Konstanz Musik als körperliche Erfahrung
Suggerierten himmlische Erlösung: Der Uni-Chor und das Uni-Orchester in der St. Stephanskirche in Konstanz. Bild: Bild: Oliver Hanser
Unter der Leitung von Peter Bauer interpretierten der Uni-Chor und das Uni-Orchester Guiseppe Verdis Messa da Requiem. Die priesterlose Zwiesprache mit Gott und dem toten Schriftsteller Alessandro Manzoni sowie dem Komponisten Gioachino Rossini setzte Verdi um wie eine Oper, ohne dabei jedoch die gewohnten Stilmittel der Arien zu nutzen. Er interpretierte damit die vorgegebenen liturgischen Texte auf eine ganz neue, sehr plastische Art und Weise, ganz wie ein Dramaturg.
Der Chor begann licht und leicht, während das Orchester sowohl ihn als auch die Solisten zum nächsten Akt hintrug, indem es den Spannungsbogen erhöhte und eine beinahe bedrohliche Stimmung heranwachsen ließ, die der großartige Tenor von Rodrigo Orrego zu kulminieren vermochte. Als Chor und Orchester sich vereinten, machten sie die Dies Irae zu einer körperlichen Erfahrung aus Gänsehautschauern. Der satte Bariton von Armin Kolarcyk ertönte und sang vom Tod auf sehr eindringliche Weise. Frauke Mays erdiger Mezzosopran passte gut zu der getragenen Stimmung, und die Spannung wurde gekonnt über die Generalpause hinweg gehalten.
Die aus Finnland stammende Sopranistin Sirkka Lampimäki war glockenhell zu vernehmen, jung und erhaben wie das Leben über dem Miserere, und sang wunderbar nuanciert. Sanft wogte ein vom Bass angestoßenes Salva Me durch den Chor, und Mezzosopranistin und Sopranistin erklangen sehr schön, wie Erde und Sonnenlicht im Zusammenspiel, harmonisch und dennoch von der Stimmfärbung her kontrastreich.
Die Bassstimme, ebenso beeindruckend und klangvoll vom Bariton gesungen, wurde mit einem aufgepeitschten Orchester auch in die Höhen getragen, dabei entstand ein besonders reizvoller Gesamtklang, der in einem imposanten Tutti mündete, das die Zuhörer in der Kirche beinahe niederriss.
Doch dann: zarte Lichtschimmer in den Geigen und eine Solistin, die wie Anadyomene aus dem Meer der hohen Töne aufsteigt. Das Orchester verschmolz seinerseits gekonnt mit den männlichen Solisten, bevor die vier Solisten sich zu einem dynamischen Quartett einfanden, das aus dem einzelnen Gebet in ein Gemeinsames zu finden schien. Eine Dynamik, die sich auch im Orchester sehr schön widerspiegelte.
Der Chor trug auch über dem Orchester, und es erklang ein zelebrierendes Sanctus und Hosanna in einem wohlumgesetzten Tempo. Im ursprünglich anlässlich des Todestages von Gioachino Rossini komponierten Libera Me deutet sich die Befreiung der gequälten Seelen an. Die Stimme der Sopranistin führte mit engelsgleicher Leichtigkeit auf dem nach oben strebenden Lux Aeterna Richtung himmlische Erlösung. Chor und Orchester musizierten die schnellen Stellen prononciert und entließen die Zuschauer mit einem leuchtenden Heilsversprechen in die laue Sommernacht.
