Mein
Ratgeber weiterführende Schule

Konstanz „Rettung war möglich“

Den Verstrickungen der Vichy-Regierung in die Ermordung von 80 000 Juden widmet sich der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel in einem Buch

Der Konstanzer Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel stellt im Stadtarchiv sein Buch „Macht und Moral. Die ‚Endlösung der Judenfrage' in Frankreich, 1940-1944“ vor.
Der Konstanzer Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel stellt im Stadtarchiv sein Buch „Macht und Moral. Die ‚Endlösung der Judenfrage' in Frankreich, 1940-1944“ vor. | Bild: Bild: Manz

Wie Behörden in die Pläne der Nazis für die „Endlösung der Judenfrage“ verstrickt waren, zeigte zuletzt das viel beachtete Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ über die Rolle des Auswärtigen Amts. Die von den Nazis angestrebte Vernichtung der Juden war auch ein Verwaltungsakt: In dem Sinne, dass sie in der konkreten Ausführung der Unterstützung von Behörden, Polizei und anderen Infrastrukturen bedurfte.

Der Konstanzer Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel hat im Stadtarchiv mit „Macht und Moral“ ein Buch vorgestellt, in dem er die politischen Bedingungen der Judenverfolgung in Frankreich untersucht. Seine Ausgangsfrage: Wie haben die französischen Behörden die Nazis mit Ressourcen unterstützt? Das Ergebnis ist eine spannende Einsicht in die verwaltungspolitischen Prozesse hinter der Verfolgung der Juden – oder wie Seibel sagt, darin „wie politisch mit Menschenleben gehandelt wurde“. Daneben bringt „Macht und Moral“ aber auch die Erkenntnis, dass die Moral einen Einfluss auf diese Prozesse nehmen konnte. In vieler Hinsicht taugt das Buch, um hergebrachte Geschichtsbilder zu irritieren.

Nach der Besetzung großer Teile Frankreichs und dem Waffenstillstand mit der sogenannten Vichy-Regierung betrieben die Nazis auch dort die Verfolgung und Deportation. Auffanglager entstanden, wie das in Gurs in Südwestfrankreich, in das auch Juden aus Konstanz und der Bodenseeregion verbracht wurden. Aus diesen Lagern führte der Weg für viele in Vernichtungslager wie Auschwitz.

Seibel zeigt detailliert, wie die Vichy-Regierung mit den Nazis kollaborierte. Und er betont: „Die 80 000 Juden aus Frankreich, die sterben mussten, hätten gerettet werden können.“ Die französischen Behörden hätten nämlich sehr wohl die Möglichkeit gehabt, sich in dieser Frage den Nazis zu widersetzen.

Eine wichtige Basis für Seibels Untersuchung ist aber die Tatsache, dass von 320 000 Juden in Frankreich 240 000 überlebten. Das ist, wie er schreibt, „eine der niedrigsten Opferraten während des Zweiten Weltkriegs“ im Vergleich zu anderen besetzten Gebieten.

Denn die Vichy-Regierung widersetzte sich dann doch noch – eine Tatsache, die in populären Geschichtsbetrachtungen oft unterschlagen wird. Das Verdienst dafür schreibt Seibel der katholischen Kirche in Frankreich zu: Als hohe Geistliche das Vorgehen gegen die Juden als unmenschlich und wider der christlichen Moral verurteilen, gerät die Vichy-Regierung unter Druck – und verweigert die Kollaboration bei den „Endlösungsplänen“.

Seibel zeigt so, dass es möglich war, sich der Vernichtungsmaschinerie zu widersetzen und dass die Moral ihren Einfluss nie verliert. Er wirft auch ein neues Licht auf die Rolle der Vichy-Regierung in der Judenverfolgung – und auch auf die Rolle der Kirche. „Wir sollten uns davor hüten mit vorgefertigten Meinungen an die Geschichte heranzugehen“, formuliert Seibel am Ende die persönliche Erkenntnis aus seiner Arbeit.

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online. Nur bis zum 30.4.2017.
Frühling bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017