Konstanz Konstanzer Pflegepersonal am Anschlag: "Muss erst ein Skandal passieren?"

Diskussion über komatöse Narren auf der Intensivstation hält an. Pflegepersonal wünscht sich mehr Wertschätzung.

Für riesigen Wirbel sorgte der SÜDKURIER-Artikel "Notruf aus der Konstanzer Intensivstation" vom 4. März. Ein Mitglied des Pflegepersonals der Intensivstation setzte einen Hilfeschrei ab. "Wir können nicht mehr, wir haben unsere Grenzen erreicht", sagte die Person, die namentlich nicht genannt werden möchte aus Furcht vor negativen Folgen. "Wir sollten schicksalhaft erkrankte Menschen pflegen und nicht Personen, die sich an Fasnacht vorsätzlich volllaufen lassen."

Der Eingangsbereich der Intensivstation im Konstanzer Klinikum. Rechts Notfallrucksäcke, Kardiologische Instrumente und Maschinen, die zur Reanimation von Patienten benötigt werden. Bilder: Oliver Hanser
Der Eingangsbereich der Intensivstation im Konstanzer Klinikum. Rechts Notfallrucksäcke, Kardiologische Instrumente und Maschinen, die zur Reanimation von Patienten benötigt werden. Bilder: Oliver Hanser

Für jeden Volltrunkenen muss ein auf intensivmedizinische Pflege angewiesener Patient in eine andere Station verlegt werden. "Notfälle haben Priorität", sagt die Pflegeperson. Und so war sie am Schmotzigen Dunschtig primär mit Aufwischen von Erbrochenem oder anderen Körperflüssigkeiten sowie dem Hin- und Herorganisieren von Patienten beschäftigt. "So ein Zustand ist unerträglich." Seither hat sich eine Debatte entflammt, die sich um die Thematik Alkohol an Fasnacht, die medizinische Versorgung komatöser Narren und die Kosten dieser Behandlungen dreht.

 Stellungsnahme der Geschäftsführung 

Geschäftsführung und Pflegedienstleitung nehmen auf SÜDKURIER-Anfrage Stellung, wenn auch nicht direkt oder persönlich. Pressesprecherin Andrea Jagode spricht nach Rücksprache von einem Versorgungsauftrag des Hauses: "Wenn jemand komatös ist – egal aus welchem Grund, auch wenn der Grund Alkohol sein sollte – müssen wir uns um den Menschen kümmern. Menschen, die sich erbrechen, gehören im Klinikum zum Alltag dazu." Das käme nicht nur bei alkoholisierten Menschen, sondern bei vielen Krankheitsbildern vor.

Das Mitglied des Pflegepersonals schlug im SÜDKURIER-Artikel vor, Gewinner der Fasnacht an den Kosten zu beteiligen – sprich Kneipiers, Veranstalter oder die Stadt. "Mir war bewusst, dass das ein absurder Vorschlag ist", erzählt die Person. "Doch ich wollte nur, dass die Menschen sehen, mit welchen Problemen wir zu kämpfen haben." Der Person ist durchaus bewusst, "dass es keine einfachen Lösungen gibt. Selbst, wenn die Politik den Geldhahn aufdreht, würde es Jahre dauern".

Das größte Problem sei die personelle Unterversorgung auf den Stationen bundesweit: "Dadurch entsteht ein wahnsinniges Arbeitspensum und parallel dazu ist leider auch eine Geringschätzung unserer Arbeit zu verzeichnen."

Pflegedienstleitung und Geschäftsführung ist das Problem durchaus bekannt. Sie distanzieren sich jedoch vor dem Vorwurf, den Pflegern zu wenig Wertschätzung zu schenken. Grundsätzlich hätten wir in Deutschland ein Problem, was auch mit der älter werdenden Gesellschaft zu erklären sei, sagte Rainer Ott gegenüber dem SÜDKURIER vor wenigen Wochen. Außerdem hätte die Klinik die erschwerte Situation mit den Schweizern, die offensichtlich Geld hätten bis zum Abwinken. Er wüsste gar nicht, wie das funktioniere, wenn er höre, dass eine Pflegekraft dort mit 5600 Euro fast das Doppelte verdiene.

Geld jedoch sei laut der Pflegeperson nicht der ausschlaggebende Faktor. "Wir verdienen im Vergleich zu anderen Handwerkern gar nicht so schlecht". Empathie sei das Grundkapital einer Pflegekraft. "Im Grunde unseres Herzens sind wir konfliktscheu und möchten anderen Menschen helfen, sonst hätte wir uns diesen Beruf nicht ausgesucht", sagt sie. "Doch was hilft das, wenn einer nach dem anderen geht oder nach zehn Jahren aufgrund der Belastung eine Auszeit oder eine Therapie benötigt?"

Die nicht immer kostendeckenden Fallpauschalen für Krankheitsfälle, so genannte DRGs, sind ihrer Meinung nach verantwortlich für die Probleme im Bereich der Pflege. "Erst, wenn ein richtiger Skandal passiert oder ein Skandal aufgedeckt wird, wird sich in den Köpfen der Menschen etwas ändern", ist die Person überzeugt.

Sie bezeichnet den Beruf des Pflegers als Kunsthandwerk, "aber wir arbeiten am Menschen und müssen daher immer funktionieren. Der Klinikbetrieb muss immer auf Hochtouren laufen. Andere Handwerker können schnell mal streiken, das funktioniert bei uns leider nicht so einfach".

 

Klinik und Fasnacht

Zum Thema Fasnacht äußert sich die Klinikleitung wie folgt: "Im Haus ist ein Prozess bezüglich Umgang mit Erwachsenen und Kindern festgelegt und das funktioniert laut den Verantwortlichen vor Ort gut. Es gibt eine grundsätzliche Freigabe, dass die Stationen mehr Personal bekommen, wenn Bedarf ist." Im Bereich der Operativen Intensivmedizin/Anästhesie, also in dem Bereich, in der die Pflegerperson arbeitet, gibt es laut Chefarzt Wolfgang Krüger keine Notwendigkeit. 

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Das Klinikum Konstanz: Das Klinikum Konstanz besteht aus 13 Fachabteilungen, insgesamt sind dort rund 900 Mitarbeiter beschäftigt. Aktuelle Informationen und Hintergründe zum Klinikum finden Sie im SÜDKURIER-Themenpaket.
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