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Konstanz Klar ist nur: Die fetten Jahre sind vorbei

08.03.2007
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Es scheint ein ganz normaler Mittwochmorgen zu sein im Konstanzer Industriegebiet beim Flugplatz. Vor der Firmenzentrale der Altana Pharma AG fahren Autos vor. Leute steigen ein und aus. An der Baustelle, wo eigentlich die neue Hauptverwaltung für die wichtigste Tochter eines deutschen Top-Unternehmens errichtet werden sollte, werkeln Arbeiter vor sich hin. Auffällige Limousinen mit dänischem Kennzeichen oder teure Leihwagen, die auf die Anwesenheit von Top-Managern des Nycomed-Konzerns - er hatte die Altana Pharma AG im Herbst übernommen - hinweisen könnten, sucht man vergeblich. Statt dessen kurven Lieferwagen vor der Pforte herum, an denen das Altana-Logo entfernt und bisher kein neues angebracht wurde.

Doch die Ruhe trügt. In den Büros des Unternehmens wird am Restrukturierungsplan gearbeitet, an dessen Ende Entlassungen in unbekannter Zahl stehen werden. Und es gibt eine Menge Menschen in Konstanz, die in diesen Tagen vor allem ein Thema umtreibt: Wie geht es weiter mit dem wichtigsten Arbeitgeber der Stadt?

Der Oberbürgermeister:

Zur Zukunft des Unternehmens will Horst Frank nichts Konkretes sagen, obwohl er über recht detaillierte Informationen verfügen müsste. Schlechte Nachrichten, so seine Strategie, sollen mit jenen nach Hause gehen, die sie verantworten. Horrorszenarien will er bewusst nicht an die Wand malen - auch, weil sie bei Altana möglicherweise so verstanden würden, als hätte sich der Rathaus-Chef schon auf magere Zeiten eingerichtet. Doch in seinem Tun orientiert er sich bereits an einer Zeit, in der Jobs und Steuereinnahmen fehlen. Ob in der Aufstockung der städtischen Wirtschaftsförderung oder beim wieder aufgenommenen Engagement für ein Kongresshaus am See: Wenn bei Altana die Krise so richtig beginnt, will er aus seiner Sicht sinnvolle Alternativen für die Stadt zumindest auf den Weg gebracht haben.

Der Stadtkämmerer:

Hartmut Rohloff, allgemein als Profi in Sachen Kommunalfinanzen anerkannt, ist noch schmallippiger, wenn es um das Thema geht. Er weiß, dass sich jede öffentliche Äußerung verbietet und hat darum auch die Gemeinderats-Debatte über die künftige Einnahmesituation der Stadt zu Jahresbeginn lieber nichtöffentlich geführt. Zudem gibt es das Steuergeheimnis, das allzu detaillierte Auskünfte unmöglich macht. Doch eine wichtige Entscheidung hat er bereits durchgebracht: Die fast neun Millionen Euro Überschuss im Konstanzer Budget aus dem Jahr 2006 werden nicht - was eigentlich dem Prinzip nachhaltigen Wirtschaftens entspräche - zur Tilgung der fast 25 Millionen Euro Stadt-Schulden eingesetzt. Rohloff rechnet also damit, dass er schon bald flüssige Mittel in erheblicher Höhe braucht, um Löcher zu stopfen und zugleich wenigstens ein bisschen investieren zu können.

Der Wirtschaftsexperte:

Peter Ludäscher, der Leiter der Wirtschaftsredaktion des SÜDKURIER, bestätigt die Gefahr von Einnahme-Ausfällen. Denn in Wirklichkeit hat Nycomed Altana nicht selbst aufgekauft, sondern Finanzinvestoren unter Führung von Nordic Capital. Heuschrecken, wobei Ludäscher darauf verweist, dass solche Unternehmen nicht automatisch böse sind. Er spricht von guten Erfahrungen etwa beim Friedrichshafener Motorenbauer MTU, wo kräftig investiert wird. Dennoch: Finanzinvestoren kaufen ein Unternehmen auf Kredit, die Zinsen dafür muss die Firma selbst erwirtschaften. Altana als bisher sehr ertragsstarkes Unternehmen schafft das möglicherweise gut. Doch Gewinn, der dann zu versteuern wäre, bleibt kaum mehr übrig.

Die Dänen:

Hakan Björklund, der Chef von Nycomed und damit oberster Boss auch in Konstanz und am ebenfalls wichtigen Produktionsstandort Singen, sagt gar nichts. Seit Jahresanfang, als er in einem Interview den Abbau von "mehr als 100 Stellen" angekündigt hat. Beobachter fragen sich, ob er selbst weiß, wohin die Reise gehen soll. Bei Altana wird offiziell darauf verwiesen, dass Konstanzer und Dänen derzeit gemeinsam an einem Zukunftskonzept für die Firma arbeiten. Entscheidungen sollen noch im Frühjahr fallen. Wie groß der Druck ist, den die Investoren im Hintergrund ausüben, sagt niemand. Klar ist aber, dass diese ihre Milliardeninvestition wieder hereinbekommen wollen.

Die Makler:

Wer derzeit eine Wohnung oder Büroraum sucht, bekommt gerne den Tipp, noch ein wenig Geduld zu haben. Teils ganz offen, teils auch versteckt, kommt dabei Altana ins Gespräch. "Bald gibt es Einfamilienhäuser zu kaufen, weil Forschungs-Mitarbeiter umziehen müssen oder ihre Kredite nicht mehr bedienen können", sagen sinngemäß mehrere ausgewiesene Branchenkenner. Dass Altana die Verträge für alle gemieteten Büros in der Stadt gekündigt habe, bestreitet Firmensprecherin Susanne Hof. Doch der Neubau habe durchaus das Ziel, alle Aktivitäten in der Byk-Gulden-Straße zu bündeln.

Die Mitarbeiter:

Wer einen Job bei Altana hat, sagt im Moment aus guten Grund öffentlich nichts. Doch Gespräche, wie sie im Seehas und anderswo geführt werden, ziehen dennoch ihre Kreise. Immer wieder wird dabei folgendes beklagt: Altana habe in den Boom-Jahren des Umsatzrenners Pantozol und als bereits absehbar war, dass die nachfolgend entwickelten Asthma-Mittel wie Alvesco weniger erfolgreich sein könnten, versäumt, auf neue Produkte zu setzen. Das hat auch das Altana-Management indirekt eingeräumt, verweist aber darauf, dass die Entwicklung eines neuen Medikaments mit hohen Risiken verbunden ist. Da nun die gesamte Pharmabranche von Zusammenschlüssen und Stellenabbau geprägt ist, sehen auch qualifizierte Mitarbeiter anders als noch vor zwei Jahren schlechte Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Zumal viele gute Leute Altana bereits verlassen hätten, wie immer wieder beklagt wird.

Der Betriebsrat:

Vorsitzender Rolf Benz kann Negativ-Schlagzeilen über das Unternehmen im Moment so wenig brauchen wie das Management. Zudem ist er in die Gespräche um die Zukunft auch als Mitglied des Aufsichtrats eingebunden. Mögliche Kompromisse will er derzeit nicht gefährden. Darum oder aus Mangel an Informationen hält sich auch die zuständige Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie auffällig zurück. Ganz anders ist dies im Fall der derzeit ebenfalls laufenden Fusion von Schering und Bayer in Berlin. IG-BCE-Vorsitzender Hubertus Schmoldt sagte dazu gerade gestern: "Jeder Tag der Unsicherheit bedeutet für die Beschäftigten zusätzlich Belastungen." Und: "Wir werden keine betriebsbedingten Kündigungen akzeptieren." Zu Altana in Konstanz und Singen hat er bisher geschwiegen.

Das Unternehmen:

Altana Pharma selbst verweist seit Monaten darauf, es seien noch keine Entscheidungen getroffen. Einzig einige Führungspositionen wurden neu besetzt, die Konzernzentrale wird nach Zürich verlegt. Unklarheit herrscht etwa darüber, an welcher Stelle die Forschung künftig ansetzen soll. Öffentlich mitgeteilt wurde die neue Strategie, dass künftig vermehrt Entwicklungen in einem relativ frühen Stadium aufgekauft werden sollen. Wie viel und welches Personal dafür benötigt wird, ist nach Altana-Angaben noch offen.

Das Gesamtbild:

Für Konstanz geht es um viel Geld. Einen zweistelligen Millionenbetrag hat die Stadtkasse in den vergangenen Jahren aus der Gewerbesteuer und aus der anteiligen Einkommensteuer der Altana-Mitarbeiter erhalten. Manche Einbuße kann durch den Finanzausgleich der Städte untereinander mittelfristig ausgeglichen werden. Für die Mitarbeiter dagegen geht es oft ums gesamte Familieneinkommen. Die Nervosität ist groß. Entsprechend heiß geht es in der Konstanzer Gerüchteküche zu, wo jeder von irgendwem irgendetwas erfahren haben will. Auf einen Nenner aber lassen sich all die teils schon bekannten, teils plausiblen und teils noch eher vagen Informationen und deren Verknüpfung bringen: Die fetten Jahre sind vorbei.

Byk Gulden

Konstanz hat eine lange Pharma- Tradition: Die 1873 in Berlin gegründete Firma Byk Gulden ist schon seit Jahrzehnten am Bodensee. Ab 1941 gehört das Unternehmen zur Akkumulatorenfabrik AFA und rückte damit in den Einflussbereich des Großindustriellen Dr. Günther Quandt. Ab 1976 bringt das blutdrucksenkende Mittel Ebrantil erhebliche Umsatz- und Gewinnsteigerungen. 2002 wird das Unternehmen in Altana Pharma AG umbenannt – unter dem Dach der börsennotierten Altana AG, einer Holdinggesellschaft für verschiedene Aktivitäten, zu denen zeitweise auch Chemie und Babynahrung (Milupa) gehören. Mehrheitlich gehörte das Unternehmen Quandts Familie.

Altana Pharma

Das Unternehmen ist vor allem mit seinem Magenmittel Pantozol (Wirkstoff: Pantoprazol) erfolgreich. Weit über die Hälfte des Umsatzes kommt zeitweise aus diesem einen Medikament. Zeitweise werden jährlich 400 neue Mitarbeiter eingestellt. Früh ist aber klar, dass nach Auslaufen des Patentschutzes 2009 in Europa und 2010 in den USA ein anderes Produkt benötigt wird, das diese Umsätze sichert. Die Hoffnungen ruhen vor allem auf Arznei für Asthmatiker. Hier allerdings geht die Entwicklung langsamer voran als erhofft. Das Atemwegsmedikament Alvesco hat die Umsatzerwartungen bisher bei weitem nicht erfüllt.

Nycomed

Als eine mögliche Krise bei Altana Pharma absehbar ist, verkauft Quandts Erbin Susanne Klatten ihre Anteile an die dänische Nycomed-Gruppe, die von Hakan Björklund geleitet wird. Bei einem Unternehmenswert von rund vier Milliarden Euro erzielt sie selbst mehr als zwei Milliarden Euro. Zum 1. Januar 2007 geht das Geschäft über die Bühne, Altana Pharma mit 8900 Mitarbeitern wird Tochter von Nycomed. Nycomed, 1874 von einem Norweger gegründet, gehört den Finanzinvestoren Nordic Capital, Credit Suisse und Blackstone. Geschäftsmodell von Nycomed ist es, die finanziell riskante Grundlagenforschung – bisher eine Altana-Spezialität – anderen zu überlassen und erst später in die Entwicklung eines Medikaments einzusteigen. (rau)

Ein Spezial-Dossier zu Nycomed/Altana finden Sie hier

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