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Konstanz „Nachbarn denken neu über ihre Beziehung nach“

Die Professoren Markus Freitag und Thomas Hinz untersuchen, warum Menschen sich in Konstanz und Kreuzlingen integriert fühlen oder warum nicht. Dazu befragen sie etwa 1000 PersonenHerr Freitag, Herr Hinz, Sie untersuchen Nachbarschaften in Konstanz und Kreuzlingen.

Die Universitätsprofessoren Thomas Hinz und Markus Freitag (von links) erzählen im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteurin Kirsten Schlüter von ihrer aktuellen Studie zu Nachbarschaften.
Die Universitätsprofessoren Thomas Hinz und Markus Freitag (von links) erzählen im Gespräch mit SÜDKURIER-Redakteurin Kirsten Schlüter von ihrer aktuellen Studie zu Nachbarschaften. | Bild: Bild: Hanser

Aber wie definieren Sie überhaupt Nachbarschaften?

Hinz: Wir haben im Vorfeld unseres Projektes ausführlich mit Vertretern der Städte Kreuzlingen und Konstanz diskutiert und haben Nachbarschaft dann durch einen räumlichen Bezug von ungefähr 400, 500 Metern definiert. Das sind also Gebietseinheiten, die in fünf Minuten zu Fuß zu durchqueren sind. Dabei verwenden wir allerdings auch bestimmte Orientierungspunkte aus dem Stadtplan, denn die bauliche Struktur hat auch Einfluss auf Nachbarschaften. Größere Straßenzüge oder Bahnlinien trennen Nachbarschaften eher, auch wenn sie von der Entfernung her recht nah beieinander liegen.

Freitag: Historische Linien wurden ebenso mitberücksichtigt. Von gewachsenen Quartieren, die es schon seit langer Zeit gibt, werden beispielsweise Neubaugebiete unterschieden.

Warum machen Sie diese Studie zu den Nachbarschaften?

Freitag: Es geht darum zu erfahren, wie integriert die Bürger in Konstanz und in Kreuzlingen sind. Wir meinen Integration im Sinne einer Einbindung in gesellschaftliche Institutionen wie die Familie, wie die Schule, den Arbeitsmarkt, Vereine, aber wir meinen auch die Nachbarschaften und persönliche Netzwerke. Wir möchten sehen, wie viele Leute jemand kennt und wie intensiv sein Austausch mit den Mitmenschen ist. Aus den Meinungen der Bürger können die Städte Rückschlüsse ziehen, was sie in den Nachbarschaften besser machen können oder was sie belassen sollen. Es geht aber weniger um das Zusammenleben zwischen Konstanzern und Kreuzlingern. Natürlich sind auch ein, zwei Fragen über das Verhältnis zwischen den beiden Städten dabei, aber wir wollen für beide Städte separate Untersuchungen machen.

Wie gehen Sie vor? Klingeln Sie zur Befragung an Haustüren?

Hinz: Die ausgewählten Bürger finden eine Karte mit einem Vorschlag für einen Interviewtermin in ihrem Briefkasten. Wir sind jetzt in Konstanz ungefähr in der Mitte der Feldphase. Als Interviewer setzen wir Personen ein, die wir wirklich sehr gut geschult haben. Im Schnitt dauert ein Interview 45 Minuten. Die ersten Rückmeldungen der Befragten sind überaus positiv. Die Leute sind sehr am Gespräch interessiert, obwohl es standardisiert ist. Viele denken neu über ihre Nachbarschaft nach.

Wie schwierig ist die Kontaktaufnahme mit den zu Befragenden?

Hinz: Die generelle Bereitschaft mitzumachen ist recht hoch. Es gibt natürlich im Einzelfall auch Probleme, weil Leute sagen, dass sie keine Zeit haben oder sich solchen Umfragen verweigern. Wir sind ganz zuversichtlich, dass wir eine gute Antwortquote für Konstanz und Kreuzlingen realisieren können. Wir werden voraussichtlich ungefähr 50 Nachbarschaften erreichen.

Freitag: Wir weisen auch immer darauf hin, dass die Anonymität der befragten Personen gewährleistet ist. Und noch was: Wer nur gebrochen Deutsch spricht, aber gern am Interview teilnehmen möchte, muss nur Bescheid sagen. Die ehrenamtlichen Sprachmittler des Landkreises Konstanz helfen bei der Übersetzung dankenswerter Weise mit.

Welche Fragen stellen Sie im Interview?

