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Konstanz Nicht auf meinem Dorfplatz: Argumente und Fakten zur geplanten Flüchtlingsunterkunft in Egg

Im Konstanzer Stadtteil Egg soll auf dem Dorfspielplatz eine Anschlussunterkunft für etwa 50 Flüchtlinge entsehen. Die Anwohner wollen sie willkommen heißen, wehren sich aber gegen den geplanten Standort. Halten ihre Argumente stand?

Egg, das ist ein bisschen wie in Bullerbü. Ein kleines idyllisches Dorf, man kennt sich, gießt sich in der Urlaubszeit gegenseitig die Blumen, die Kinder spielen auf dem Dorfplatz, in den Vorgärten stehen Trampoline, alles ist sauber. Und wenn mal etwas nicht sauber ist, wird es sofort sauber gemacht. „Oh, da liegt eine Kippe, die nehme ich gleich mit“, sagt ein Anwohner, als er über die Egger Wiese, den zentralen Spiel- und Dorfplatz, Richtung Mitte geht. Auf dem Holztisch zwischen Schaukel und Bolzplatz faltet er einen Bebauungsplan auf. Es geht um die gestrichelte Linie. Die verläuft dort, wo der Tisch steht. „Sehen Sie, all das hier wäre zugebaut“, sagt er und deutet hinter sich. Dort könnte nächstes Jahr eine Unterkunft für Flüchtlinge stehen. Eine Mehrheit des Gemeinderats hatte entschieden, dass in Egg und im Zergle in Wollmatingen Wohnungen für die Flüchtlinge gebaut werden sollen, die langfristig in Konstanz bleiben.

„Wir sind ausdrücklich bereit, den uns möglichen Beitrag für die ortsteilgerechte Unterbringung und die Integration von Flüchtlingen zu leisten“, sagt Gaby Ellegast, Vorsitzende der Bürgergemeinschaft Egg. Flüchtlinge sind willkommen, heißt es von allen, die sich dazu äußern. Nur: „Warum muss das hier sein? Ich halte Egg und vor allem den Dorfplatz für die Unterbringung von so vielen Flüchtlingen ungeeignet“, sagt eine Mutter, die vor Kurzem mit ihrer Familie nach Egg gezogen ist. Sie und rund 250 andere haben eine Liste unterschrieben, weil sie gegen den Bau einer Flüchtlingsunterkunft auf dem Spielplatz sind.

Die Argumente und Fakten dazu im Überblick

Unsere Kinder haben keinen Platz mehr zum Spielen. Die Egger Wiese, sagen Anwohner und Bürgergemeinschaft, ist ein Begegnungsort. Vor allem für Kinder, aber auch für Ältere. Der einzige Spielplatz im Umkreis von mehreren Kilometern dürfe deshalb nicht wegfallen. Fakt ist: Der Spiel- und Dorfplatz würde nicht gänzlich bebaut werden, laut ersten Skizzen nur etwa zur Hälfte. Ja, einen großen Bolzplatz gibt es dann nicht mehr – es könnte dafür aber auch ein überdachter Raum für alle im Haus der Flüchtlingsunterkunft entstehen. Ein Café zum Beispiel oder ein anderer Begegnungsraum sind im Gespräch. Ob und wie groß dieser sein könnte, das sind „politische Entscheidungen“, sagt Hans-Joachim Lehmann von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Wobak, die Bauträger wäre. „Wir würden ein Café in Egg begrüßen, ja. Aber wenn dafür auf der Egger Wiese noch mehr Fläche bebaut werden würde – eher nein“, meint Gaby Ellegast.

Das Problem ist das Gebäude. Soll heißen: Es geht nicht um Ausländerfeindlichkeit. Oder? „Das ist doch Quatsch. Wenn dort ein zehn Meter hohes Kunsthaus hingebaut worden wäre, hätten wir auch etwas dagegen. Wir sind deshalb auch keine Kunsthasser“, sagt die Mutter und Anwohnerin. Und eine andere bemerkt: „Ein so großes Gebäude würde doch die Idylle zerstören.“ Fakt ist: Noch gibt es keine konkreten Pläne, wie eine Anschlussunterkunft in Egg aussehen könnte. Für den Antrag auf die Fördermittel des Landesprogramms wurde lediglich eine Skizze erstellt, die die ungefähren Wohnflächen zeigt. Auf der Egger Wiese wären demnach zwölf Drei- bis Vierzimmerwohnungen mit rund 40 Plätzen vorgesehen gewesen.

Der Platz war für einen Kindergarten vorgesehen. Stimmt. Auf dem städtischen Grundstück war laut Bebauungsplan von 1993 ein Kindergarten vorgesehen – ein Gebäude, das die Egger Mutter und die anderen Anwohner im Übrigen nicht gestört hätte, sagen sie. Fakt ist: Derselbe Bebauungsplan von 1993 sieht auch vor, dass das Gelände rum um die Egger Wiese mit Wohneinheiten bebaut werden durfte. Im damaligen Flächennutzungsplan war das Gebiet, auf dem heute die Häuser der Gegner des Projekts Flüchtlingsunterkunft auf der Egger Wiese stehen, zum Teil als Grünfläche mit Spiel- und Sportplatz ausgewiesen. Damals wurde der Bebauungsplan noch vor Änderung des Flächennutzungsplans zugunsten der heutigen Anwohner geändert. Der Grund: „Der Bebauungsplan dient der Deckung eines dringenden Wohnbedarfs der Bevölkerung. Die Engpässe auf dem Wohnungsmarkt werden durch den Geschäftsbericht der Wobak mit Stand 31.12.1990 dokumentiert“, heißt es in den städtischen Unterlagen von 1993. Damals wurde das Baurecht ebenso angepasst wie heute: Aufgrund des Flüchtlingsstroms hat der Bund beschlossen, dass städtische Flächen wie die in Egg umgenutzt werden dürfen.

In Egg gibt es keine Infrastruktur. Die Bürgergemeinschaft betont, dass es in Egg keinen Einkaufsladen, keine Gaststätte, keinen Begegnungsraum, keinen Arzt und keine Apotheke gibt. Es gebe also keine passende Infrastruktur, die Flüchtlinge zu integrieren. Was sagt eigentlich ein Flüchtling dazu? „Am Anfang ist es ganz wichtig, rauszukommen aus der Unterkunft. Einkaufen gibt einem ein Stück Normalität zurück und man beginnt, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen“, sagt Iman Kharazi, der nach seiner Flucht aus dem Iran acht Monate in der Gemeinschaftsunterkunft in der Konstanzer Steinstraße lebte. Die Infrastruktur in Egg, sagt er, sei nicht ganz unproblematisch – aber auch nicht unlösbar. Denn der dörfliche Charakter kann auch eine Chance sein. „Gerade in Egg gibt es eine gute Dorfgemeinschaft, die die neuen Mitbewohner bestens integrieren könnte. Am Einfachsten wäre natürlich, wenn einzelne Anwohner, die frei stehende Räume haben, einen Flüchtling bei sich aufnehmen würden. Damit könnte man zumindest Anschlussunterkünfte verkleinern“, heißt es in einer Stellungnahme des Jungen Forums Konstanz. Bislang gibt es eine Familie in Egg, die ihre Ferienwohnung für Flüchtlinge anbieten würde, berichtet die Bürgergemeinschaft Egg zum Thema Privatunterbringung.

Es gibt alternative Standorte. Bürger haben in den vergangenen Wochen alternative Standorte in Egg vorgeschlagen. Darunter die Wiese am Limnologischen Institut oder am Mainaublick. Eine Anwohnerin: „Nicht, weil es der Ortsrand ist, sondern weil es die einzigen freien Flächen sind.“ Fakt ist: Zurzeit prüft die Verwaltung Alternativstandorte in Egg. „Insbesondere müssen dabei die Vorgaben des Naturschutzes beachtet werden“, berichtet Pressesprecher Walter Rügert. Und: Die vorgeschlagenen Grundstücke gehören im Gegensatz zur Egger Wiese nicht der Stadt, sondern der Universität. Minister Peter Friedrich sagte bei einem Besuch zu, dass das Land gemeinsam mit der Universität andere Flächen in Egg prüfe und der Stadt zum Bau anbieten werde.

