gesetze über Jenseitsfurcht herzustellen.“

An aktuellen Bezügen fehlt es dabei in Schlögls Forschung nicht. In die von ihm untersuchte Periode fällt die Aufhebung und Wiederzulassung des Jesuitenordens, und auch der neu gewählte Papst Franziskus, der erste Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche, kann noch auf den Machtzuwachs der Kurie und des Vatikans im 18. und 19. Jahrhundert zurückgreifen. Zugleich hat Franziskus, wie Schlögl sagt, auch ein System mit „antimodernistischen Traditionen“ übernommen, das eine Gegenwelt zur Moderne mit all ihrer Industrialisierung, Individualisierung und Verunsicherung aufbaute. Und bis heute steht die zwischen 1750 und 1850 aufgeworfene Frage im Raum, die Schlögl so beschreibt: „Wie organisiere ich Kirche in einer bürgerlichen Welt?“

Nicht alle Entwicklungen – ob spektakulär in der Französischen Revolution oder ganz kleinteilig in der zunehmenden religiösen Vielfalt der neuen Nationalstaaten – haben aber zu einem Rückzug des Religiösen geführt, sagt Rudolf Schlögl. Religion wird in den Jahren, um die es dem Historiker geht, auch zu einem Medienereignis; die Kirchen beginnen die Lücken in der öffentlichen Fürsorge zu füllen, die den frühindustrialiserten Staat überfordern; für Frauen bieten sich gerade in den neu entstehenden Vereinen und Kongregationen erstmals „Optionen auf ein Leben jenseits von Ehe und Familie.“ Auf der anderen Seite enden die 100 Jahre, die Schlögl betrachtet, mit der Paulskirchenverfassung von 1848, die das religiöse Bekenntnis erstmals in aller Deutlichkeit zur Privatsache macht und dieses aus der Unterwerfung unter eine fürstliche Autorität löst.

Es geht also, sagt Rudolf Schlögl, um die Zeit, in der Glaube weitgehend zur Privatangelegenheit wurde. Das, erklärt der Historiker weiter, bedeutet aber weder ein Ende der Frömmigkeit auf individueller Ebene noch einen grundsätzlichen Bedeutungsverlust der Kirchen in gesellschaftlichen Debatten: „Das Ende der Adelskirchen bringt noch lange nicht das Ende der Kirchen mit sich“, so Schlögl weiter – ganz im Gegenteil: Gegen die Zumutungen der Moderne schien das Christentum ein gutes Heilmittel zu bieten. Zugleich muss es sich aber mit dem zunehmenden Eigensinn der Menschen auseinandersetzen – zwei Prozesse, die bis heute weitergehen.

Und in Zukunft? Rudolf Schlögl schaut lieber auf das, was er anhand von Quellen untersuchen kann, auf die Vergangenheit. Dennoch hat er festgestellt: Wo Wohlstand und soziale Sicherheit herrschen, ist Religion auf dem absteigenden Ast. Ist sie deshalb also eben doch kein universales, sondern vielleicht nur ein historisches Phänomen im Zusammenleben der Menschen? Man kann es nicht wissen, sagt Schlögl. Denn nicht nur die Beschäftigung mit den Jahren zwischen 1750 und 1850 lehrt den Historiker: Nach 100 Jahren kann alles wieder anders sein.

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