Mein

Mittagessen statt Abendmahl

24.10.2005


Der evangelische Pfarrer Markus Engelhardt kennt den Papst wohl manchmal besser als sein katholischer Kollege Andreas Rudiger. Darum blickt Rudiger von seinen Spaghetti auf und fragt über den Tisch: Hat der Papst, als er noch Kardinal Ratzinger war, mal gesagt: "Ökumene ist der Ernstfall des christlichen Lebens"? Engelhardt ist sich nicht sicher. In jedem Fall passt der Satz hierher. Engelhardt, 44, und Rudiger, 42, plaudern im Café Muse am Sternenplatz beim ökumenischen Mittagstisch von Petershausen. Dreimal im Jahr treffen sich die Pfarrer des Stadtteils zu ihrem überkonfessionellen Stammtisch.

Rudiger sagt: "Wir wollen gemeinsam Akzente in die Zukunft setzen." Für Engelhardt überschreitet die Ökumene in Petershausen längst das übliche Maß.

Am Tisch sitzen heute auch Sabine Zeller-Schock, 36, von der evangelischen Petrusgemeinde, der katholische Diakon Thomas Stolle, 46, sowie Alfred Schwarzwälder, 47, Pfarrer der evangelisch-methodistischen Gemeinde. Schwarzwälder ist Pfarrer für nur 200 Kirchenmitglieder. Doch auf den anderen zuzugehen, auch wenn der größer ist, liegt für ihn "im Kern des Christseins". Zeller-Schock sagt, hier am Stammtisch werde nicht über die Notwendigkeit der Ökumene gestritten. Lieber plane man gemeinsame Aktionen.

Bald erscheint ein "Ökumenischer Kalender Petershausen", der alle vier Monate die neuen Gemeinsamkeiten auflistet: Ökumenische Gottesdienste wie der an Himmelfahrt, Diskussionsrunden oder Lesungen aus der Bibel.

Ökumene in Petershausen? Ausgerechnet dort, wo Pfarrer Rudiger seine Kirchen als heilige Räume wiederentdeckt und ein neues Beichtzimmer in die Gebhardtskirche einbauen lässt, während in der evangelischen Petruskirche Mehrzwecksaal und Altarraum kaum zu trennen sind? Dort, wo Markus Engelhardt in der Petrusgemeinde als überzeugter Protestant ein Mann des Wortes ist, dessen Predigten wegen ihrer Inhalte ebenso geschätzt wie wegen ihrer Länge bisweilen gefürchtet werden? Dort, wo Schwarzwälders Gemeinde Muslime zum Abendmahl bittet und Zeller-Schock manchmal auch Ungläubige, während Rudiger nicht einmal andere Christen einladen darf?

Einmal war Rudiger beim Pfarrer-Ehepaar Schock zu Gast. Als die Uhr um 23 Uhr anschlug, schreckte Rudiger auf: "Mein Gott, die ewige Anbetung." Der Katholik ließ den Wein stehen, die Gastgeber sitzen und eilte in die Kirche. Sabine Zeller-Schock erzählte dies fasziniert beim 50. Geburtstag der Bruder-Klaus-Pfarrei. Als Geschenk brachte sie Material aus der Kinderarbeit ihrer Gemeinde mit. Nun gibt es in der katholischen Bibelstunde evangelische Bücher.

Schwarzwälder sagt: "Das ist Zusammenleben in versöhnter Vielfalt." Rudiger spricht von der Liebe, mit der die Verschiedenheit in Respekt angenommen werde: "Es kann auch zu heftigen Diskussionen kommen, die Freundschaft wird dadurch nicht erschüttert." Für Engelhardt bleibt "Schmerzliches, das ausgehalten werden muss". Doch bei Spagetti und Kaffee klingt manches weniger dramatisch als in der Theologievorlesung. Eher zur Unterhaltung trägt am Mittagstisch bei, wenn Katholik Stolle erzählt, wie er bei einem ökumenischen Schulgottesdienst in der Pauluskirche aus der Luther-Bibel predigte, weil er in der Kirche keine andere Bibelausgabe fand.

Die Alltagssorgen der Profi-Christen vom Mittagstisch sind andere als Lehrstreitigkeiten über Bibelausgaben. 6800 evangelische und 10000 katholische Christen gibt es in Petershausen. Die katholischen Gemeinden sind in einer Seelsorgeeinheit verschmolzen. Rudiger hat noch Geld, um die Kirchen neu anzustreichen, aber der Personalplan ist eng. Bei den Protestanten wollen sie Gebäude verkaufen, auch wenn noch zwei Pfarrstellen da sind. Petrus und Paulus stehen vor einer Fusion.

Die großen Einheiten stellen evangelische und katholische Pfarrer vor ähnliche Probleme: Viele Menschen in den Villen des Musikerviertels haben mit den Bewohnern der Mietshausblöcke der Markgrafenstraße nichts gemeinsam - außer ihrem Glauben, wenn sie denn noch einen haben.

"Das ist typisch Kirche", sagt Zeller-Schock, "wir können uns nicht nur in eigenen Biotopen bewegen." Und so wird die Ökumene Programm für Stadtteil wie Kirchen. Rudiger sagt, die gemeinsame Arbeit der Pfarrer habe "große Zeichenwirkung". Schwarzwälder ist überzeugt, als Respektsperson könnten sie Vorbild sein. Engelhardt sieht in der Ökumene "keine Kür, sondern eine Pflicht, die mit dem Zentralsten unseres Christseins zu tun hat." Das klingt wie "Ökumene als Ernstfall". Wer immer das auch gesagt hat - in Peterhausen ist er eingetreten.

kn_fvb_kirche_rudiger.jpg
test
kn_fvb_kirche_rudiger.jpg
 
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln