Mein

Millionen Euros machen den Kopf frei

knx_kn_fvb_exzellenz_haupttext.jpg
knx_kn_fvb_exzellenz_haupttext.jpg

Keine Sprechstunde, kein Seminar, nur lesen, schreiben und forschen: Die Professorin für mittelalterliche Literatur Mireille Schnyder profitiert an der Universität Konstanz als erste von neuen Privilegien für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Auch ihre Kollegen können sich bald bis zu einem Jahr aus dem üblichen Hochschulbetrieb verabschieden, um etwa ein dickes Buch zu schreiben. Selbst Gästen von auswärts möchten die Konstanzer drei bis zwölf Monate Auszeit spendieren, damit diese zum Beispiel letzte Kapitel einer mit Spannung erwarteten Habilitation bearbeiten. Die seltene Möglichkeit, sich ungestört einem Thema zu widmen, verdanken die Geistes- und Sozialwissenschaftler am Bodensee dem Elite-Wettbewerb für die deutschen Universitäten.

Seit die Elite-Gutachter vergangenen Oktober das Konstanzer Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" bewilligten, erleben die Konstanzer Forscher, dass man sich Freiheit doch kaufen kann. Fünf Millionen Euro für fünf Jahre haben sie bekommen. Cluster-Sprecher Professor Rudolf Schlögl organisiert seither Strukturen für "Wissenschaft in dieser Dimension". Doch trotz 15 beteiligter Kollegen aus fünf Fachbereichen hat selbst Schlögl nun mehr Zeit für Wissenschaft als früher. Dank des Geldsegens erließ ihm die Universität die Hälfte seiner bisherigen Vorlesungen. "Nun kann ich wieder forschen", sagt der Historiker.

Das Vorlesungsverzeichnis wird dennoch dicker. Vom Clustergeld bezahlen die Konstanzer vier neue Professuren - für kleine Fächer, die anderswo um ihr Überleben kämpfen: Religions- und Wissenschaftsgeschichte, Ethnologie und Kulturtheorie. Drei der neuen Kollegen beginnen im Oktober. "Wir besetzen Stellen, anderswo redet man darüber, wie man Stellen streicht", sagt Schlögl. Demnächst wird die Universität ihre Grundordnung ändern, um dem Cluster Sitz und Stimme in den Gremien zu verschaffen. Schlögl sagt: "Unsere Organisationsphase ist abgeschlossen, im Winter geht es richtig los."

Es ist ein Gefühl des Aufbruchs, das Geistes- und Sozialforscher kaum noch kennen. Unter 17 bewilligten Exzellenzclustern war das Konstanzer im vergangenen Oktober das einzige geisteswissenschaftliche. Doch Schlögl hält nichts von der verbreiteten Kritik, solche Verbünde passten besser zu teamerfahrenen Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. "Das Cluster ist die flexibelste und beste Förderstruktur, die wir bislang haben", sagt Schlögl. Er zieht einen Antrag für einen Sonderforschungsbereich aus dem Regal und hält das 150 Seiten starke Clusterkonzept daneben. "Der Clusterantrag ist vier mal so dünn und bringt vier mal so viel Geld", sagt Schlögl. Den oft befürchteten Tod des Einzelforschers mag er nicht bestätigen. "Wir fördern Individualforschung im Verbund", sagt Schlögl. Christopher Möllmann, Leiter eines Teams von fünf Koordinatoren für das Cluster, sagt: "Hier wird niemand kollektiviert." Möllmann und seine vier Kollegen sind Teil einer Organisation, die Forschern Zeit und Freiräume verschaffen soll. Die eigens eingestellten Koordinatoren kümmern sich um Doktoranden, Auslandskontakte und Öffentlichkeitsarbeit. Die Stelle der Uni-Referentin für Gleichstellung wurde für das Cluster von Teil- auf Vollzeit aufgestockt. In der Verwaltung bearbeitet eine Angestellte den lästigen Papierkram. Auf dem Campus wächst ein Exzellenz-Neubau in die Höhe. Die Kosten von 3,3 Millionen Euro hat das Land vorgeschossen, die Universität stottert sie ab.

Die Vergabe der Forschungsgelder liegt weiter allein in der Hand der Wissenschaftler: Wer etwas vom Geld abhaben will, muss allerdings sein stilles Kämmerlein verlassen und sich dem Wettbewerb unter Kollegen stellen. Bislang bewilligte die Vollversammlung der 16 Cluster-Professoren eine Million Euro. Damit kam nur jeder Dritte von 98 Anträgen der beteiligten Fächern durch. Doch dank der Millionen konnte auch das Erstellen der Anträge bezuschusst werden. Bedingung für die Teilnahme von Forschern eines Faches an der hochschulinternen Ausschreibung: Wenn ihr Fach eine frei werdende Professur wieder vergibt, muss sie dabei das Cluster-Thema berücksichtigen. Neben einzelnen Projekten und vier neuen Professuren gibt es im Cluster Nachwuchs- und Doktorandengruppen und jenes Kulturwissenschaftliche Kolleg, in dem Forscher Zeit zum Schreiben finden sollen. Ab Jahresende werden die freigestellten Forscher in einer alten Villa am Konstanzer Seerhein residieren; die Stadt überlasst sie günstig.

Einzige Auflage an eingeladene Schreiber sei, dass ihr Werk dort fertig werde, sagt Schlögl. "Wir sind sehr ergebnisorientiert." Das einzige Cluster aus der Geisteswissenschaft steht unter Beobachtung, spüren die Konstanzer. Schlögl weiß, am Ende zählen nicht schöne Organigramme, sondern Erkenntnisse in den Forschungsfeldern Identitätskultur, Kulturdynamik von Religion, Erzähltheorie und transkulturelle Hierarchien. Doch Geld und das gestärkte Image locken kluge Köpfe an: Für zehn Doktorandenstellen gab es 90 Bewerber. Die Auswahl neuer Mitarbeiter ist ein Dauerjob. Koordinator Möllmann beschreibt den Unterschied ähnlich geförderten Naturforschern: "Techniker haben schon mit einem großen Gerät viel Geld ausgegeben, wir müssen helle Köpfe kriegen - das ist schwerer."

An der eigenen Universität werden Schlögl und die anderen Antragsautoren beklatscht. Mancher Kollege eines anderen Fachs schaut aber auch mit bangem Blick auf das Ende der Förderung: Neubau, manches Projekt und die zusätzlichen Professuren müssen dann aus eigener Kasse bezahlt werden. Die Universität hat sich verpflichtet, die neuen Stellen nicht auf den Bestand anzurechnen. Schlögl spricht vom Netto-Gewinn. Der Hochschule sei bei dem Beschluss klar gewesen, "dass irgendwann innerhalb der Universität umgeschichtet werden muss."

Das sorgt für Reibung. Schlögl hat darum Rektorat und Kollegen anderer Fächer gern beraten, als sie drei weitere Anträge für den zweite Elite-Entscheid in diesem Oktober ausformulierten. Diesmal will die Universität insgesamt den Elite-Titel erringen. Ein neuer Millionen-Segen würde die interne Konkurrenz zwischen den Fächern entschärfen, sagt Schlögl. "Alles würde viel einfacher." Den aktuellen Blick auf das Cluster beschreibt Schlögl knapp: "Man wird beneidet."

kn_Thema_4C.eps.jpg
kn_Thema_4C.eps.jpg
knx_kn_fvb_exzellenz_schl.jpg
knx_kn_fvb_exzellenz_schl.jpg

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren