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Konstanz Notfallhilfe für die Seele

26.03.2005
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Stauraum fürs Schlagzeug oder Abladestation für Sünden? Das Möbelstück Beichtstuhl scheint in vielen katholischen Kirchen überflüssig geworden zu sein. Die rituelle Ohrenbeichte, anonym hinter einem Gittergeflecht vorgetragen, wird selbst in den Tagen vor Ostern nur noch von wenigen Christen abgelegt. Doch damit ist diese Form der vertrauensvollen Kommunikation, wie der Mediävist Helmut Weidehase den Begriff Beichte aus dem Mittelhochdeutschen ableitet, noch lange nicht ausgestorben. Im Gegenteil. Pfarrer verzeichnen verstärkt die Nachfrage nach vertrauensvollen Gesprächen. Gläubige wie so genannte kirchenferne Menschen suchen diesen Weg, um Beistand in Zeiten seelischer Not zu finden. In der katholischen wie in der evangelischen Kirche wächst das Bedürfnis.

"Das Sakrament der Beichte ist der Zeit voraus", unterstreicht Pfarrer Andreas Rudiger von der Seelsorgeeinheit Petershausen die Modernität des Angebots. Seelische wie wirtschaftliche Sorgen nähmen zu, Kirchenmitarbeiter sind bereit, Beistand zu leisten. Seine Kollegin aus der evangelischen Petruspfarrei, Sabine Zeller-Schock, steht nur auf den ersten Blick ohne Beicht-Riten und damit mit leeren Händen da. Ihre Kirche hat dieses Sakrament abgeschafft. Viele Mitglieder der evangelischen Kirche reagieren sogar negativ auf den Begriff, sie scheuen die scheinbar autoritäre Situation. Bei anderen ist das Gefühl erhalten geblieben, in der Kirche "eine Stelle zu finden, um etwas loszuwerden", sagt die Pfarrerin.

So verstaubt die Beichtstühle in manchen Kirchen sind, so verstaubt sind auch die Ansichten darüber, was Kirche wirklich zu bieten hat: Beide Glaubensrichtungen haben diese Gesprächsform den Bedürfnissen angepasst und können so als Seelsorger eine Art Vorstufe zum therapeutischen Gespräch bieten. "Wenn die Menschen wüssten, was ihnen die Kirchen zu bieten haben, sie würden Schlange stehen", behauptet Pfarrer Rudiger selbstbewusst. Seine Kirche hat in den vergangenen Jahrzehnten die größten Veränderungen durchgemacht. Das zur Karikatur gewordene Beispiel der 93-Jährigen, die ihr sündhaftes Naschverhalten beichtet, wie das Ritual mit Strichliste ("Zweimal verstoßen gegen Gebot ") entspreche in Konstanz nicht mehr der Beichtpraxis. Pfarrer Rudiger bietet zwar nach wie vor das anonyme Beichten zu festen Zeiten in seinen drei Kirchen an, mehr und mehr wird aber seine "geistlichen Begleitung" über einen längeren Zeitraum in Anspruch genommen. In diesen Gesprächen geht es nicht in erster Linie um Verstöße gegen Gottes Gebote. Hier sprechen Beichtende Beziehungsprobleme, die Furcht vor Krankheiten und Gefühle der Minderwertigkeit an. Auch junge Menschen auf der Suche nach ihrem Lebensweg kommen in das Pfarrhaus am Gebhardsplatz, um Pfarrer Rudiger ihre Konflikte darzustellen.

Ähnliche Sorgen umtreiben Menschen, die das Gespräch mit Pfarrerin Sabine Zeller-Schock suchen. Nach den Gottesdiensten, beim "Kirch-Kaffee", bei Geburtstagsbesuchen oder im Vorfeld von Beerdigungen erkundigen sich Gemeindemitglieder nach einer Gelegenheit eine Art Beichte abzulegen, die es in der Evangelischen Kirche eigentlich gar nicht gibt. Wem die in der Liturgie enthaltene allgemeine Lossprechung von Sünden nicht ausreicht, kann das Gespräch mit der Pfarrerin wählen. Sabine Zeller-Schock legt den Begriff Beichte weit aus: Belastendes komme zur Sprache, selten gehe es um Schuldzusammenhänge. Die meisten wollen mit einer neutralen Person ihre Situation einordnen, bevor sie entscheiden, ob Hilfe von medizinischen oder therapeutischen Profis nötig ist. Zum Beispiel bei Alkoholmissbrauch in der Familie. Sabine Zeller-Schock ist oft Vermittlerin zu diesen Stellen.

In vielen Gesprächen hilft den Beichtenden schon, die Gefühle einmal in Worte gefasst zu haben, sich vor sich selbst und einem Fremden zu einer Schuld zu bekennen.

Reue nennt die katholische Kirche diese Voraussetzung für die Beichte, die als drittem Schritt in der Buße mündet. Auch hier hat sich die Kirchen von den Riten Rosenkranz- und Vaterunser-Beten entfernt. Pfarrer Rudiger erkundigt sich bei dem Reuigen nach "praktischen Dingen, die was kosten". Dabei geht es nicht um Geld oder Güter. "Buße ist das Training des Guten", sagt er. Verhaltensmuster sollen bewusst werden. So fordert Andreas Rudiger den Ehebrecher auf, sich mehr Zeit für seine Familie zu nehmen.

Pfarrer können ihr Gegenüber im Namen Jesus von Sünden lossprechen. Gott verzeihe ihnen. Doch verzeihen auch die Opfer falschen Verhaltens? Andreas Rudiger wie Sabine Zeller-Schock berichten unabhängig voneinander von einer Stimmung der Unversöhnlichkeit zwischen Menschen. Es gebe in heutiger Zeit keine Kultur des Verzeihens mehr. Schon nach einem kleinem Verkehrsunfall stehlen sich Verursacher davon, weil sie Angst vor dem Geschädigten und den Behörden haben.

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