Freitag: Es gibt Fragen zur Person, zu den persönlichen Netzwerken bis hin zu Fragen über das Engagement in Vereinen, zur Situation in der Nachbarschaft und wie wohl man sich dort fühlt. Es geht auch um Toleranz und Vertrauen gegenüber den Mitmenschen, um das Verhältnis zwischen den Nationalitäten und um den Beruf. Wir stellen auch ganz einfache Fragen wie zum Beispiel die, zu welchem Spielplatz man eigentlich geht und ob man ein Haustier hat.

Können Sie schon ohne konkrete Ergebnisse der allgemeinen Meinung zustimmen, dass die Gesellschaft sich immer weiter zergliedert und man seinen Nachbarn nicht mehr kennt?

Hinz: Es ist ein Ziel unserer Befragung, genau das für eine mittelgroße und eine kleinere Stadt herauszufinden. Eine Stadt wie Konstanz mit 80 000 Einwohnern ist hinsichtlich der Nachbarschaftsbedingungen sehr interessant, weil es in Deutschland viele solcher Städte gibt. Bislang wird für Integration immer Berlin und das berühmte Kreuzberg herangezogen. Ich vermute, dass das Maß der Integration stark damit zusammenhängen wird, ob man Kinder hat, denn die Integration funktioniert in Städten wie Konstanz und Kreuzlingen sehr viel über Schulen, Kindergärten und Spielplätze. Das prägt letztlich auch Nachbarschaftsbeziehungen, weil aus Nachbarn Freunde werden, die auch mal gemeinsam in den Urlaub fahren. Daraus entwickeln sich vermutlich Sozialbeziehungen. Aber das wissen wir nicht.

Wann erhalten Sie Ergebnisse und was passiert damit?

Freitag: Die Ergebnisse werden Ende Juni bei einer Pressekonferenz präsentiert. Sie gehen nicht nur an die Stadtmütter und Stadtväter, sondern auch an die Bevölkerung. Viele fragen ja immer, was die Universität konkret für die Bevölkerung leisten kann und beklagen sich, dass die Forschung zumeist etwas abgehoben wirkt und sich nicht mit der Lebenswirklichkeit der Menschen befasst. Mit unserem Projekt versuchen wir genau das.

Hinz: Es ist natürlich auch eine wichtige Motivation, über dieses Projekt der Bevölkerung nahezubringen, was das Exzellenzcluster ‚Kulturelle Grundlagen von Integration' macht. Das ist ein Glücksfall für die Vermittlung von Forschung.

Was könnte sich in zwei Jahren allein durch die Studie in den Nachbarschaften geändert haben?

Freitag: Das ist eine sehr hypothetische Frage. Wir müssen erst einmal herausbekommen, ob es überhaupt irgendwelcher Veränderungen bedarf. Aber es könnte durchaus sein, dass man in Nachbarschaften, wo es an manchen Dingen hinsichtlich der sozialen Integration hapert, dann auf die Nachbarschaften schaut, in denen es besser läuft. Man könnte versuchen, Erfolgsmodelle zu kopieren – und wenn es nur ein Spielplatz ist, den man baut oder wenn man versucht, ein Fest zu veranstalten oder eine Begegnungsstätte zu schaffen, weil das woanders ein Zusammengehörigkeitsgefühl schafft. Das wären kleine Bausteine einer Stadtentwicklungspolitik.

Hinz: Zudem ist vorstellbar, dass die Leute durch die Befragung über ihr eigenes Verhalten nachdenken. Das kann zu einem anderen Nachbarschaftserleben führen. Diese Effekte sind nicht ausgeschlossen, aber sie haben uns nicht dazu veranlasst, die Studie zu machen. Unser Anliegen ist es, bestimmte wissenschaftliche Fragen zu klären. Diese Studie ist dahingehend einmalig, dass wir die Kleinräumigkeit der Nachbarschaften untersuchen. Das gibt es in anderen ähnlichen Projekten nicht.

Wer also einen Interviewtermin im Briefkasten hat, sollte keine Angst haben, sondern mitmachen?

Freitag: Er sollte sich freuen. Diese Karte ist quasi ein Stimmzettel oder ein Wahlschein. Diejenigen, die immer sagen, sie könnten sowieso nichts bewirken, können mit ihrer Teilnahme auf diese Weise einen kleinen Beitrag zum guten Zusammenleben in Konstanz und Kreuzlingen leisten.

Fragen: Kirsten Schlüter

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