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Konstanz Katharina Holzinger hat ein Forschungsprojekt in Afrika begonnen

Die Konstanzer Politikwissenschaftlerin Katharina Holzinger hat eben ein hoch spannendes Forschungsprojekt in Afrika begonnen. Es geht um das Nebeneinander von modernem Staat und traditioneller Stammesorganisation. Unter anderem darüber spricht sie am 19. Januar bei „Ausgesprochen: Wissenschaft“ im Konstanzer Voglhaus.

Die Gerichtsverhandlung findet unter freien Himmel statt, die Öffentlichkeit ist das ganze Dorf, die Kammer besteht nicht aus studierten Juristen. In einem Dorf irgendwo in Ruanda werden Vorkommnisse aus dem Völkermord an den Tutsi verhandelt, und es scheint ein Bild aus einer anderen Zeit zu sein. Doch die vermeintliche Vergangenheit ist Gegenwart, und mit der Gegenwart solcher Rechtssysteme beschäftigt sich Katharina Holzinger. Die Politikprofessorin hat für die Universität Konstanz 1,5 Millionen Euro Forschungsgelder an Land gezogen, um ein spannendes Thema genauer zu erforschen: Es geht um das Mit- und bisweilen auch Gegeneinander von staatlichem Handeln und überlieferter Organisation des Gemeinwesens.

Staatliche Gerichtsbarkeit neben Justiz der Stämme

Was sie und ihre Kollegen in den nächsten Jahren vor allem in Afrika herausfinden werden, weiß Holzinger natürlich noch nicht – aber sie weiß, welche Fragen zu stellen und wie Antworten zu erarbeiten sind. In Uganda zum Beispiel gibt es neben dem modernen Staat auch regionale Königtümer, in anderen Ländern existieren eine staatliche Gerichtsbarkeit und die Justiz der Stämme nebeneinander. „Juristen“, sagt Holzinger, „haben dazu unter dem Stichwort Rechtspluralismus schon einiges geforscht.“ Auch Anthropologen haben Stämme und ähnliche Strukturen erforscht. Doch der Zugriff der Politikwissenschaftler auf das Thema war bisher eher spärlich. Das hat auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) so gesehen und Holzinger eines der hoch dotierten Reinhart-Koselleck-Projekte zugesprochen.

Keine Trennung zwischen Staat und Religion

Geforscht wird zunächst in vier afrikanischen Ländern, Uganda, Tansania, Namibia und voraussichtlich Kenia. In den unterschiedlichen Staaten spielen die traditionalen Machtstrukturen jeweils eine andere Rolle, doch meist sind es archaische Prinzipien, die zugrunde liegen. Häufig, sagt Holzinger, gibt es keine echte Trennung zwischen Staat und Religion, Gewaltenteilung ist unbekannt, die Rechtssprechung folgt eigenen Normen, die mit westlichen Vorstellungen von Menschenrechten kaum in Einklang zu bringen sind: Frauen genießen bei weitem nicht die gleichen Rechte wie Männer, und die Strafen sind bisweilen „inhuman“ – wie genau Holzinger und ihre Kollegen allerdings hinsehen können, kann die Professorin bisher kaum abschätzen.

Alle Staaten der Welt sollen untersucht werden

Das Nebeneinander unterschiedlicher Verfasstheiten ist freilich nicht auf Afrika beschränkt – neben der tiefgründigen Forschung südlich der Sahara haben die Konstanzer Forscher noch ein weiteres Projekt in Angriff genommen werden. Alle Staaten der Welt wollen sie zumindest oberflächlich unter der Forschungsfrage „Traditionale Governance und moderne Staatlichkeit: Die Auswirkung ihrer Integration auf Demokratie und inneren Frieden“ untersuchen – von den Sami in Nordskandinavien über die Reservate Amerikas bis zu den Aborigenes etwa in Australien.

Parallelgesellschaften also – bietet auch Berlin-Neukölln ein Forschungsfeld, wenn es um Stammesjustiz und die Konflikte mit dem Staat geht? Katharina Holzinger sagt, man könne die Fragen nicht einfach zusammenwerfen. Das Thema Integration verbinde die so unterschiedlichen Ausprägungen des Nebeneinanders einerseits – andererseits stehen in den afrikanischen Ländern andere Fragen im Vordergrund. Etwa die, wie traditionale Gerichtsbarkeiten in die staatliche Organisation aufgenommen werden könnten.

Suche nach Ursache für Unruhen in Afrika

Ob das Nebeneinander zweier, in ihren Grundannahmen oft unvereinbarer, Systeme eine Ursache für die beständigen Unruhen, Umstürze und auch für die Armut in weiten Teilen Afrikas ist, auch dazu will Holzinger Antworten finden. In Ruanda wird sie eher nicht suchen. Denn die dortigen Gacacas, die Dorfgerichte auf der Wiese, haben eine ganz andere Vorgeschichte. Sie sind ins Leben gerufen worden, weil nach dem Völkermord fast alle Richter tot oder geflohen waren. Weil aber die Vergangenheit irgendwie aufgearbeitet werden musste, führte die Regierung die Gerichte wieder ein, die sich aber von ihren traditionellen Vorgängern deutlich unterscheiden. Zwei der Unterschiede sagen besonders viel aus. So sind Frauen beteiligt, und es können nur Gefängnisstrafen verhängt werden.



Katharina Holzinger und "Ausgesprochen: Wissenschaft"
  • Der Gast: Katharina Holzinger, geboren 1957, gehört zu den profiliertesten Forschern an der Universität Konstanz. Sie promovierte in Augsburg, arbeitete in Forschungseinrichtungen in Berlin, Bonn und an der Harvard-Universität in den USA und erlangte an der Universität Bamberg mit einer Arbeit über "Transnational Common Good" (über Staatsgrenzen hinweg vorhandene Allgemeingüter) den Professorentitel. Holzinger hatte Professuren in Duisburg-Essen und Hamburg inne, bevor sie 2007 auf die Professur für Internationale Politik und Konfliktforschung an der Universität Konstanz berufen wurde. Von 2009 bis 2012 war sie zudem Prorektorin für Internationales und Gleichstellung an der Uni.
  • Die Forschung: Katharina Holzinger beschäftigt sich vor allem mit den Themen Europäische Integration, Konflikte und Bürgerkriege, Theorien politischer Entscheidungen und Konfliktlösung, aber auch mit Umweltpolitik oder Verhandlungsforschung. Sie wählt dabei nach eigenem Bekunden häufig eine Mischung als quantitativen, also zahlengetriebenen, und qualitativen, also eher an Einzelbeispielen in die Tiefe gehenden, Methoden. Die Aufhebung dieses alten Gegensatzes sei in der Wissenschaft inzwischen nicht mehr ungewöhnlich, sagte sie im Newsletter ihres Fachbereichs. Holzingers bisher größter Erfolg ist der Zuschlag eines Reinhart-Koselleck-Projekts, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft für neuartige und „im besten sinn risikobehaftete“ (DFG) Forschungsvorhaben auslotet. Über den Zeitraum von fünf Jahren stellt die DFG nun 1,5 Millionen Euro bereit.
  • Der Abend: „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe von Universität, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung sowie SÜDKURIER. Einmal im Monat geben Spitzenforscher der regionalen Hochschulen im Dialog mit einem Journalisten einen Einblick in ihre aktuellen Vorhaben. Das öffentliche Zwiegespräch – die Fragen stellt am Dienstag, 19. Februar, SÜDKURIER-Redaktionsleiter Jörg-Peter Rau – soll einer breiten Öffentlichkeit Zugang zu aktuellen Forschungsfragen geben. Das Voglhaus ist an dem Abend bewirtet, und im Anschluss sind Fragen möglich. Einlass ist pünktlich um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei, es können keine Plätze reserviert werden. Der folgende Termin ist wieder am zweiten Dienstag im Monat – am 12. März ist der Kommunikationsdesigner Andreas Bechtold von der HTWG zu Gast.
 


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Ausgesprochen: Wissenschaft: „Ausgesprochen: Wissenschaft“ ist ein gemeinsames Angebot von SÜDKURIER, Universität und HTWG Konstanz. In einem dreiviertelstündigen Dialog erklären Spitzenforscher aus den Hochschulen der Stadt allgemeinverständlich, woran sie arbeiten.
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