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Konstanz Neues Wissen für das Erinnern

Konstanz – Sie nahmen Zivilisten als Geiseln, erschossen Kriegsgefangene und löschten durch Luftangriffe militärisch unbedeutende Städte und deren Bewohner aus: Schon in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs beim Überfall auf Polen gingen deutsche Soldaten brutal gegen die Zivilbevölkerung und Kriegsgefangene vor. Dies zeigt eine neue Wehrmachtsausstellung, die im Konstanzer Stadtarchiv zu sehen ist.

Eine Wehrmachtsausstellung im Stadtarchiv zeigt unter dem Titel „Größte Härte“ die Verbrechen der deutschen Truppen 1939 in Polen auf. Die Eröffnung verfolgten rund 100 Gäste.
Eine Wehrmachtsausstellung im Stadtarchiv zeigt unter dem Titel „Größte Härte“ die Verbrechen der deutschen Truppen 1939 in Polen auf. Die Eröffnung verfolgten rund 100 Gäste. | Bild: Bild: Rindt

Schautafeln und Filmdokumente weisen auf die Verbrechen der deutschen Soldaten im September und Oktober 1939 in Polen hin. Die Wander-Ausstellung des Deutschen Historischen Instituts in Warschau steht unter dem Titel „Größte Härte“. Sie ist bis zum 22. Mai in Konstanz zu sehen.

Bei der Eröffnung vor rund 100 Gästen stellte der für die Ausstellung federführende Historiker Jochen Böhler seine These über den Grund für das rücksichtslose Vorgehen vor: Er geht davon aus, dass sich unerfahrene, junge deutsche Soldaten in eine hysterische Angst vor Überfällen aus dem Hinterhalt steigerten und in jedem polnischen Bürger potenzielle Partisanen und Freischärler sahen. Böhler stützt seine Erkenntnisse vor allem auf Dokumente, die er im Militärarchiv des Bundes in Freiburg fand. Er wundert sich, dass diese nicht schon längst ausgewertet worden waren. Möglicherweise sei auch die Tötung vieler Kriegsgefangener auf diese Angst zurück zu führen. Es habe 1939 noch keinen Befehl zum Erschießen von Kriegsgefangenen gegeben. Gewalt gegen Juden allerdings hätten viele Soldaten als legitim betrachtet. Hier habe wohl vor allem die NS-Propaganda gewirkt.

„Es war von Anfang an ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung“, sagte Krzysztof Ruchniewicz vom Willy Brandt-Zentrum Wroclaw. Die Ausstellung sei ein Zeugnis der Erinnerung an die ersten Opfer. Auch Menschen aus der Region Konstanz waren in das damalige Geschehen verwickelt. Auf das Wirken von Heinrich Koeppen, der in Radolfzell das dritte Bataillon der SS-Standarte Germania anführte, verweist ein Sonderteil der Ausstellung, der auf den Recherchen des Konstanzer Stadtarchivars Jürgen Klöckler basiert. Solche regionalen Bezüge seien bisher in jeder Stadt zu finden gewesen, in der die Ausstellung gezeigt wurde, hieß es bei der Eröffnung.

Katarzyna Rozanska von der Universität Hamburg analysierte polnische Literatur aus der Zeit des Überfalls. Die damaligen Gedichte und Romane rühmten die polnischen Verteidiger als tapfer und beschrieben die Ohnmacht in der Niederlage. In keinem der literarischen Zeugnisse sei aber von den Deutschen die Rede gewesen. Erst in jüngster Zeit gebe es Literatur mit einer erweiterten Perspektive. Mit Blick auf die deutsch-polnische Beziehung sagte Bianka Pietrow-Ennker, Kollegiatin des Kulturwissenschaftlichen Kollegs der Universität Konstanz, Versöhnung und Verständigung setze die vollständige historische Aufarbeitung des Geschehens voraus. Das Exzellenzcluster der Universität unterstützt diese. Die Ausstellung arbeitet mit leicht überschaubaren Tafelgruppen. Die Haupttafel reißt Themenblöcke wie Luftkrieg, Geiseln oder Freischärler an, weitere Tafeln zeigen dann jeweils Einzelbeispiele.

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