Thilo Sarrazin spricht von einem "jüdischen Gen". Der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer stimmt ihm in diesem Punkt zu. Der SÜDKURIER spricht mit ihm über Sarrazins provokante Thesen.
Herr Professor Fischer, die Ideen von Thilo Sarrazin beschäftigen dieser Tage viele Deutsche. Viele stimmen ihm zu. Eine Behauptung lautet: Intelligenz ist vererbbar. Stimmt das?
So einfach geht es nicht. Das Problem ist dabei, dass man Intelligenz nicht sieht, wenn jemand auf die Welt kommt. Sie entwickelt sich erst langsam. Die Grundlage dafür sind die Gene, mehr nicht. Ob wir intelligent werden, hängt davon ab, wer uns hilft, welche Motive wir haben, welche Angebote wir bekommen.
Das ist ähnlich wie mit der Sprache. Auch damit werden wir nicht geboren, sondern müssen sie erst lernen. Je nachdem, wo ein Kind aufwächst, lernt es Englisch oder Deutsch. Je nach Region lernt es Bayerisch, Schwäbisch oder Badisch. Die Gene geben uns die Möglichkeit etwas zu lernen und zu werden. Diese Fähigkeit muss erst gefördert werden. Selbst wenn sie bombige Voraussetzungen haben und in einem Umfeld aufwachsen, wo ihnen keine Anregungen geboten werden, dann können sie ihre Intelligenz nicht entwickeln.
Sarrazin stellt weiter fest: Die gesamte Bevölkerung in diesem Land wird durch die Zuwanderer im Schnitt dümmer. Stimmt das denn?
Es ist schwierig, Dummheit zu messen. Da gibt es den IQ-Test, der aber sehr künstlich ist. Ich glaube nicht, dass Gene etwas von Intelligenztests wissen oder darauf angelegt sind.
Wozu dienen Gene dann?
Sie bereiten uns für das Überleben vor. Sie rüsten Organismen, um mit ihrer Hilfe in der Wüste zu überleben, im Dschungel, in einer Großstadt. Aber Intelligenz-Gene haben nichts mit einem Intelligenz-Test zu tun.
Was ist dann Intelligenz?
Das kann zum Beispiel heißen, dass man gut durchs Leben kommt. Oder dass man in einer schwierigen Situation überleben kann und zurechtkommt.
Dann ist die Frage nach den genetischen Grundlagen der Intelligenz eine dumme Frage.
Ja, sie ist dumm. Ich kenne intelligente Menschen, die nur unregelmäßig ein Buch lesen. Dann gibt es Zeitgenossen, die einen enormen IQ bescheinigt bekommen und ratlos vor einem Fahrkartenautomaten stehen. Wenn Sie denselben dann bitten, einen Kartoffelsalat zu machen, schaut er irritiert aus der Wäsche. Vielleicht ist die Zubereitung eines Kartoffelsalats der wahre IQ-Test, weil wir mit seiner Hilfe überleben.
Herr Sarrazin spricht von einem Juden-Gen. Gibt es das?
Ja, es gibt so etwas. Sarrazin meinte es nicht abschätzig, sondern positiv. Er meint damit, dass Juden eine spezifische Intelligenz entwickelt haben, die sich von anderen deutlich abhebt. Das verbreiten die jüdischen deutschen Gemeinden in ihrer Zeitung.
In welcher?
In der „Jüdischen Allgemeinen“, einer Wochenzeitung. Sie stützt sich auf eine Studie angesehener Wissenschaftler. Sehen sie, das Jüdisch-Sein ist auch biologisch definiert. Jemand ist jüdisch, wenn seine Mutter jüdisch ist. Schon in dieser Selbstbeschreibung des Jüdischen ist die genetische Ähnlichkeit enthalten.
Wie kann man das erklären?
Wenn eine Gruppe immer zusammenhält und sich innerhalb ihrer Grenzen vermehrt, dann wird sich innerhalb dieser Gemeinschaft eine andere Verteilung von Genen ergeben als in einer anderen Gemeinschaft. Wenn sich Gruppen bilden – das können religiöse oder soziale Gebilde sein – dann wird sich langfristig eine eigene Gen-Verteilung entwickeln. Das ist nicht auf Juden beschränkt, das können auch Westfalen sein oder Ostfriesen. Nur, wenn Sarrazin gesagt hätte, es gebe Ostfriesen-Gene, dann hätte niemand etwas dagegen gesagt. Er sprach dafür vom Juden-Gen, und das ist in Deutschland mit einem politischen Akzent versehen. Was er vielleicht wollte.
Sarrazins Theorie vom Juden-Gen ist demnach richtig?
Es gibt Genvarianten, die Hinweise auf Zugehörigkeit zu Juden geben. Das sagt die Wissenschaft. Nur folgt daraus nichts. Es ist nicht gesagt, dass es etwas bedeutet – im Sinne von gut oder schlecht.
Woran kann man das überprüfen?
Es gibt Krankheiten, die bevorzugt bei Juden auftreten. Eine heißt Tay-Sachs-Krankheit, die sich sehr früh in der Entwicklung eines Menschen abzeichnet. Sie kommt bei jüdischen Menschen auffällig häufig vor. So wie die Sichelzellen-Anämie bei dunkelhäutigen Menschen vermehrt diagnostiziert wird oder Hautkrebs bei Hellhäutigen. Jede Gruppe hat ihre Besonderheiten, die durch Genetik und Umweltbedingungen zustande kommt. Aber: Das sagt nur etwas über die Flexibilität des genetischen Materials aus, mehr nicht.
Thilo Sarrazin weist Türken bestimmte Muster zu: Mehr Kinder, weniger Grips. Ist das Rassismus?
Ich nenne es anders. Er will bestimmen, wie sich andere zu benehmen haben. Das ist menschenverachtend. So etwas schlägt leicht in Rassismus um.
Spricht man heute noch von Menschenrassen?
Das Wort klingt im Deutschen schnell verachtend, schon wegen der Vorgeschichte. Deshalb spricht man heute eher von Ethnien. Da gibt es zum Beispiel Westfalen und Schwaben. Nehmen wir an, die einen können die anderen nicht leiden. Nun gut, aber was haben wir davon? Es bringt ja nicht weiter, weil beide zusammenleben müssen.
Gibt es Rassismus schon lange?
Oh ja, den können wir seit der Antike nachweisen, mindestens. Wenn wir vom Altertum reden, dann denken wir nur an den weisen Platon und den guten Sokrates. Dabei hatten die Griechen bereits das Feindbild der Barbaren, die sie sich als Sklaven hielten. Das war so etwas wie ein Rassismus.
Wie erklären sie sich die Aufregung über Sarrazins Weltbild?
Es gibt Bürger, die sich bedroht fühlen von Muslimen. Dazu kommt, dass Migranten leicht zu erkennen sind. Viele tragen ein Kopftuch. Die Muslime bieten eine gute Gelegenheit, andere für unsere Sorgen und Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Herr Sarrazin erlaubt uns, es nicht gewesen zu sein. Manche spüren und erfahren, dass etwas nicht in Ordnung ist und sie wollen sich reinwaschen. Verantwortlich ist jemand oder etwas anderes: die Politiker, die Gene – oder die Muslime. Nur selbst ist man es nicht. Wir praktizieren gerne die Kunst, es nicht gewesen zu sein. Jetzt dürfen wir es.
Fragen von Uli Fricker
Was Sarrazin sagt
Dossier zu Sarrazin