Orange wo das Auge hinschaut. Die Schwarzen versuchen den Imagewandel und dazu gehört erst einmal eine neue Farbe. So erstrahlt das Podium in der Markolfhalle in frühlingshaft anmutender Farbgebung, tragen die Mitglieder der Jungen Union orangefarbene Polohemden und wo sich die Männer mit der Färbung ihrer Krawatte etwas schwer tun, legen sich die Frauen elegant duftige Schals um dem Hals. Das Signal ist klar: vital, lustig, begeisternd, aufgeschlossen und umgänglich sind die Assoziationen der Farbe Orange und sie lösen zumindest beim Nicht-Parteimitglied gewisse Zweifel aus, ob die farbige Verpackung auch hält was sie verspricht. Den schätzungsweise 200 überwiegend älteren Gästen an diesem Abend steht der Sinn offenbar eher nach gedeckteren Tönen.
Sie warten. Smalltalk über den Tischen. Ministerpräsident Günther Oettinger verspätet sich. Ein paar Minuten bei jedem Termin seines Mammutprogramms an diesem Tag subsummieren sich zu einer guten halben Stunde. Wie die Stille vor dem Sturm eilen die Sicherheitskräfte voraus. Dann taucht er auf: Günther Oettinger rauscht in die Markolfhalle und ist sich seiner Wirkung auf die Menschen dort bewusst. In seinem Schlepptau Landrat Frank Hämmerle und Bundestagsmitglied Andreas Jung. Radolfzell sei bislang eher nicht das Ziel prominenten Wahlkampfbesuches gewesen, hebt Andreas Hoffmann auf seine gute Tat ab. Deshalb habe er Günther Oettinger ganz bewusst hierher gelotst. Zuvor schon hatte Wolfgang Müller-Fehrenbach, Kreisvorsitzender der CDU, die Menschen begrüßt. Dann spricht nur noch einer.
Rhetorisch elegant knüpft der Ministerpräsident die Verbindung von den wirtenden Fußballern im Saal zur Landespolitik, denn ähnlich wie im Sport seien es Fleiß, Ausdauer und Streben, die bedeutend für gewünschten Erfolg seien. Dabei nimmt Günther Oettinger seine Anleihen aber doch lieber bei den mit Medaillen gesegneten Wintersportlern als beim Fußball, steht der Misserfolg der deutschen Nationalmannschaft in Italien doch eher nicht für das, was er im Land erreichen will. Die in Orange könnten's vermutlich besser...
Was dann folgt, ist der von gleichbleibend strenger Mimik begleitete rhetorische Marsch durch die gängigen Themen von der Wirtschaftskonjunktur über die Arbeitslosigkeit und Ausländerpolitik bis hin zu den Familien. Mit steilen Falten über der Nasenwurzel tut Günther Oettinger sein offensichtlich ernst gemeintes Frauenbild kund, das am besten zu Hause überm Kamin hängt, dort wo die Frau die Kinder erzieht und die Heimstatt sauber hält. Nein, er kenne keinen Mann, der freiwillig seine Hand- und Kopfarbeit niederlege, um zu Hause zu bleiben. Und wenn es hier in der Gegend einen gäbe, so solle man ihm den doch bitte zeigen, damit er ihn - wohl als besonders exotisches Exemplar - ausstopfen lassen könne. Was Wunder, dass das Lächeln auf den Gesichtern von Martina Gleich und Cornelia Bambini-Adam - beides Frauen in Parteifunktion und auf dem Podium als schmückendes Beiwerk präsent - geradezu einfriert in diesem Moment. Seinen Witz findet Günther Oettinger dort wo's andern weh tut. Seinem Publikum scheint's zu gefallen. Standing Ovations beim Abgang.
Was Günther Oettinger an diesem Abend in der Markolfhalle zeigt ist ausgeprägter Wertekonservatismus. Orange ist irgendwie anders. Empfohlen wird es jenen, die wieder Kontakt zu anderen herstellen wollen oder solchen, die das Gefühl haben, dass sie das Glück verlässt. Brigitte Robers
