Konstanz Mittelalterexpertin spricht in Konstanz über den Handel vor 600 Jahren

Gabriela Signori erforscht Städte des Mittelalters. Am Dienstag ist sie letzter Gast der Konstanzer Voglhaus-Reihe.

Wenn Gabriela Signori über uralte Akten spricht, ist aller Staub auf den alten Papieren wie weggeblasen. Mit der Begeisterung einer Wissenschaftlerin berichtet sie von Dokumenten, bei denen schon die Entzifferung der Handschriften die meisten wohl an den Rand ihrer Geduld brächten. Doch für eine Detektivin ist das alles umso größerer Ansporn. Wer hat wem Geld geliehen in den Städten des 15. Jahrhunderts? Wie lief das mit Schulden, Zinsen und Insolvenzen ganz genau? Wie viel Bargeld ist wirklich im Umlauf und wie finanzieren sich die Stadtbürger? Und warum sind schon vor mehr als 600 Jahren Gemeinwesen bankrott gegangen wie die Stadt Wetzlar, die ausgegebene Anleihen nicht mehr bedienen konnte und 1387 zur Zwangsverwaltung führte? Das ist es, was Gabriela Signori, Professorin an der Universität Konstanz mit dem „Mittelalter jenseits der Vorurteile“ meint.

Über das Konstanzer Konzil, über die Kirchengeschichte und Jan Hus hat sie in den vergangenen Monaten so viel gesagt, dass sie am Dienstag, 14. Juli, bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ im Voglhaus den Blick auf das richten will, das profan ist, aber keinesfalls banal. Denn die Akten, für die sich Signori besonders interessiert, drehen sich ums Geld. Im Basler Gerichtsarchiv sind Dokumente in einer Vielzahl und Vielfalt erhalten, „das ist einzigartig im süddeutschen Raum“, sagt die Historikerin. Und es zeigt: „Das Spätmittelalter ist materialistischer als alles andere, was ich in der Geschichte angetroffen habe.“ Also nichts mit öffentlicher Religiosität, frommen Kirchenbauten und noblen Stiftungen. Es ging um Geld, und erst dann kam alles andere.

„Das Geld erfasste die Welt“, sagt Gabriela Signori über ihren Forschungsschwerpunkt, das späte Mittelalter und damit die Zeit zwischen 1200 und 1500. Zugleich nahm die Zahl der Städte immer weiter zu, und „ein langsamer Prozess der Verrechtlichung veränderte die Beziehung der Menschen untereinander.“ Zugleich wurde immer mehr schriftlich fixiert (nicht zuletzt, weil das billigere Papier das Pergament zu ersetzen begann), und erstaunlich viele Menschen konnten lesen. Das war „ein langsamer, aber tief greifender und nachhaltiger Modernisierungsprozess“, so Signori, und das gerate gern in den Hintergrund, weil so oft und so intensiv über die Rolle der Kirche im Spätmittelalter geforscht und gesprochen werde.

Dass diese sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Aspekte bisher eher weniger beachtet werden, hat für Gabriela Signori einen einleuchtenden Grund: Gerade weil plötzlich so viele Schriftstücke da sind, ist die Quellenlage kaum zu überblicken. Und dann gibt es auch noch das Problem, dass die überlieferten Dokumente nur einen Ausschnitt aus der damaligen Wirklichkeit zeigen. Überwiegend sind Akten entstanden oder überliefert worden, wenn es Streit gab. Schuldbekenntnisse und Isolvenzunterlagen künden vom wirtschaftlichen Scheitern, Belege für Erfolge sind seltener. Doch Schulden und Besitz sind zwei Seiten ein und derselben Medaille – wobei es im Spätmittelalter ganz normal war, Schulden zu haben, wie Signori sagt.

Die Menge des im Umlauf befindlichen Bargelds war vergleichsweise gering, und wer Geld brauchte, lieh sich welches. Signori hat überraschende Belege dafür gefunden, dass Schuldner und Gläubiger offenbar ein gutes Gespür dafür hatten, wem man wie viel leihen kann – „oft sind nach einem Todesfall Besitz und Verbindlichkeiten in einem sehr ausgewogenen Verhältnis“, hat sie herausgefunden. Was hingegen weniger klar ist: Wie hoch war der Zinssatz, wie viele Geschäfte wurden einfach mit Handschlag besiegelt, wie oft liefen die Austauschbeziehungen völlig problemlos ab?

Welche Antworten darauf in den Büchern des Basler Archivs noch schlummern, kann Gabriela Signori nicht sagen. Anhand von Eheverträgen hat sie gezeigt, wie Gütergemeinschaft und Gütertrennung fixiert wurden, welche Arten von Vorsorge und Geldanlagen im 14. und 15. Jahrhundert aufkamen, wie sich die Zinsen zum Ende des Mittelalters bei vier bis fünf Prozent stabilisierten. Anhand von 600 Jahre alten Akten erforscht Gabriele Signori Fragen, die höchst modern anmuten, von der Pleite eines Gemeinwesens über den Immobilienmarkt bis zur Kreditwirtschaft. „Für den Historiker“, so Gabriela Signori, „werden die Schulden gewöhnlich erst sichtbar, wenn sie nicht beglichen oder beglichen werden können.“

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