Konstanz (hey) Mit gängigen Vorurteilen über seelische und körperliche Krankheiten in unserer Gesellschaft räumten die Krankenseelsorger aus Konstanz radikal auf: bei einem Vortragsabend mit dem Thema "Gesundheit - höchstes Gut?". Die Veranstaltung mit den Pfarrern Andreas Kluger (katholische Kirche), Pfarrer Martin Egervari (evangelische Kirche), Gemeindediakonin Sabine Wendlandt vom Zentrum für Psychiatrie (evangelische Kirche), der ehemaligen Krankenhausseelsorgerin Eva-Maria Steiger (evangelische Kirche) sowie Altenseelsorgerin Monika Schmidt fand im Rahmen der Woche für das Leben in den Räumen der St. Suso Kirche statt.
"Gesundheit ist nicht das höchste Gut", darin waren sich alle Referenten einig. Denn auch kranke und behinderte Menschen sind lebens- und liebenswert. "Gesundheit gilt in unserer Gesellschaft als ein Gut, das uns zusteht. Viele Kranke müssen sich für ihre Krankheit auch noch rechtfertigen und haben offensichtlich etwas falsch gemacht", formulierte Eva-Maria Steiger provokativ. Ihrer Ansicht nach ist die menschliche Nähe und Wärme das Höchste, ohne das Menschen nicht leben könnten.
Einen ganz anderen Blickwinkel aus Sicht der Seelsorgerin in einer psychiatrischen Klinik ließ Sabine Wendlandt auf die interessierten Zuhörer einwirken. "Viele der Menschen mit Psychosen oder manisch-depressiven Phasen fühlen sich überhaupt nicht krank. Vielmehr sehen sie die anderen so und finden, dass die anderen ein Problem haben", berichtete sie aus ihrer Erfahrung. Leider seien gerade psychisch Kranke mit einem Stigma belegt, weil viele in der Bevölkerung damit nicht umgehen können und die Befürchtung hegen, sich dort "anstecken" zu können. Das führe zur Vereinsamung der Patienten, die sich über einen Besuch - auch von ehrenamtlichen Helfern - sehr freuen würden.
Dass auch ein Leben in einem Pflegeheim nicht wie in den Horrordarstellungen in den Medien sein muss, sondern auch mit viel Freude und gegenseitiger Hilfe verbunden sein kann, berichtete Monika Schmidt aus ihrem Berufsalltag in den Konstanzer Altenheimen. "Manche Demenzkranke kümmern sich umeinander, selbst eine Verlobung habe ich schon erlebt. Generell ist ein Leben nach einem Schlaganfall oder mit Demenz kein minderwertigeres als eines in Gesundheit", sagte sie. Und Pfarrer Andreas Kluger nahm mit seinen fröhlichen Schilderungen aus seinem Alltag im Krankenhaus die Angst vor der Berührung mit Kranken, die, so Kluger, auch unter Betäubung auf liebevolle Gesten reagieren würden.