Konstanz/Kreuzlingen Kreuzlingen wird zum neuen "Vorort" von Konstanz
Kreuzlingen wird zu einer Art Vorort von Konstanz, sagt Michael Hermann. Bild: Bild: Rindt
Die Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen wird noch deutscher werden und ihr Zentrum langfristig gar an Konstanz abgeben müssen, davon geht Michael Hermann aus. Der Mann gehört zu den einflussreichsten Politikexperten der Schweiz. Die Arbeitsgemeinschaft Migration hatte ihn nach Kreuzlingen geholt zur Generaldebatte über den hohen Ausländeranteil. In Kreuzlingen hat inzwischen mehr als 50 Prozent der Einwohner keinen Schweizer Pass.
Hermann stellte eine Studie vor, die im Auftrag der Zürcher Kantonalbank entstanden ist. Sie zeigt, wie sich die Migrantenströme verändern. Die Einwanderung von Arbeitern aus Südeuropa nimmt demnach ab. Die neuen Zuwanderer sind hochqualifiziert und kommen aus dem deutschen und englischen Sprachraum. Die Schweiz profitiere von ihnen. „Ohne Zuwanderung würde in der Schweiz nichts laufen.“
In die großen Zentren wie Zürich ziehe vor allem die internationale Elite, sie bringe Englisch als dominierende Sprache mit. Die Entwicklung in Kreuzlingen und Region werde anders verlaufen. Hermann sieht vor allem eine enorme Zuwanderung von Angehörigen der Mittelschicht aus Südbaden in den Thurgau. Der Kanton habe zwei Städte mit Magnetfunktion: Winterthur und Konstanz. Der verstärkte Zug zur Stadt werde zwar auch Kreuzlingen zum Boom verhelfen, dennoch werde es an eigener Zentralität verlieren.
Das Zentrum werde sich nach Konstanz verschieben. Kreuzlingen werde gleichsam zum Vorort der Nachbarstadt. Gemeinsam hätten die Städte aber das Potenzial, zum Hauptzentrum der Ostschweiz aufzusteigen. Die Entwicklung werde mit einem enormen Druck auf den Immobilien- und Bodenmarkt einhergehen. Denn es würden nicht nur mehr Einwanderer kommen, sie würden auch deutlich mehr Wohnraum beanspruchen als die früheren Migranten. Die Stadtteile würden sich wandeln, Brennpunkte verschwinden.
Kreuzlinger Bürger reagierten auf die Ausführungen mit der Sorge, der Normalverdiener werde langfristig keine Chancen mehr auf dem Kreuzlinger Wohnungsmarkt haben. Andere fragten, ob das Schweizerdeutsch bei einer solchen Entwicklung noch eine Zukunft habe. Auf die Frage eines Besuchers, wie sich die Arbeitsplätze in Kreuzlingen entwickeln, wenn die Stadt nur noch als Teil von Konstanz wahrgenommen werde, sagte Hermann: Auch Nebenzentren könnten vielfältige Funktionen erfüllen.
Bürger sehen einige Möglichkeiten, das Zusammenleben mit Ausländern weiter zu verbessern. In Arbeitsgruppen forderten sie das kommunale Wahlrecht für Zuwanderer und eine Stadtplanung, die einer Ghettobildung vorbeugt. Keine andere Stadt in der Schweiz habe eine solche Kompetenz, mit einem so hohen Ausländeranteil umzugehen, sagte Hermann zu den rund 100 Gästen. Es handle sich um eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft. Wie als Vorgriff auf die künftigen Zeiten hatten die Veranstalter gefordert, die Diskussion auf Hochdeutsch zu führen, nicht etwa auf Schweizerdeutsch.

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