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Konstanz „Nichts Exotisches mehr“

Andreas Bernard spricht zum Auftakt der neuen Vortragsreihe des Exzellenzclusters der Universität. Sein Thema: Die Reproduktionsmedizin.
Andreas Bernard spricht zum Auftakt der neuen Vortragsreihe des Exzellenzclusters der Universität. Sein Thema: Die Reproduktionsmedizin. | Bild: Privat

Samenspender und Leihmütter sind gefragte Geburtshelfer. Der Literaturwissenschaftler und Journalist Andreas Bernard (40) untersucht in einem Forschungsprojekt des Exzellenzclusters der Universität Konstanz, wie die Reproduktionsmedizin die Gesellschaft verändert. Bernard spricht zum Auftakt einer neuen Vortragsreihe (siehe Infokasten) und vorab mit dem SÜDKURIER.

Wie verbreitet ist die Reproduktionsmedizin?

Das hängt von den Gesetzen in den Staaten ab. Kalifornien beispielsweise ist sehr liberal. Dort stehen Eizellenspenden alltäglich zur Verfügung. Allein Los Angeles hat 30 bis 40 Agenturen für Leihmutterschaft. Dort ist das nichts mehr Exotisches. In skandinavischen Ländern kommen inzwischen fünf Prozent der Kinder mit Hilfe künstlicher Befruchtung oder Samenspenden zur Welt. Ich war gerade eine Woche lang Hospitant in der größten Münchner Reproduktionsklinik. Dort wurden im vergangenen Jahr 2000 Frauen behandelt.

Warum sind denn so viele Menschen nicht mehr in der Lage, auf natürlichem Weg Kinder zu bekommen?

Einerseits scheint die Sterilitätsrate, wie Ärzte sagen, in unserer Zivilisation grundsätzlich etwas zuzunehmen. Andererseits sind die Frauen natürlich immer älter, wenn sie gebären. In Deutschland ist die Eizellenspende verboten. Unterstützung der Reproduktionsmedizin bekommen also nur die Frauen, die noch fruchtbar sind. In Ländern, die Eizellenspenden erlauben, geht das bis ins hohe Alter. Auch homosexuelle Paare nehmen die Dienste der Reproduktionsmedizin in Anspruch oder alleinstehende Frauen kurz vor der Menopause. Sie wenden sich an Samenbanken mit Proben von Elitestudenten.

Wie verändern die neuen Formen der Familienbildung das Zusammenleben?

Manche Kinder haben heute schon bis zu fünf Elternteile: die sozialen, einen Samenspender, eine Einzellespenderin und eine Leihmutter. Diese Fragmentierung von Elternschaft stellt neue soziale und rechtliche Zusammenhänge her. Die gesellschaftliche Keimzelle von Elternschaft ist bisher die Blutsverwandtschaft, das geht bis ins Erbrecht. Wer erbt aber nun, wenn die Leihmutter stirbt? Interessant ist auch zu sehen, wie unterschiedlich die Milieus sind, in denen die Geburtshelfer gesucht werden. Möglichst junge und gebildete Eizellen- und Samenspender werden auf dem Internetnetzwerk Facebook geworben und an Elite-Universitäten, Frauen für die Leihschwangerschaft, bei denen es nur um einen möglichst geburtserfahrenen Körper geht, am Schwarzen Brett des Supermarkts.

Wie sind Sie überhaupt als Literaturwissenschaftler auf das Thema Reproduktionsmedizin gestoßen?

Mich hat schon länger das Problem des Fremdkörpers in der Familie interessiert, in der Literatur- und Sozialgeschichte. Ich denke etwa an die böse Stiefmutter im Märchen oder an die Ammen im 19. Jahrhundert. Vor 200 Jahren fragten sich die Menschen, ob die fremde Milch der Amme das Wesen eines Kindes verändern kann. In den neuen Reproduktionstechnologien setzen sich diese Fragen auf interessante Weise fort.

Fragen: Claudia Rindt

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