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Konstanz Reise nach Auschwitz: Eine Fahrt gegen das Vergessen

Acht Konstanzer Gymnasiasten erforschen seit Wochen die Schicksale jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Konstanz. Ihre Ergebnisse stellen sie bei einer Reise mit dem Zug der Erinnerung nach Berlin und Auschwitz vor.

Bild: Bild: Schlüter

Konstanz – Vielleicht werden sie bald begreifen. Zumindest ein bisschen. Weil sie an den Ort des Grauens fahren. Seit Wochen beschäftigen sich acht Konstanzer Gymnasiasten mit dem Schicksal jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Konstanz. Sie durchforsten Archive, wühlen in Biografien, dringen in die Geschichte ein. Doch die Ereignisse während des Dritten Reiches bleiben bislang unerklärlich. Um dem Geschehen näherzukommen, unternehmen die Schüler demnächst eine Reise. Sie fahren nach Auschwitz. Organisiert wird dies vom Verein „Zug der Erinnerung“. Dessen geschichtsträchtige Waggons haben vergangenes Jahr auch im Konstanzer Bahnhof Halt gemacht und über die Deportation Konstanzer Juden nach Auschwitz informiert.

Petra Quintini von der Initiative Stolpersteine war damals dabei. Nun möchte sie einigen Schülern wieder die Gelegenheit geben, sich auf Spurensuche zu begeben. Die Konstanzer Gruppe fährt aber nicht einfach so nach Polen. Wie die Schüler aus der restlichen Bundesrepublik haben auch die Jugendlichen vom Bodensee eine Aufgabe. Sie recherchieren, welche jüdischen Schüler damals das Suso-Gymnasium besucht haben und was aus ihnen geworden ist. Dafür durchforsten sie die Schülerlisten der Jahre 1907/ 08 bis 1937/38 nach jüdischen Kindern. So viel ist klar: Unter den 112 Juden, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südwestfrankreich deportiert wurden, waren drei Kinder und zwei Jugendliche. Sie wurden unter dem riskanten Einsatz verschiedener Hilfsorganisationen aus den Lagern geschmuggelt und versteckt, bevor im Sommer 1942 die Deportationen aus den französischen Internierungslagern nach Auschwitz starteten.

Deshalb wurden keine Konstanzer Kinder und Jugendlichen direkt nach Auschwitz gebracht. Doch ihre Eltern blieben in den Lagern zurück und wurden später in Auschwitz ermordet.

Greifbarer als ein Geschichtsbuch

Die Schüler sind bewegt von der Geschichte. Die 16-jährige Anne-Sophie Sabel sagt: „Ich habe in der Uni-Bibliothek sehr dicke Bücher gesehen. Darin standen nur Namen von Leuten, die nach Auschwitz deportiert wurden. Dabei gab es ja noch viele andere Lager.“ Edda Starck, 14 Jahre, sagt: „Das ist unsere Geschichte. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und aufpassen, dass so was nicht wieder passiert.“ Helena Friedrich, 16 Jahre, beteiligt sich am Projekt, „weil ich gar keine Vorstellung davon habe, wie Auschwitz aussieht.“ Ein Geschichtsbuch gebe vieles nicht wieder. „Man muss vor Ort gewesen sein, um zu begreifen, aber selbst dann wird das Geschehene immer noch abstrakt bleiben“, sagt sie.

Die Gedanken der Schüler gehen aber über die geschichtliche Dimension hinaus. Die 15-jährige Lara Anslik möchte, dass Jugendliche auch heute ihr Verhalten reflektieren. „Das fängt im Kleinen an“, sagt Lara. „Niemand sollte sich zum Beispiel über jemanden lustig machen, der anders ist. “ Dass das längst noch nicht alle begriffen haben, zeigt die Aussage des 15-jährigen Niklas Quintini: „Wir hören in der Schule und der Freizeit ziemlich viele judenfeindliche Witze“, erzählt er, und seine Schwester Caterina, 13 Jahre, ergänzt: „Die Schüler sagen dann: ‚Ich erzähle solche Witze, weil mir langweilig war. So lange ich weiß, dass ich kein Nazi bin, ist ja alles in Ordnung.'“ Das findet Niklas eben nicht. „Man darf das nicht hinnehmen, sondern muss sich einmischen und diskutieren“, sagt er.

Die Schüler sind sich bewusst, dass die Fahrt nach Auschwitz nicht leicht wird. Aber sie haben einen Auftrag. Nach der Rückkehr werden sie als Botschafter durch die Klassen ziehen und erzählen. Auch das Kulturbüro und die Initiative Stolpersteine haben Interesse bekundet. Petra Quintini formuliert es so: „Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, werden es diejenigen sein, die die Zeitzeugen gehört haben.“

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