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30.06.2012  |  von  |  0 Kommentare

Konstanz Lieber Neustart als Frührente

Konstanz -  Noch einmal einen neuen beruflichen Anfang wagen, wenn andere schon die Jahre bis zur Rente zu zählen beginnen. Dieser Schritt kann unter anderem wirtschaftlich bedingt sein, wenn die bisherige Tätigkeit in die Arbeitslosigkeit gemündet ist.

Sabine Hübschle (sitzend) war bereits über 50 Jahre alt, als sie sich mit einer Ausbildung zur Friseurin einen Jugendtraum erfüllte. Das Besondere an der Situation: Die Ausbilderin, die ihr aufmerksam über die Schulter schaut, ist ihre 24-jährige Tochter Ramona. Gemeinsam betreuen sie ihre Kundin Lucy Schmid.  Bild: Buchholz



Speziell Frauen starten andererseits noch einmal durch, wenn die Familienphase hinter ihnen liegt. So, wie es beispielsweise Sabine Hübschle getan hat. Nur, dass sie so früh Ehefrau und Mutter geworden ist, dass sie noch nicht einmal ihre erste Ausbildung abgeschlossen hat. Nun, mit 52 Jahren, absolviert sie in Stockach-Zizenhausen eine Lehre, offiziell Umschulung genannt, als Friseurin – das Besondere: Ihre Meisterin heißt auch Hübschle, mit Vornamen Ramona, und ist ihre 24-jährige Tochter.

Das Leben hat für Sabine Hübschle einige Rückschläge bereitgehalten. Im Jahr 2000 starb ihr Ehemann an einer schweren Krankheit. Auch ihr neuer Partner, den sie einige Jahre später kennenlernte, starb. Und dann wurde ihre Mutter pflegebedürftig, Sabine Hübschle betreute auch sie bis zu ihrem Tod. Als die Orsingerin ihrem Leben eine Wende geben wollte, dachte sie zunächst daran, etwas Positives aus diesen Erfahrungen zu ziehen und eine Ausbildung in der Altenpflege zu machen. Doch mit guten Argumenten wurde sie davon abgebracht.

Da kam es wie gerufen, dass es im neuen Friseurgeschäft ihrer Tochter Ramona einen personellen Engpass gab. Die zielstrebige 24-Jährige hatte direkt nach der Ausbildung den Meisterbrief gemacht und schlug ihrer Mutter vor, bei ihr in die Lehre zu gehen. Offensichtlich klappt der spezielle Spagat zwischen Familie und Beruf ganz gut, denn das Private bleibt während des Arbeitstages außen vor. „Wenn ich abends nach Hause komme, rufe ich erstmal Ramona an und wir besprechen unsere persönlichen Dinge. Den Tag über haben wir dazu keine Zeit, und vor den Kunden hat das auch nichts zu suchen“, sagt Sabine Hübschle.

Das Privatleben leidet jedoch etwas unter der neuen Situation. Für Freunde und Bekannte hat die gebürtige Konstanzerin nur wenig Zeit. „Ich hätte nie erwartet, einen Notendurchschnitt von 1,5 zu haben. Aber ich muss auch viel dafür lernen“, erzählt sie. Der Kontakt zu den Mitschülern hat wegen des Mangels an Zeit und wegen der Entfernung zwischen den Wohnorten kaum private Aspekte. „Am Anfang haben mich meine Mitschüler sowieso für die Lehrerin gehalten“, schmunzelt Sabine Hübschle, die sich mit der Ausbildung einen Jugendtraum erfüllt.

Während Sabine Hübschle aus eigenem Antrieb und einer gewissen existenziellen Sicherheit heraus ihre Ausbildung begonnen hat, kommen andere Umschüler aus der Arbeitslosigkeit. Als aktuelle Beispiele nennt Klaus Schramm, Leiter der Agentur für Arbeit in Singen, die von der Schlecker-Pleite betroffenen Verkäuferinnen. Er selbst sei bei drei Informationsgesprächen zur beruflichen Zukunft der von Kündigung bedrohten Frauen dabei gewesen und vom Tatendrang der Frauen begeistert, sagt Schramm. Beispielsweise wollen Betroffene jetzt eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau absolvieren und hadern damit, dass eine Transfergesellschaft nicht zustande gekommen ist. „Eine solche Ausbildung können sie auch mit uns bekommen, da braucht es nicht unbedingt eine Transfergesellschaft“, verspricht Klaus Schramm in solchen Momenten.

Die Motivation, mit der selbst die engagiertesten Umschüler zu Werke gehen, kann auch Dämpfer erhalten. Eine Umschülerin, die ungenannt bleiben möchte, berichtet von einem zunehmend schlechten Verhältnis zu ihrem Chef. Während sie mit den Mitschülern und Lehrern an der Berufsschule gut zurechtkomme, sei das Klima im Betrieb teilweise schwierig. „Manche Kollegen übertragen negative Erfahrungen aus ihrer eigenen Ausbildungszeit auf die neuen Azubis“, hat die Frau beobachtet. Von einer jungen Fachkraft, die die eigene Tochter sein könnte, zum Brötchen holen geschickt zu werden, sei nur eine Verhaltensweise, die auch als Schikane empfunden werden kann.

Wenn die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist, sollte man sich nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Bei Problemen mit dem Chef kommen die Umschüler häufig zu ihrem Arbeitsvermittler“, weiß Klaus Schramm. „Dann sind sowohl der zuständige Arbeitsvermittler, noch mehr jedoch die zuständige Kammer gefordert.“

Eine andere Umschülerin kritisiert wiederum den regulierenden Einfluss der Agentur für Arbeit bei der Wahl des Ausbildungsberufs (siehe Text unten). Sie wäre auch gerne umgezogen, um ihren Traumberuf ergreifen zu können.

Bei den Berufsschulen und Kammern genießen die späten Umschüler und deren Verhältnis zu den jungen Kollegen einen guten Ruf. Mangelnde Übung in schulischem Lernen machen sie durch disziplinierte Arbeit wett. Und wenn Lehrer oder Dozenten die persönliche Reife der Älteren loben und die jugendliche Unbekümmertheit ihrer Mitschüler mit leicht tadelndem Unterton dagegen halten, fühlen sich die Jungen kaum auf den Schlips getreten. „Ist schon richtig“, stimmen sie gelassen zu.

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