Mein

Konstanz Klinik-Allianzen: Chancen und Risiken

Konstanz und Singen kommen sich näher und können sich eine Zusammenarbeit auf Klinikumsebene vorstellen. Mit diesem Hintergrund hat der Gemeinderat die Verwaltung beauftragt, nicht nur mit Singen, sondern auch mit Friedrichshafen über mögliche Allianzen zu verhandeln. Doch welche Chancen und Gefahren stecken dahinter?

Konstanz – Oberbürgermeister Horst Frank hatte mit seinem Singener Amtskollegen Oliver Ehret schon Geheimgespräche geführt, bevor der Gemeinderat grünes Licht für Gespräche über mögliche Kooperationen gab. Zu den Treffen haben wohl die Nachrichten über die desaströse Finanzsituation in Singen geführt und der Konstanzer Wille, der Nachbarstadt beiseite zu stehen. Den dortigen HBH-Kliniken-Verbund drücken Schulden. Am Montagabend wurde bekannt, dass die Darlehen verlängert wurden und eine Insolvenz vorerst abgewendet ist (wir berichteten). Singen will sich von seinen vorrangig defizitären Reha-Bereichen am Hochrhein trennen. Private Betreiber stünden bereits Schlange, hieß es aus Singen. Weitere Umstrukturierungen sind geplant. Und auch das Konstanzer Klinikum schreibt im laufenden Betrieb rote Zahlen in Millionenhöhe. In den nächsten Jahren kommen zusätzlich noch Kosten für Neubauten hinzu.

Vorrangig geht es derzeit um zwei Themen in Konstanz: aus dem spitälischen Eigenbetrieb Klinikum eine GmbH zu machen und Gespräche mit Singen und Friedrichshafen zu führen.

Der Ist-Zustand Konstanz/Singen: Beide Kliniken haben in den vergangenen Jahren mit ausgefahrenen Ellenbogen eine Konkurrenzsituation aufrechterhalten. Zuletzt gab es unterschiedliche Auffassungen bei der Zukunft der Urologie. Diese Kooperation ging aus diversen Gründen in die Brüche, die Häuser bauten eigene Abteilungen auf. Aktuell gibt es zwischen Singen und Konstanz beim onkologischen Schwerpunkt noch eine Zusammenarbeit.

Der Ist-Zustand Konstanz und Friedrichshafen: Die Häuser gehen freundschaftlich miteinander um und kooperieren bereits beim Brust- sowie Lungenzentrum, bei der Tumorchirurgie, enge Kontakte pflegen die Kinderkliniken. Außerdem erhält Konstanz Patienten für die lukrative Abteilung Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Der Flirt mit Friedrichshafen ist heftiger geworden, seitdem der dortige Krankenhausgeschäftsführer Johannes Weindel dieses Jahr vorübergehend das Konstanzer Klinikum managte. Weindel hat einen tiefen Einblick in die Vor- und Nachteile des Hauses erhalten. Deshalb sind bereits Forderungen laut geworden, dass vor tiefer gehenden Verhandlungen mit Friedrichshafen auch Zahlen von dort auf den Tisch sollen.

Chancen: Für Konstanz und Singen könnte eine engere Zusammenarbeit große Chancen eröffnen, aus den roten Zahlen zu kommen. Synergieeffekte sollen bei den Gesprächen zwischen beiden Verwaltungsspitzen gesucht werden. Wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte, ist derzeit völlig offen, das betonte Oberbürgermeister Horst Frank in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Ein neutraler Moderator soll vermitteln. Sollte als Ergebnis eine große Kreislösung herauskommen – dann wohl ohne die defizitären HBH-Rehabereiche – wären alle Häuser im Landkreis ein starker Verbund gegen andere Regionen. Damit könnten sie den Kampf etwa gegen das Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen aufnehmen, das derzeit mit dem Landkreis Rottweil um eine Allianz verhandelt.

Sollte bei einer Kreislösung Konstanz auch noch Friedrichshafen, in welcher Konstellation auch immer, im Boot sein, würde im südlichen Baden-Württemberg ein medizinisch schier unschlagbares Kompetenzzentrum entstehen. Bislang geht es in den Gesprächen aber nur um eine mögliche Zusammenarbeit zwischen Konstanz und Friedrichshafen. Denn auch hier sehen die Verantwortlichen Einsparpotenziale. Durch eine gemeinsame Holding, erläuterte kürzlich der Konstanzer Klinik-Geschäftsführer Rainer Ott, könnten vor allem auf Verwaltungsebene Kosten gesenkt werden. Doch für diesen Schritt müsste sein Haus erst die Rechtsform GmbH erhalten. Dieser Umwandlungsprozess könnte im Januar abgeschlossen sein.

Risiken: Großes, bislang noch wenig beachtetes Risiko ist eine fehlende Kommunikation von Seiten der Politik vor allem mit den Chefärzten. In Konstanz haben sie laut SÜDKURIER-Informationen bereits beklagt, nicht in die Gespräche mit Singen einbezogen zu sein. An den Chefärzten beider Häuser liegt es letztendlich, medizinische Synergieeffekte auszuloten. Sie müssen später hinter möglichen wegweisenden Entscheidungen stehen und diese auch umsetzen.

Sollte der HBH-Verbund zerschlagen und seine Häuser privatisiert werden, müsste das Konstanzer Klinikum in öffentlicher Trägerschaft einen harten, für Beobachter aussichtslosen Kampf um die Patienten führen. Dann würde auch eine Kooperation mit Friedrichshafen vermutlich nur bedingt nützen. Wie lange Friedrichshafen eigenständig bleiben kann, ist ebenfalls ungewiss. Sollte sich das Haus etwa mit der Oberschwabenklinik in Ravensburg verbünden, steht Konstanz ebenfalls ein starker Verbund gegenüber. Bei einem vorherigen Zusammenschluss mit Friedrichshafen wäre Konstanz in diesem Fall nur untergeordneter Partner. In den nächsten Monaten wird sich schon entscheiden, in welche Richtung sich die drei Häuser entwickeln werden. Gesundheitsexperten warnen: Einzelne, öffentlich geführte Häuser könnten in Zukunft nicht bestehen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Besonderes vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Allensbach
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (1)
    Jetzt kommentieren
    Jetzt Newsletter anfordern:
    © SÜDKURIER GmbH 2017