Es wurden ohne Dialog und Anhörung der Bürger Fakten geschaffen. Vor der Entscheidung gab es einen Vor-Ort-Termin der Stadtspitze um OB Uli Burchardt in Egg. Seinen Vorschlag, das Thema vorerst zurückzustellen, lehnte der Gemeinderat ab. Nach aktuellen Prognosen kommen bis Ende des Jahres zu den rund 350 Flüchtlingen, die schon in Konstanz sind, etwa 700 weitere dazu, die eine Unterkunft brauchen. „Momentan stellt sich daher nicht die Frage, ob die verfügbaren Flächen benötigt werden oder nicht, sondern wie die Bebauung gestaltet werden kann“, schreibt die Freie Grüne Liste. Auf den 31. August hat die FGL einen Vor-Ort-Termin mit den Bürgern in Egg angesetzt, im Zergle am 2. September, jeweils um 18 Uhr. Die Stadt arbeitet gerade ein Konsultationsverfahren aus.

Man muss nicht so schnell bauen. Der Baubeginn ist im März 2016 angesetzt – und die Fördergelder für den Standort bereits bewilligt. Die Stadtverwaltung prüfe derzeit, ob die Frist für den Baubeginn verlängert werden kann. „Insgesamt werden die Hürden für Veränderungsanträge aber vermutlich hoch sein“, so Pressesprecher Walter Rügert. Der Grund: Die Anträge für das Landesprogramm werden in der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet und bewilligt.

Mein Haus ist dann weniger wert. Ja, ein durchschnittliches Einfamilienhaus in Egg dürfte, wenn dort ein Flüchtlingshaus gebaut wird, im Wert sinken, bestätigt ein Konstanzer Immobilienmakler. Der Wert eines durchschnittlichen Einfamilienhauses in Egg sei aber allein innerhalb der vergangenen vier Jahre auch gestiegen: um bis zu zehn Prozent.

Die Anzahl der Flüchtlinge ist unverhältnismäßig zu der Einwohnerzahl. „Das Dorf Egg hat in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den anderen Ortsteilen von Konstanz prozentual das größte Wachstum zu verzeichnen“, sagt Gaby Ellegast von der Bürgergemeinschaft. Fakt ist: Mit dem Beschluss, in Egg 40 Flüchtlinge aufzunehmen, wächst das Dorf um fünf Prozent. Fakt ist auch: Es gab schon einmal Flüchtlingsunterkünfte in Egg. 350 Menschen kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Lager unter. „Einige davon sind geblieben und haben einen Egger geheiratet“, berichtet Gaby Ellegast.

Wir haben Angst, dass sich unsere Umgebung zum Schlechteren verändert. Dieses eine Argument wurde in der öffentlichen Debatte bislang nicht angebracht. Stattdessen werden Kinder, Bebauungspläne, fehlende Supermärkte und sogar Zecken vorgeschoben, die es auf den Wiesen um Egg gibt, weshalb der Spielplatz im Dorfzentrum erhalten bleiben müsse. Fakt ist: Ja, es ist wohl niemand begeistert, wenn auf der Wiese direkt vor dem Haus, auf der die Kinder Fußball spielen, gebaut werden soll. Die Egger sind nicht die Ersten, die sich gegen ein Bauvorhaben wehren, weil sie ihre persönliche Lebensqualität bedroht sehen – egal, ob Flüchtlingsunterkunft oder Vereinsheim geplant sind. Geschürt wird dieser Widerstand aber auch durch die Angst vor dem Fremden. „Wir wissen ja gar nicht, wer da kommt“, sagt eine Anwohnerin irgendwann. Und eine andere: „Es wird Konflikte geben, was die Ruhe und Sauberkeit betrifft.“ Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. „Es ist nun mal ein sensibles Thema.“ Stimmt. Fakt ist: In Egg wird eine Unterkunft gebaut. Wer wird dann einziehen? Familien? Alleinstehende Männer? Wie können wir uns mit ihnen unterhalten? Welche Integrationsangebote könnte es geben? All das sind Fragen, die sich die Egger auch stellen. „Wir wünschen uns erst mal Ortstermine und eine Bürgeranhörung mit der Vorstellung der konkreten Pläne“, sagt Ellegast. In den 90er-Jahren hatte sie selbst Flüchtlinge aufgenommen, aus Kroatien und Afrika. „Ich bin überzeugt, dass uns die Integration gelingt.“ Nur auf der Egger Wiese sei es eben schwierig. Ein anderer Standort in Egg, sagt Ellegast, würde nicht so emotional diskutiert werden.

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