Mein

Kinder müssen raufen dürfen

02.04.2008
Artikel drucken


Die Gleichung ist ebenso schlicht wie praktisch: Verhalten sich Kinder und Jugendliche auffällig aggressiv, sind selbstredend die Medien schuld. Das entlastet die Gesellschaft, allen voran die Politik, denn eine Bekämpfung der tatsächlichen Ursachen - Armut, Gewalt in der Familie, fehlende Perspektiven - wäre ein ungeheurer finanzieller Kraftakt. Thomas Hartmann ist protestantischer Pfarrer und als solcher nicht verdächtig, ein Lakai der Unterhaltungsindustrie zu sein. In seinem Buch argumentiert er schlüssig und erfrischend gelassen gegen die kurzsichtigen Behauptungen, die zuverlässig immer dann aufgestellt werden, wenn wieder mal ein jugendlicher Gewaltakt für hysterische Schlagzeilen sorgt. Gewalt, schreibt Hartmann, sei eine unausrottbare "anthropologische Konstante", wie die Menschheitsgeschichte und nicht zuletzt die Bibel belege.

Das aktuelle Phänomen der angeblich überbordenden Gewalt in Video- und Computerspielen sei hingegen hausgemacht und eine Konsequenz der Friedenspädagogik aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, als man hoffte, eine heile Welt schaffen zu können, "indem man alle Gewalt ausmerzt". Deshalb fordert Hartmann: "Schluss mit dem Gewalt-Tabu!" Man müsse allerdings zwischen unterschiedlichen Formen von Gewalt differenzieren; viel zu selten würde in entsprechenden Diskussionen darauf hingewiesen, dass nicht jeder Gewaltakt das Ziel habe, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Jungs hätten es in ihrer Erziehung aber überwiegend mit Frauen zu tun, "die häufig jegliche Gewalt besonders heftig abwehren".

Hartmann ruft daher dazu auf, Kinder sollten ihr natürliches Gewaltpotenzial etwa in Form harmloser Raufereien spielerisch ausleben dürfen, denn dann "würde auch die bösartig-zerstörerische Gewalt vermutlich nachlassen". Seine Forderung: "Friedenserziehung muss um eine Gewalterziehung ergänzt werden".

Ein Verbot so genannter Killerspiele hingegen hält er für anachronistische "Volkserziehung". Detailliert weist er nach, dass selbst brutale Video- und Computerspiele nicht "zu einer Zunahme zerstörerischer Gewalt" geführt hätten. Hartmann, Jahrgang 59, illustriert seine Thesen mit Erlebnissen aus der eigenen Jugend sowie Erfahrungen als Vater von vier Kindern. Diese Perspektive ist interessanter als die Ausflüge in die Bibel-Exegese und die Psychoanalyse. Seine Analyse der Kriminalstatistiken hingegen nimmt Populisten das Segel aus dem Wind. Abgerundet werden seine Ausführungen um konkrete Tipps für Eltern und Erzieher sowie Vorschlägen für "Coolness"- und Konflikttraining. Ein lesenswertes Buch, das die Debatte um neue Aspekte bereichert.

Tilmann P. Gangloff

Thomas Hartmann: "Schluss mit dem Gewalt-Tabu! Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen". Eichborn-Verlag, Frankfurt/M. 256 S., 17.95 €.

Konstanz
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung