Mein

Konstanz Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke: Was Literatur mit Terror zu tun hat

Albrecht Koschorke und Konstantin Kaminskij untersuchen an der Universität Konstanz das literarische Werk von Gewaltherrschern. Am Dienstag, 11. Oktober, sind sie bei SÜDKURIER-Redaktionsleiter Jörg-Peter Rau in der Reihe „Ausgesprochen: Wissenschaft“ zu Gast und berichten über ihre Arbeit.

Stalin hat Gedichte geschrieben. Hitler hat „Mein Kampf“ verfasst. Gaddafi das Grüne und Mao Zedong das Rote Buch. Von Radovan Karad~ic gibt es zahlreiche Gedichte, Saddam Hussein hat Romane hinterlassen. Viele Gewaltherrscher haben geschrieben, und das, sagt Albrecht Koschorke, ist doch zunächst einmal ein „merkwürdiger Befund.“ So fängt die Wissenschaft für den Professor an der Uni Konstanz an: Warum und was haben moderne Diktatoren geschrieben? Welche Welt haben sie konstruiert und welche Rolle spielt diese Welt für ihre spätere Machtausübung? Kann man Verbindungen ziehen zwischen der Literatur und der Politik? Und wenn ja: Wie?

Die Fragen, die der vielfach preisgekrönte Literaturwissenschaftler aufwirft, führen ins Herz seiner Arbeit und parallel zugleich an die Ränder mehrerer Disziplinen. Der Blick des Politologen und des Literaturwissenschaftlers müssen zusammenfinden, wenn es um das Zusammentreffen von Terror und Fiktion geht. Die Texte müssen für sich gelesen, als große, einen Machtanspruch begründende Grund-Werke verstanden und zugleich im Licht ihrer politischen Wirkung betrachtet werden. Und es gilt, Tabus zu brechen, wie Koschorke selbst sagt. Dass das lyrische Ich und der tatsächliche Autor voneinander zu trennen sind, ist Schulwissen – doch dass man damit in seiner aktuellen Forschungsfrage weiterkommt, das stellt Koschorke zur Diskussion.

So lässt sich die Arbeit von Albrecht Koschorke und seines Mitarbeiters Konstantin Kaminskij – eben haben sie ein viel beachtetes Buch zum Thema herausgebracht – am besten durch Fragen eingrenzen. Endgültige Antworten können die beiden Wissenschaftler nicht geben. Doch wenn Koschorke fragt, ob ein Diktator ein Privatmann sein kann, dann schwingt bereits ein Gedanke mit: Wahrscheinlich eher nicht. Denn Dichten und Herrschen hängen bei Hitler oder Stalin, bei Mao oder Gaddafi zusammen, so die These der beiden: Auf der einen Seite schaffen diese Autoren in ihren literarischen Werken eine Welt, auf der anderen Seite schaffen sie politische Fakten. Und beides hat miteinander zu tun.

Koschorke und Kaminskij versuchen, die Vielfalt zu ordnen und eine Struktur zu finden. Was geschrieben wird, wie es geschrieben ist, wie sich das in eine Biographie einordnet, wie es wirkt und warum es mächtig wird: Diese Fragen stellen sich viele Literaturwissenschaftler. Nur dass deren Schriftsteller meist keine Terrorregimes aufbauen.

Dabei gibt es gute Gründe, warum Despoten dichten: Sie sind zunächst nicht politisch legitimiert und kommen auch nicht aus den bisherigen Führungseliten eines Landes, sagt Kaminskij.

Sie brauchen einen eigenen theoretischen Unterbau, und sei er noch so willkürlich und abstrus: Mit Gewalt wird das Volk dann schon auf dieses Fundament gepresst, „Bücher werden zu einem vereinenden Element in einer Machtstruktur“, erklärt Koschorke, eine Art Glaubenssystem, das Regimes eine wie auch immer geartete Berechtigung verleiht. Und es werden Legenden geschaffen, die zuletzt jeder kennt.

Dass der staatlich durchgesetzte Kult um die großen Bücher der großen Führer bisweilen absurde Züge abnimmt, legt Kaminskij etwa am Beispiel Turkmenistan dar. In dem zu Sowjetzeiten der Religiosität weithin beraubten Land müssen Menschen, die einen Führerschein wollen, auf den Koran schwören und die Ruhnama beherrschen, das Buch von Saparmyrat Nyýazow, der sich als Türkmenbasy vergöttern ließ. In Libyen waren bis zur Revolution Kenntnisse des Grünen Buchs Pflicht; wer Gaddafis „Dritte Universaltheorie“ nicht erklären konnte, hatte ein Problem. Im Umkehrschluss stellt sich die Frage, ob die Gedichte Karad~ics eine Rolle spielen beim Prozess gegen den späteren brutalen Präsidenten der Serbischen Republik vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal.

Als Literaten, sagen die beiden Konstanzer Wissenschaftler, wollten die späteren Despoten, Diktatoren, Terroristen die Welt zunächst mit Worten verändern. Später gründeten sie auch auf diese Worte ihren Machtanspruch. Und sie wussten, dass es viele andere gab, wie sie es einst waren: schreibende Dissidenten wie Vaclav Havel in der damaligen Tschechoslowakei oder intellektuelle Oppositionelle in Ägypten. Gerade weil sie diese Mechanismen aus eigener Anschauung so genau kannten, hatten sie Angst vor Geschichte, die erfunden wird, indem Geschichten aufgeschrieben werden. „Gesellschaften in Ausnahmezuständen sind empfänglich für diese besondere Art von Literatur“, meint Koschorke. Und auf eine Frage, die er aufwirft, hat er doch gleich eine Antwort: „Wie viel Macht geht von Literatur überhaupt aus?“ Albrecht Koschorke sagt: „Es hat gute Gründe, warum unangepasste Schriftsteller in totalitären Systemen mit als erste verfolgt werden.“ Von Machthabern, die einst selbst unangepasste Werke schrieben.


Albrecht Koschorke, Konstantin Kaminskij, ihre Forschung und „Ausgesprochen: Wissenschaft“
Zehn Abende mit zehn spannenden Gästen

Sichern Sie sich jetzt SÜDKURIER Digital und erhalten Sie dazu das iPad Air 2. Sie erhalten damit die Digitale Zeitung und Zugang zu allen Inhalten bei SÜDKURIER Online.
Mehr zum Thema
Ausgesprochen: Wissenschaft: „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ist ein gemeinsames Angebot von SÜDKURIER, Universität und HTWG Konstanz. In einem dreiviertelstündigen Dialog erklären Spitzenforscher aus den Hochschulen der Stadt allgemeinverständlich, woran sie arbeiten.
Exklusive Bodenseeweine
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017