Konstanz bekommt nach 72 Jahren eine neue Synagoge. Der Durchbruch beendet jahrelange Querelen. 1938 zerstörten Nazis das jüdische Gotteshaus. Noch in diesem Jahr soll es den Spatenstich für den einzigen Synagogen-Neubau am Bodensee geben.
Der Termin hätte besser nicht sein können. Die würdige Gedenkfeier zur Deportation der badischen Juden nach Gurs in Südfrankreich vor genau 70 Jahren war gerade zu Ende, da verkündete der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank den Durchbruch: Konstanz bekommt eine neue Synagoge. Jahrelange, mit unschönen Details gespickte Auseinandersetzungen innerhalb der in Konstanz lebenden Juden dürften damit Geschichte sein. Und als sichtbares Zeichen für den Neubeginn gibt es noch in diesem Jahr einen Spatenstich, zu dem auch hochrangige Landespolitiker erwartet werden. Immerhin ist es der einzige Synagogen-Neubau am Bodensee – die nächsten jüdischen Gotteshäuser stehen in Lörrach, Freiburg und bald auch in Rottweil.
Geklärt ist mit der überraschenden Entwicklung auch, wer auf dem von der Stadt Konstanz zur Verfügung gestellten Grundstück im Herzen der Altstadt bauen darf. Es war vor Jahren der örtlichen Israelitischen Kultusgemeinde zur Verfügung gestellt worden. Dann kam es zum Zerwürfnis zwischen der Gemeinde und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG). Die Gemeinschaft, die einen Vertretungsanspruch für alle Juden Badens erhebt und diesen auch durch einen Staatsvertrag mit dem Land zugebilligt bekam, gründete daraufhin eine zweite Gemeinde in der Stadt. Die ältere und größere Kultusgemeinde sollte bis Ende 2008 bauen, konnte dies aber mangels Finanzen nicht – bis heute liegt das Grundstück brach und der ebenfalls zur Liegenschaft gehörende, denkmalgeschützte ehemalige Gasthof „Anker“ verfällt zunehmend.
Nun soll alles ganz schnell gehen. Oberbürgermeister Horst Frank reagierte höchst erfreut auf den Beschluss des Oberrats, den Bau jetzt anzugehen: „Das ist eine überaus gute Nachricht und für die Stadt Konstanz eine hervorragende Perspektive.“ Zuvor hatte die Religionsgemeinschaft ihr Budget von 1,5 auf 1,8 Millionen Euro erhöht. Das, erklärte Vorsitzender Wolfgang Fuhl, ermögliche den Bau in der Innenstadt unter Einbeziehung der denkmalgeschützten Bausubstanz. „Für uns war es immer klar, dass wir in der Innenstadt sein und ein offenes Haus für unsere Mitglieder und die ganze Öffentlichkeit bieten wollen.“
Im Verbund mit der Synagoge will die Religionsgemeinschaft ein Gemeindezentrum errichten. Die Stadt übernimmt nach einer früheren Vereinbarung ein Viertel der Kosten, die zu einem großen Teil durch das Grundstück eingebracht werden. Den Rest muss die Israelitische Religionsgemeinschaft stemmen. Dies, so Oberrats-Vorsitzender Fuhl, sei durch „außerordentlich gute Kirchensteuereinnahmen“ möglich. Die örtlichen Gemeinden, die sich zunächst zu einem gemeinsamen Bauausschuss zusammenringen müssen, stehen für die gesamte Ausstattung und Inneneinrichtung in der Pflicht.
Die ersten Gottesdienste sollen im Frühjahr 2012 in der neuen Synagoge gefeiert werden. Beide Gemeinden wünschen sich, dass die Öffentlichkeit über Konstanz hinaus den Bau des Gotteshauses zu ihrer Sache macht. Ein Förderverein ist bereits geplant, beim Bau zum Zug kommen sollen nur regionale Handwerker.
Und die Sache mit den zwei Gemeinden könnte sich bis zur Eröffnung auch geklärt haben – das Versöhnungsfest Jom Kippur am 18. September in diesem Jahr soll, wie von beiden Seiten durchklingt, schon ein echtes Tauwetter eingeleitet haben.