Konstanz Mainau beleuchtet auch ihre dunklen Seiten

Während des Krieges war die Mainau an den NS-Staat verpachtet, nach 1945 starben auf der Insel 33 ehemalige KZ-Häftlinge: Die dunklen Seiten der Insel-Geschichte sind lange bekannt. Jetzt will die Familie Bernadotte auch die weniger idyllischen Aspekte aufarbeiten – nachdem es öffentlichen Druck gab.

Ein Blumenmer bis weit in den Herbst hinein, aber auch ein Ort der Zeitgeschichte mit all ihren Verwerfungen: die Insel Mainau.
Ein Blumenmer bis weit in den Herbst hinein, aber auch ein Ort der Zeitgeschichte mit all ihren Verwerfungen: die Insel Mainau. | Bild: Jörg-Peter Rau

Die Insel Mainau steigt in die Aufarbeitung ihrer Geschichte in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein. Die gräfliche Familie Bernadotte lässt untersuchen, welche Rolle die Insel in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegsjahre gespielt hat. Eine Kommission soll sich mit Forschung, Auswertung und Veröffentlichung der Erkenntnisse beschäftigen. Am Ende sollen, so Insel-Sprecher Florian Heitzmann, auch in der Außendarstellung der Mainau die zeitgeschichtlichen Bezüge umfassend dargestellt werden. Denkbar ist offenbar auch ein Erinnerungsort für die 33 Franzosen, die aus dem Konzentrationslager Dachau befreit, für ihre Genesung auf die Mainau gebracht wurden und dann doch auf der Insel starben.

Mit dem Entschluss der Familie Bernadotte, eine Kommission aus drei ausgewiesenen und renommierten Kennern der Konstanzer Geschichte zur Klärung der Fragen einzusetzen, geht sie auf eine vor über einem Jahr erhobene Forderung ein. Unter anderem der Historiker Arnulf Moser hatte vor einem Jahr vorgeschlagen, die Mainau solle die Vorgänge in den Jahren 1933 bis 1946 publik machen.

Neu sind die Fakten nicht: Moser selbst hatte in seinem 1995 erschienenen Band „Die andere Mainau 1945“ dargelegt, dass Graf Lennart Bernadotte seine Insel während der Kriegsjahre gegen Bezahlung an die „Organisation Todt“ verpachtet hatte. Der bautechnische Arm des NS-Rüstungsministeriums sollte auf der Mainau ein Erholungsheim für Militärs und Rüstungsindustrielle einrichten.

Auch die Deutsch-Französische Vereinigung (DFV), die sich der Forderung nach Aufarbeitung anschließt, beleuchtete die Vorgänge nach 1945. Aus dem befreiten KZ Dachau wurden mehrere tausend ehemalige französische Insassen auf die Mainau, nun in der französischen Besatzungszone gelegen, gebracht. Sie sollten sich von schweren Krankheiten erholen. 33 von ihnen starben auf der Insel, ihre Überreste wurden 1946 exhumiert, auf dem Konstanzer Friedhof erneut beigesetzt und schließlich nach Frankreich überführt. Die DFV hat angeboten, an der Aufklärung und Schaffung eines Erinnerungsorts beizutragen, und verweist dabei auch auf die Errichtung der Gedenkstele für die 1940 nach Gurs deportierten Konstanzer Juden.

Nachdem die DFV ihre Forderung öffentlich gemacht hatte, reagierte auch die Mainau mit einer Presseerklärung. Am gestrigen Donnerstagabend teilte sie mit: „Weil die Darstellung vor allem einiger zeitgeschichtlicher Abschnitte der Inselgeschichte bis heute lückenhaft ist, wird die Mainau die jüngere Geschichte der Insel in den kommenden Monaten eingehend aufarbeiten, zusammenstellen und später in einem geeigneten Konzept den Besucherinnen und Besuchern der Insel näher bringen und auch auf der Homepage präsentieren.“ Eine Erinnerungstafel an den zeitweiligen Friedhof könnte ein weiteres Ergebnis der Arbeit sein.

Unterstützer gewinnt die Idee derzeit in großer Zahl. Der offene Brief der DFV an die Mainau trug am Donnerstagabend schon knapp 70 Unterstützer-Unterschriften. Unterschrieben hatten da bereits mehrere bedeutende Kenner der Regionalgeschichte sowie Stadträte aus allen Fraktionen außer der FDP und der CDU. Ob das Ergebnis ihren Vorstellungen entspricht, dürfte sich erst in einigen Monaten erweisen.

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