Konstanz Neuer Streit um Kreuzlinger Straße: Anwohner wollen echte Fußgängerzone

Die seit Jahren bekannte Debatte um die Regelung des Autoverkehrs in der Kreuzlinger Straße in Konstanz sorgt erneut für Zündstoff. Anwohner fürchten ein Verkehrschaos bei einem möglichen Einzug eines dm-Marktes und wollen eine Fußgängerzone. Gewerbetreibende halten diese Forderung für unsinnig.

Kommt er, oder kommt er nicht, der nächste dm-Drogeriemarkt? Es wäre der vierte im Zentrum, der sechste in Konstanz. Die Anwohner der Kreuzlinger Straße sagen: ja; die Gewerbetreibenden sagen: ja; die Politik sagt: ja. Alles klar also für die leer stehenden Gebäude 14 und 16? Nichts ist klar, zumindest nichts Offizielles. Hochoffiziell ist dagegen, dass dort ein bekannter Streit neu entflammt ist. In dessen Mittelpunkt steht die Frage: Soll aus der gefühlten nun eine echte Fußgängerzone werden?

Das fordern die Anwohner, sie sind sicher: Am dm-Markt in ihrer direkten Nachbarschaft führt kein Weg mehr vorbei und der werde vor allem Schweizer Kunden locken. Einer, der nicht namentlich genannt werden will, sagt: "Das wird eine riesige Belastung durch die Parkplatzsuche, deren Bewältigung nicht absehbar ist." In der Kreuzlinger Straße gibt es sieben Parkplätze, die in den Geschäftszeiten hart umkämpft seien. "Insbesondere von Autos mit Schweizer Kennzeichen", stellt der Anwohner fest. Vieler seiner Nachbarn seien seiner Meinung und unterstützten seine Forderung: "Die Diskussion über die Umwandlung der Kreuzlinger Straße in eine Fußgängerzone ab der Emmishofer Straße sollte wieder aufgenommen werden." Nur so würde die Zufahrt möglicher dm-Kunden zur Kreuzlinger Straße unterbunden. Die derzeitige Lösung eines verkehrsberuhigten Bereichs reiche nicht.

Mögliche Kunden, möglicher dm-Markt: Seit Wochen brodelt die Gerüchteküche. Ging dem privaten Bauherrn das Geld aus? Wie sonst könne es sein, dass in bester Lage in der Innenstadt ein Gebäude über Monate hinweg nur einen Zweck erfüllt: Fenster als Oberfläche für Plakate bereitzustellen. Geplant ist längst: Das bestehende Gebäude – ohnehin nicht der schönste Fleck der Straße – soll abgerissen und durch zwei Wohnhäuser mit einem Gewerbe im Erdgeschoss ersetzt werden.

Baurechtsamtsleiter Andreas Napel räumt mit den Gerüchten auf. "Einige Details im Bauantrag mussten nachgearbeitet werden", sagt er. Inzwischen seien alle Unterlagen vollständig. Die Angrenzer konnten Einwände vorbringen, gleichzeitig laufen die internen Vorbereitungen in der Verwaltung. Napel stellt außerdem klar: "Im Antrag des Bauherrn ist nur die Rede von einer Fläche für Einzelhandel, das Wort Drogeriemarkt taucht nicht auf." Das bedeutet nichts anderes, als dass auch, aber nicht nur ein dm-Markt einziehen könnte. Das Unternehmen will sich weiterhin nicht zu möglichen Plänen für die Kreuzlinger Straße äußern. Sprecher Herbert Arthen verweist darauf, dass bislang keine Unterschriften unter einem Mietvertrag geleistet seien. Nach SÜDKURIER-Recherchen gilt ein Einzug von dm jedoch als gesichert.

Bei der Freien Grünen Liste (FGL) finden die Befürworter einer Fußgängerzone deshalb Gehör. Sie hat bereits Ende 2016 beantragt, die sieben Parkplätze in der Kreuzlinger Straße "rechtzeitig vor Eröffnung des dm-Marktes" zu entfernen. Die Stadt sagte zu, diese Anregung mit in die Untersuchung des Autoverkehrs im Quartier Stadelhofen aufzunehmen. Fraktionssprecher Peter Müller-Neff setzt nun nach: "Wenn der dm kommt, dann haben wir hier denselben Einladetourismus, wie wir ihn heute schon in der Münzgasse vor dem Bioladen erleben." Ziel müsse es sein, die komplette Kreuzlinger Straße in eine Fußgängerzone umzuwandeln. "Es ist ja nicht so, dass da Kreuzlinger zu Fuß über die Grenze gehen werden, die meisten Kunden werden aus dem weiteren Umland der Schweiz kommen", argumentiert Müller-Neff.

Als Spielstraße ausgezeichnet ist die Straße seit Jahren und wird daher von vielen Bürgern als gefühlte Fußgängerzone wahrgenommen. "Und bei dieser vernünftigen Lösung sollten wir auch bleiben", sagt Thomas Keck, Inhaber des Gravurgeschäfts drei Häuser neben dem geplanten Neubau. Von einer Fußgängerzone oder dem Wegfall der Parkplätze hält er nichts. Nicht nur, weil ein Kundenmagnet auch für benachbarte Händler und Gastronome etwas abwerfen könnte. "Ich bin auf den Lieferverkehr angewiesen, wir haben zum Teil große Maschinen, die außer uns niemand in der Region graviert", sagt Keck. Sie würden nicht nur am Morgen geliefert – in einer Zeit, in der die Fußgängerzone außer Kraft gesetzt werden könnte. Ein ähnliches Argument führt Familie Klingenberger an, die dort seit Jahrzehnten ein Modellbau-Geschäft betreibt: "Unsere Kunden können und wollen schwere Modelle nicht mal eben zum Döbele tragen, sie wollen das schnell einladen und weiterfahren." Die Kurzparklösung sei daher ideal.

Mit ihren Argumenten wissen Keck und die Klingenbergers ihre Gewerbekollegen hinter sich. In einem von 14 von ihnen unterschriebenen Schreiben, das der Redaktion vorliegt, sprechen sie sich gegen die Forderung des Anwohners aus. Der Autoverkehr in der Kreuzlinger Straße habe sich seit der Durchfartsperre zur Laube beruhigt. "Natürlich kann es sein, dass nach einer möglichen Eröffnung etwas mehr los sein wird, aber das gibt sich", sagt Thomas Keck voraus. Wenn nicht, dann könne man über die Einrichtung einer Fußgängerzone sprechen. "Aber man muss doch nicht alle verrückt machen, ehe überhaupt irgendwie klar ist, ob und wie der Verkehr zunimmt."

Andreas Napel vom Baurechtsamt verweist auf die Möglichkeit, das Gebäude von der Straße Zur Laube anzufahren, weil es dort einen zweiten Zugang geben soll. "Ich kann ausschließen, dass der Hauptverkehr in die Kreuzlinger Straße fahren würde, das geht nicht aus dem Antrag des Bauherrn hervor." Das Problem der fehlenden Parkplätze sei laut der Anwohner nicht zu verdrängen, zumal die meisten in der Straße Zur Laube für Anwohner reserviert ist. Dem Bauherrn wurden wegen der fehlenden Parkplätze gemäß Landesbauordnung Stellplätze zur Ablöse zugeordnet – im Industriegebiet.

Ablöse von Stellplätzen

Städte und Gemeinden können gemäß Paragraf 37 der Landesbauordnung einen Bauherrn von der Bereitstellung von Stellplätzen entbinden. In Konstanz ist das dann der Fall, "wenn sie im Rahmen der gesetzlichen Pflicht nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten möglich ist". Dann kann ein Bauherr der Stadt alternativ einen Geldbetrag als Ablöse zahlen. In Konstanz beträgt diese Ablöse pro Parkplatz je nach Standort des Gebäudes zwischen 2600 und 12 800 Euro. In der Kreuzlinger Straße ist der höchste Satz fällig. Die Stadt ist gesetzlich dazu verpflichtet, diese Ablösegelder innerhalb eines angemessenen Zeitraums nur zur Schaffung von öffentlichen Parkgelegenheiten zu verwenden. Dazu gehören auch Einrichtungen, die Parkplatznot entgegenwirken, zum Beispiel für den öffentlichen Personennahverkehr oder den Fahrradverkehr. (bbr)

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